25 Jahre 9/11: Der Ausnahmezustand ist heute Normalzustand

Die anfängliche Reaktion auf den 11. September hat eine gefährliche Eigendynamik entwickelt. Kontrollinstanzen gerieten zunehmend ins Abseits.
I n Deutschland erzählen wir unseren Kindern gern, dass Lügen kurze Beine haben. Soll heißen: Sag lieber gleich die Wahrheit, denn mit Lügen kommst du nicht weit. Dabei ist die Welt voller Beispiele, die das Gegenteil belegen.
Eines der folgenreichsten Beispiele kennen zumindest die Älteren unter uns wohl alle: Am 5. Februar 2003 trat der damalige US-Außenminister Colin Powell vor den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, im Gepäck Satellitenbilder, Tonaufnahmen angeblich abgehörter Telefonate und, um der Dramatik willen, eine winzige Ampulle mit weißem Pulver, welche die Menge Anthrax symbolisieren sollte, die es bräuchte, den amerikanischen Kongress lahmzulegen.
„Jede Aussage, die ich heute mache, ist durch solide Quellen belegt. Was wir Ihnen hier vorlegen, sind Fakten und Schlussfolgerungen“, behauptete Powell und präsentierte 76 Minuten lang eine Lüge nach der anderen über eine angebliche akute Bedrohung der westlichen Welt durch irakische Massenvernichtungswaffen. Um ein weiteres 9/11 zu verhindern, so die Logik, müsse gehandelt werden, und zwar sofort.
Powell log, doch das immerhin sei zu seiner Verteidigung gesagt: Er glaubte wohl zumindest teilweise selbst an seine Lügen, weil verschiedene amerikanische Geheimdienste wollten, dass er sie glaubt. „Saddam Hussein und sein Regime“, lautete die Kernbotschaft Powells, „werden vor nichts zurückschrecken.“ Sechs Wochen nach Powells Rede wurden die ersten Bomben auf Bagdad abgeworfen. Der zweite Krieg des „Global War on Terror“, den der damalige US-Präsident George W. Bush nach den Anschlägen des 11. September ausgerufen hatte, begann.
Antiterroroperationen in 85 Staaten
Diesmal ohne Mandat der Vereinten Nationen, dafür aber mit einer Koalition der Willigen aus zunächst 48 Staaten. Deutschland gehörte nicht dazu. Afghanistan und Irak aber waren nur die sichtbaren Feldzüge eines Kriegs, dessen Folgen seit dem 11. September 2001 nicht nur den Nahen Osten, sondern die gesamte internationale Ordnung und ihre Spielregeln verändert haben.
Vieles von dem, was wir heute als Polykrise wahrnehmen, hat seine Wurzeln im amerikanischen Trauma jenes Septembermorgens, als bei strahlend blauem Himmel kurz nacheinander zwei Flugzeuge erst in den Nord-, dann in den Südturm des World Trade Centers gelenkt wurden. Fast könnte man sagen: Das mörderische Tun der 19 Al-Qaida-Terroristen entfaltete seinen wahren Schrecken vor allem in den Jahren danach – und wirkt bis heute in vielen Bereichen unseres Lebens nach, und zwar meist, ohne dass wir uns der Verbindung bewusst wären.
2.977 Menschen starben unmittelbar durch die Anschläge am 11. September 2001. Dazu kommen, nach aktuellen Schätzungen, mehr als 9.000 Menschen, die an Folgekrankheiten durch den giftigen Rauch und Staub der eingestürzten Türme gestorben sind. Um die wahre Tragödie des Tages und die von ihr ausgelösten Reaktionen zu begreifen, muss man den Blick jedoch weiten, zum Beispiel auf jene Zahlen, die das Langzeitprojekt „The Cost of War“ der Watson School of International Affairs an der renommierten Brown University seit 25 Jahren kontinuierlich erhebt.
