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Sunday, September 20, 2026

Jubiläum einer Talentschmiede – Kann man Schreiben lernen? 20 Jahre «Biel»

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Im hiesigen Literaturbetrieb war das eine Sensation: 2022 wurde «Blutbuch», der Debütroman von Kim de l’Horizon, sowohl mit dem deutschen als auch mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. Eine Doppel-Ehrung, die selten vorkommt – eigentlich. Doch bereits im vergangenen Jahr wiederholte sie sich. Beide Preise gingen an Dorothee Elmiger. Literaturkritik und Jurys überschlugen sich in ihrer Begeisterung für den Roman «Die Holländerinnen».

Sowohl Elmiger als auch de l’Horizon stammen aus der Schweiz und haben das Schweizerische Literaturinstitut in Biel besucht. Sie haben also eine Schreib-Ausbildung durchlaufen und von der Hochschule der Künste Bern (HKB), zu der das Institut gehört, einen Bachelor of Arts in Literarischem Schreiben verliehen bekommen. Anschliessend ging es mit ihrer Karriere steil bergauf.

Bekannte Namen

Elmiger und de l’Horizon mögen als die Stars des Studiengangs gelten. Aber die Liste namhafter Absolventinnen und Absolventen ist länger, viel länger. Auf ihr stehen etwa Arno Camenisch, Michael Fehr, Heinz Helle, Simone Lappert, Julia von Lucadou, Gianna Molinari, Michelle Steinbeck, Maria Ursprung oder Julia Weber.

Aus der Romandie – der Studiengang wird auf Deutsch und Französisch angeboten – wären beispielsweise Romain Buffat und Elisa Shua Dusapin zu nennen.

Eine Schreib-Community

«Ich glaube, ohne das Literaturinstitut wäre ich nicht Autorin geworden, weil das ja schon ein ziemlich absurdes Unterfangen ist, in der heutigen Zeit einen Roman schreiben zu wollen. Das dauert einfach Jahre», so Julia von Lucadou. Sie hat «Biel», was in der Branche längst zum Synonym fürs Literaturinstitut geworden ist, 2017 abgeschlossen.

Historisches Gebäude mit dekorativer Fassade umgeben von Bäumen.
Legende: Ein geschützter Ort zum Schreiben und Schreiben-Lernen. Das Literaturinstitut ist in einer Jugendstil-Villa in Biel untergebracht. Hochschule der Künste Biel

Gerade ist von Lucadous dritter Roman «Zeiten erhöhter Gefahr» erschienen. Sie konnte ihren Traum von einem Dasein als Schriftstellerin also verwirklichen. Über ihren Erstling, der grösstenteils in Biel entstanden ist, sagt sie: «Ich hätte das ohne diese Community von anderen Schreibenden und Lehrenden, die Texte genauso ernst nehmen wie ich, nicht durchgehalten.»

Dankbar für die Zeit zum Ausprobieren

Von Lucadou ist mitnichten die Einzige, die so denkt. Spricht man mit jenen, die am Literaturinstitut studiert haben, so hört man vor allem eines heraus: Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, sich drei Jahre lang mit Texten befasst haben zu dürfen. Sich in einem Umfeld befunden zu haben, in dem alle die Lust am Schreiben teilen.

Der Bündner Autor Arno Camenisch etwa sagt: «Der Aufbau des Studiums ist eine grosse Stärke. Im Zentrum liegen stets die eigene Textproduktion und die eigenen Projekte. Es geht darum, die eigene Stimme zu entwickeln und auch herauszufinden, was die eigenen Themen sind. Man ist aufgefordert, genau hinzuschauen. Das ist auch für die Zeit nach dem Studium essentiell, darauf baut alles auf.»

Abkehr vom Genie-Kult

Dass es 2006 zur Gründung des Schweizerischen Literaturinstituts kam, war keine Selbstverständlichkeit. Während Creative-Writing-Programme im anglophonen Raum Tradition haben, herrschte in deutschsprachigen Breitengraden lange der Genie-Kult vor. Das Denken: Schreiben kann man entweder, oder man kann es nicht.

Der Berner Dramatiker und Schriftsteller Guy Krneta war da anderer Meinung. «Bildende Künste oder Musik werden doch auch an Hochschulen unterrichtet. Wieso nicht das Schreiben?»

Mangels Alternativen ging er einst an die Universität. Er studierte unter anderem Theaterwissenschaften – und scheiterte, wie er sagt. Gerne hätte er am Anfang seiner schriftstellerischen Laufbahn einen Ort wie das heutige Literaturinstitut besucht. «Mir hat so etwas damals gefehlt, ja», sagt er. Entsprechend glücklich sei er darüber, dass es für die nächsten Generationen von Schreibenden nun Möglichkeiten gibt, die er selbst nicht hatte.

Der richtige Moment

Krneta gilt als Gründungsvater des Instituts. Im Rahmen eines späteren Kulturmanagement-Studiums verfasste er 2003 eine Diplomarbeit, in der er eine «Nationale Ausbildungsstätte für literarische Autor/innen in der Schweiz» skizzierte. Gemeinsam mit mehreren Mitstreiterinnen und Mitstreitern leistete er dann viele Stunden Überzeugungsarbeit und sorgte dafür, dass aus der Idee ein Institut wurde.

