Architektur in Deutschland und Italien: In bester Ordnung

In Glückstadt wirken Häuser fertig bis ins Detail. In Kalabrien bleiben manche Fassaden unverputzt. Was sagt uns das?
Auf einem kleinen Tisch sind verschiedene Objekte ordentlich und symmetrisch ausgelegt: Bücher, Dekorationen, alte Tassen, Scheren. In Glückstadt sitzt eine ältere Frau vor ihrem Haus und verkauft Dinge, die sie nicht mehr braucht.
Das Haus ist gepflegt. Die weißen Wände, die dunklen Linien der Fassade und die grün gestrichene Tür wirken beinahe inszeniert. Ich bin in Glückstadt in Schleswig-Holstein, weil ich einen Kurzurlaub mache, ich will mir die Gegend an der Unterelbe anschauen. Hier sehen viele Häuser so aus wie das der älteren Frau: Hecken gerade geschnitten, Gärten wie geplant, Holz sauber gestapelt, fast wie Lego.
wochentaz
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Ich kaufe eine kleine Schere vom Tisch, und die Frau wirkt zufrieden.
„Könnten Sie in einer Wohnung leben, die nicht ordentlich aussieht?“, frage ich. „Nein, auf keinen Fall. Das könnte ich nicht.“ Dann schaut sie auf ihre Tür und sagt: „Obwohl … es gibt auch hier noch vieles, was nicht gemacht worden ist. Ich wohne seit 40 Jahren hier. Eigentlich müsste ich die Tür noch mal streichen.“
Die Kratzer auf der Tür fallen kaum auf. Man bemerkt sie erst, wenn sie darüber spricht.
Deutsche Ordnungsbesessenheit
Eine Bekannte von ihr, die neben ihr steht, nickt. „Das gehört einfach zum Wohlfühlen. Natürlich gibt es auch Deutsche, die wollen, dass alles perfekt aussieht. Wie eine Besessenheit, damit nach außen hin alles ordentlich wirkt. Aber ich bin nicht so. Ich pflege meine Wohnung für mich!“
Hinter einer Glastür stehen Schuhe ordentlich nebeneinander. Ein kleiner Rasenmähroboter bewegt sich fast lautlos von allein und fährt stundenlang über dieselbe Fläche.
Und doch entsteht ein seltsames Gefühl. Vor diesen Häusern fühle ich mich selbst wie ein Element der Unordnung. Trotzdem ziehen sie mich an.
Foto: Carla Farris
Ich bin auf Sardinien mit ungestrichenen Fassaden und offenen Baustellen groß geworden und frage mich unweigerlich: Wie schafft man es, dass ein Ort so fertig wirkt?
Ordnung selbst im Werkzeugschuppen
Hier in Glückstadt scheint die Grenze des Fertigseins anders zu verlaufen. Schon eine zerkratzte Tür fällt auf, obwohl man sie erst bemerkt, wenn jemand darauf zeigt.
Die Neugier treibt mich dazu, nach Unregelmäßigkeiten zu suchen. Doch lange finde ich keine. Selbst die Schuppen für Werkzeuge oder Gartenpflege sind oft besser gepflegt als viele Wohnhäuser in meiner Heimat.
Bis ich schließlich ein Haus entdecke, das anders aussieht. Der Garten ist überwuchert. Vor der Tür liegen alte Gegenstände, ungeordnet.
Ich gehe näher heran, in der Hoffnung, jemanden zu treffen. Aber das Haus ist leer: Dort lebt niemand. Das einzige Haus, das unfertig wirkt, ist zugleich das einzige, in dem niemand lebt.
Jasmine, Italienerin, die seit 20 Jahren in Deutschland lebt, führt ein kleines Restaurant im Zentrum Glückstadts. Drinnen läuft italienische Popmusik, an den Wänden hängen Bilder aus Italien. Das Restaurant wirkt weniger wie ein Ort in Italien, eher wie eine vage Erinnerung daran.
Aber das Leben hier ist so: Arbeit, nach Hause, Arbeit; nach 22 Uhr gibt es nichts mehr draußen. Ich gehe schlafen.
Jasmine, Restaurant-Betreiberin
Jasmine empfindet die Ordnung hier als zu viel. Doch während sie spricht, rückt sie Gläser zurecht und streicht Servietten glatt. Ihre Hände widersprechen ihr nicht, sie erzählen nur, dass sie diese Ordnung längst verinnerlicht haben. „Aber das Leben hier ist so: Arbeit, nach Hause, Arbeit; nach 22 Uhr gibt es nichts mehr draußen. Ich gehe schlafen.“ Ihre Tochter steht neben ihr und lächelt. Sie trägt einen italienischen Namen, spricht aber kein Italienisch.