Nach seiner Zählung haben amerikanische Kriege in Reaktion auf den 11. September mehr als 940.000 Menschenleben gefordert. In Afghanistan, Pakistan, Irak, Syrien, Libyen, Jemen, Somalia und den Philippinen wurden 38 Millionen Menschen vertrieben, mussten entweder im eigenen Land oder im Ausland Zuflucht suchen. Zu Hochzeiten des War on Terror lancierten die USA in 85 Staaten Antiterroroperationen, darunter gezielte Tötungen, Drohnen- und Luftangriffe.
8.000.000.000.000 Dollar
In der letzten Amtszeit von Joe Biden als US-Präsident waren es noch immer 78 Länder. Die rein finanziellen Kosten des Global War on Terror seit 2001 betragen acht Billionen, also 8.000.000.000.000 Dollar. Dazu kommen zahlreiche Menschenrechtsverletzungen und die Aushöhlung von Bürgerrechten: langjährige Haft ohne Gerichtsverfahren, Folter, umfassende Überwachung, massive Eingriffe in die Privatsphäre.
Heute sind 100 Millionen Amerikaner zu jung, um über den 11. September noch etwas aus eigener Erinnerung zu wissen – der Global War on Terror aber geht weiter, in rund 20 Ländern und noch immer unter derselben „Authorization for Use of Military Force“ (AUMF), mit der am 14. September 2001 der Militäreinsatz in Afghanistan genehmigt wurde. Welche Ironie: Die Rechtsgrundlage des Angriffs hat den Einsatz selbst überlebt – auch über den demütigenden, übereilten Abzug der amerikanischen und aller westlichen Truppen aus Afghanistan im August 2021 hinaus.
Der Krieg, der den Terrorismus beseitigen sollte, trug am Ende selbst dazu bei, neue Gegner und Konflikte hervorzubringen
Und der Afghanistankrieg endete, wie er begann: mit den Taliban an der Macht. Eine weitere bittere Fußnote der Geschichte: Erst der von den USA herbeigeführte Sturz Saddam Husseins, eines der stärksten Gegner und Feinde Irans, ermöglichte es Teheran, seinen regionalen Einfluss massiv auszuweiten. Irak wurde zum Einfallstor für iranischen Einfluss, während der Zusammenbruch staatlicher Ordnung und die amerikanische Besatzung neue Räume für jene Kräfte schufen, die Washington später wieder als Erzfeinde bekämpften – von schiitischen Milizen bis zu sunnitischen Dschihadisten.
So trug der Krieg, der den Terrorismus beseitigen sollte, selbst dazu bei, neue Gegner und Konflikte hervorzubringen, die wiederum als Rechtfertigung für die Fortsetzung des Global War on Terror dienten. Im Rückblick wirken die Worte von Bushs Vizepräsident Dick Cheney, der im Chaos unmittelbar nach den Anschlägen als der eigentliche Krisenmanager und damit zu einem der mächtigsten Vertreter dieser Rolle wurde, geradezu prophetisch: „Wir müssen aber auch, wenn man so will, auf der dunklen Seite arbeiten. […]
Für Trump sind Lügen bevorzugtes Mittel
Vieles von dem, was hier getan werden muss, wird still und ohne öffentliche Diskussion geschehen müssen […].“ Ein Modus Operandi, der seither von der Ausnahme zur Regel geworden ist. Erst handeln, dann – vielleicht – fragen. Oder auch nicht. Um den Sturz des irakischen Diktators Saddam Hussein zu rechtfertigen, gaben sich die Geheimdienste und das Team um George W. Bush noch richtig Mühe – und bis heute gilt der Einmarsch der Amerikaner als Sündenfall.
hat von 2003 bis 2005 aus dem Irak berichtet und anschließend Projekte zur Förderung unabhängiger Medien im Nahen Osten geleitet. Seit 2025 ist sie bei der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung.