In Deutschland gab es zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Schreib-Studiengänge. In Leipzig und in Hildesheim. «Dort hatte man also inzwischen die Erfahrung machen können, dass es möglich ist, das Schreibhandwerk zu unterrichten», so Krneta. «Hinzu kam, dass sich die Berner Hochschule der Künste gerade in der Gründung befand und offen gezeigt hat für das Vorhaben». Es sei «einfach der richtige historische Moment» gewesen, so Krneta.

Im Herbst 2006 startete der erste Jahrgang. Ihm gehörte Dorothee Elmiger an, der spätere Literatur-Star. Schon damals habe man gespürt, dass ihre Texte etwas Besonderes seien, so Krneta.

Herzstück des Studiums ist das Mentorat: Den Studierenden wird eine erfahrene Autorin oder ein erfahrener Autor zur Seite gestellt. Im Schnitt trifft man sich alle zwei Wochen, um über das Projekt, an dem der Mentee arbeitet, zu sprechen. Eine sehr intensive, individuelle Betreuung also. Hinzukommen Schreibateliers im grösseren Rahmen sowie Theorie-Seminare.

Das sagen Absolventinnen und Absolventen

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  • Bild 1 von 6. Julia von Lucadou. «In Biel habe ich Grundvertrauen in mein Schreiben gewonnen. Und ich habe gelernt, wie wahnsinnig wichtig der Austausch mit anderen Schreibenden ist.». Bildquelle: Guido Schiefer.

  • Bild 2 von 6. Arno Camenisch. «Der Aufbau des Studiums ist eine grosse Stärke, im Zentrum liegen stets die eigene Textproduktion und die eigenen Projekte.». Bildquelle: KEYSTONE/Anthony Anex.

  • Bild 3 von 6. Gianna Molinari. «Etwas Wichtiges, das ich im Studium gelernt habe, ist das Loslassen, das Zeigen von Texten, die noch nicht fertig sind. Ich habe erfahren, dass man auch in diesem Stadium der Arbeit schon darüber sprechen kann.». Bildquelle: KEYSTONE/Christian Beutler.

  • Bild 4 von 6. Heinz Helle. «Ich habe in Biel gelernt, dass Schreiben ein Beruf ist. Und dass ich diesen Beruf nicht nur ausüben darf, sondern es auch kann.». Bildquelle: KEYSTONE/Gaetan Bally.

  • Bild 5 von 6. Maria Ursprung. «Ich habe sehr davon profitiert, dass ich verschiedene Textformen ausprobieren durfte. Formen, an die ich mich sonst nicht gewagt hätte. Ich konnte spielen und experimentieren.». Bildquelle: Aron H. Matthiasson.

  • Bild 6 von 6. Daniel Mezger. «Der Satz, der im Studium am prägendsten war, das war die Frage ‹Kann man schreiben lernen?›. Ich glaube, ich habe keine Frage so oft gehört wie diese.». Bildquelle: KEYSTONE/Gaetan Bally.

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Vorwurf: «Institutsprosa»

Von Anbeginn waren Schreibschulen wie jene in Biel mit dem Vorwurf konfrontiert, sie brächten lediglich «Institutsprosa» hervor. Gemeint war damit ein «Einheitsbrei», dem man die handwerkliche Ausbildung sofort anmerke. Texte und Bücher, die nach strengen ästhetischen Regeln gezimmert seien, aber wenig Wildes an sich hätten und kaum drängende Fragen aufgriffen.

Nach 20 Jahren Schweizerisches Literaturinstitut lässt sich dieser Vorwurf jedoch nicht mehr halten. Was die Absolventinnen und Absolventen seither publiziert haben, könnte unterschiedlicher kaum sein. Kim de l‘Horizons erfolgreiches «Blutbuch» erzählt in einem ungestümen Stilmix von den Nöten einer non-binären Person. Dorothee Elmiger vermischt in ihren intellektuellen Texten Essay und Roman. Arno Camenisch schreibt lakonische Geschichten aus der Bündner Bergwelt. Maria Ursprung hat sich als Theater- und Hörspiel-Autorin einen Namen gemacht, Levin Westermann als Lyriker. Und mit Nora Osagiobares «Daily Soap» ist unlängst ein Roman in Seifenoper-Form erschienen.

Die Themen- und Formenpalette der Bieler Autorinnen und Autoren ist ausgesprochen breit. Kein Einheitsbrei.

Strenger Auswahlprozess

Dieser Tage hat das neue Semester begonnen. 17 Studierende wurden zugelassen, elf von ihnen mit der Schreibsprache Deutsch, sechs mit der Schreibsprache Französisch. Über 100 hatten sich beworben. Obwohl literarisches Schreiben als brotlose Kunst gilt, ist das Interesse am Studiengang konstant hoch.

Wer ans Institut will, muss eine Eignungsprüfung bestehen. Verlangt wird zunächst eine längere Textprobe. Ist diese überzeugend, wird man zum Gespräch eingeladen. Talent und Schreiblust müssen also schon vorhanden sein; die lassen sich auch in Biel nicht antrainieren. Aber alles Weitere kann dort dann offenbar sehr gut reifen.

Konkurrenz durch KI

Eine eigene, markante Stimme zu entwickeln und unnachahmliche Texte zu schreiben, die sich von der Konkurrenz durch KI abheben: Das wird die Herausforderung der nächsten Jahre sein. Vor dieser Aufgabe stehen jedoch alle Schreibenden – ob sie nun am Literaturinstitut studiert haben oder nicht.

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