Wenn Jasmine wählen könnte, sagt sie, würde sie in Neapel leben. Ihr Leben aber hat sie hier aufgebaut. Das Restaurant heißt trotzdem „Casa Mia“, auf Italienisch: Mein Zuhause.
Einige Stunden später sitze ich im Bus, als der Fahrer auf das Gras am Straßenrand zeigt. „Darum kümmert sich hier auch keiner mehr“, schimpft er. „In Holland wäre das ordentlich gemacht!“ Ich hatte das Gras vorher nicht einmal bemerkt.
Für den Fassadenwechsel nach Kalabrien
Ich reise dann zur Familie meines Schwagers in den tiefen Süden Italiens. Nach Kalabrien, wo Fassaden völlig andere Geschichten erzählen. Aus einem offenen Fenster dringt das Geräusch eines Fernsehers.
Jetzt stehe ich vor einer Fassade, die in Glückstadt vermutlich sofort auffallen würde.
„Hier gibt es wenig Platz. Die Häuser sind schlecht gebaut worden, alles irgendwie ohne Regeln“, sagt Mimma, eine etwa 80-jährige Frau, die seit Jahrzehnten am Stadtrand von Reggio Calabria lebt. „Wer auch nur ein kleines Stück Land hatte, hat darauf gebaut. Man hätte auch woanders bauen können, aber da gab es keine Straßen, und die Gemeinde hat sich darum nicht gekümmert.“
Vor der Tür stehen gepflegte Pflanzen. Doch die Fassade ist ungestrichen geblieben. Die braune Metalltür voller Kratzer wirkt, als stamme sie aus einer anderen Zeit.
„Der Staat hat damals Geld gegeben, damit man die Häuser außen schön macht. Aber unsere Häuser waren nicht richtig angemeldet, deswegen konnten wir das nicht machen. Wir haben das Haus mit unserem eigenen Geometer gebaut, ohne Gemeinde. Für die Legalisierung haben Beziehungen gefehlt. Hier ist eigentlich niemand wirklich in Ordnung.“
Hinter der Tür sehen die Betontreppen aus wie auf einer Baustelle, die nie ganz fertig geworden ist. Die abgenutzten Stufen und der Geruch in der Luft erzählen jedoch von Jahrzehnten des Wohnens.
„Stört es Sie nicht, dass das Haus außen noch nicht fertig ist?“
Sie lächelt: „Natürlich hätte ich es gern fertig. Aber wenn ich das Geld für außen ausgebe, kann ich meinen Kindern nicht helfen. Entweder machst du das eine oder das andere.“ Ihr Blick hebt sich zu dem Jesusbild neben der Tür: „Wenn man viel Geld hat, macht man alles. Alles hängt vom Geldbeutel ab. Wenn wir mehr Geld gehabt hätten, hätten wir vielleicht sogar einen Aufzug gebaut.“ Als das Gespräch wieder auf die Ästhetik der Fassade kommt, spricht sie erneut über ihren Sohn Bruno und die schweren Taschen, die er bis nach oben tragen muss.
Für Mimma ist ein Haus nicht dann fertig, wenn alles gestrichen ist, sondern wenn Platz für die Familie da ist
Für Mimma scheint ein Haus nicht dann fertig zu sein, wenn die letzte Wand gestrichen ist. Fertig ist es, wenn darin Platz für die Familie entstanden ist.
In Kalabrien wurden viele Häuser damals in die Höhe gebaut. Nicht nur, weil es wenig Platz gab, sondern auch, damit später ein Sohn oder eine Tochter dort wohnen konnte. Oft lebten mehrere Generationen im selben Haus.
„Die Eltern opfern sich für die Kinder auf. Sie verzichten vielleicht sogar auf ein Paar Schuhe, gehen nicht ins Restaurant, verzichten auf alles, um den Kindern zu helfen.“ Mimma breitet die Arme aus, als wollte sie sagen: „Was soll ich machen?“
Während sie spricht, hört man draußen einen alten Mann fluchen, der mit dem Fernseher streitet.
Vielleicht liegt die Ordnung in Kalabrien weniger an der Fassade als im Inneren des Hauses. In Glückstadt beginnt sie schon an der Grenze nach außen. Beides ist Ordnung, nur in eine andere Richtung.
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