Der venezolanische Präsident Nicolás Maduro hingegen wurde in einer Nacht-und-Nebel-Aktion entführt und nach den USA verschleppt, ohne Mandat der Vereinten Nationen. Auch der Kongress der Vereinigten Staaten wurde nicht gefragt, nicht einmal informiert. 25 Jahre nach dem 11. September müssen die Lügen, mit denen Kriege gerechtfertigt werden, nicht mehr plausibel wirken, ja, sie dürfen geradezu offensichtlich sein. Wie kein anderer hat US-Präsident Donald Trump die Lüge zum bevorzugten Mittel der Politik erkoren.
Fast täglich erklärt er, die Straße von Hormus sei offen, der Krieg gegen Iran so gut wie gewonnen, das iranische Regime zu großen Zugeständnissen bereit. An einem Tag erklärt er, die iranischen Nuklearanlagen seien vollständig zerstört, nur um kurz darauf wieder mit der atomaren Bedrohung durch Iran weitere Kriegshandlungen zu begründen. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, den Colin Powell mit seiner Multimediashow immerhin noch zu überzeugen suchte, interessiert heute ohnehin niemanden mehr.
Gegen den permanenten Ausnahmezustand, der sich nach dem 11. September immer weiter von kurzfristigen Krisenmaßnahmen zu dauerhaft zementierten Blankoschecks verschob, kommen die demokratischen Kontrollinstanzen auf nationaler und internationaler Ebene kaum noch an. Parlamente, wenn sie überhaupt gefragt werden, genehmigen Befugnisse, die sie später nur selten zurückholen können. Gerichte korrigieren einzelne Exzesse, stellen die zugrunde liegende Logik aber selten infrage.
Weiterradikalisierung durch Trump
Was als Reaktion auf eine konkrete Bedrohung begann, hat eine gefährliche Eigendynamik entwickelt und schleichend eine neue Normalität geschaffen. So gesehen ist der Regierungsstil Trumps eine logische Konsequenz der Erosion demokratischer Standards nach dem 11. September. Die mit der Bush-Doktrin etablierte Präventionslogik – wir greifen an, bevor wir angegriffen werden – rechtfertigt auch 25 Jahre später noch Kriege und Militäraktionen.
Donald Trump aber hat sie weiterradikalisiert und den Fokus verändert. Argumentierte George W. Bush noch mit dem Anspruch, „die freie Welt“ zu verteidigen – in Berlin widergespiegelt damit, die Sicherheit Deutschlands werde auch am Hindukusch verteidigt–, hat Trump das nationale Interesse zum entscheidenden Maßstab gemacht und leitet daraus einen geradezu universellen Machtanspruch ab, sowohl international als auch im eigenen Land: Außergewöhnliche Bedrohungen rechtfertigen außergewöhnliche Machtbefugnisse.
Die Entführung Maduros aus Venezuela passt ebenso in dieses Muster wie die erratische Zollpolitik Trumps oder die Angriffe auf angeblich Drogen schmuggelnde Boote in internationalen Gewässern: Amerikanische Interessen werden über internationales Recht gestellt. Ein aus Sicht der US-Regierung illegitimer und krimineller Machthaber wird zur Bedrohung erklärt, der beseitigt werden darf beziehungsweise muss.
Staaten, die den amerikanischen Wohlstand durch angeblich unfaire Handelspraktiken bedrohen, dürfen sanktioniert, bedroht und gedemütigt werden. Und gegen Narkobosse braucht es keine Fahndung mit Haftbefehlen, sondern Lenkflugkörper und Luftangriffe. Im Inneren zeigen die Militarisierung der Einwanderungspolitik und das aggressive Vorgehen der ICE, wie die Befugnisse des staatlichen Sicherheitsapparats ausgeweitet werden:
Sie können sich gegen jeden richten, den die Regierung zur Bedrohung erklärt. Jederzeit. Auch das gehört zum traurigen Erbe des 11. September: Der Ausnahmezustand ist längst kein Ausnahmezustand mehr.
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