Deutsche Fahne "zurückholen"?: Warum der Kanzler sich besser nichts von Jürgen Klopp abguckt

Deutsche Fahne "zurückholen"?Warum der Kanzler sich besser nichts von Jürgen Klopp abguckt
Für ein paar richtige, aber ziemlich banale und aus der Zeit gefallene Sätze zum "Nationalstolz" wird Bundestrainer Jürgen Klopp zum besseren Bundeskanzler hochgejazzt. Im Ernst?
Ein rund fünfminütiger Redebeitrag hat Jürgen Klopp in die Reihe möglicher Nachfolger für das Amt des Bundeskanzlers katapultiert. Ach was, an die Spitze der Liste der Wunschkandidaten, Günther Jauch muss sich warm anziehen. Ein altgedienter Reporter der "Bild"-Zeitung zeigt sich zu Tränen gerührt, und er ist nicht allein: Gefühlt weit mehr als die halbe Republik verneigt sich, jubelt oder legt in Leitartikeln Friedrich Merz dingend ans Herz, ganz viel von "Kloppo" zu lernen.
Damit erreicht die ansonsten in der Sache oft berechtigte Kritik an Friedrich Merz Kindergarten-Niveau. Das haben beide nicht verdient, nicht der Bundeskanzler und nicht der Bundestrainer.
Jürgen Klopp hat sich im Rahmen einer sehr langen Pressekonferenz kurz über Deutschland geäußert, über Nationalstolz, Schwarz-Rot-Gold und wie er die Lage der politischen Dinge sieht. Alles in Ordnung, launig und cool vorgetragen, nichts Falsches war dabei, davon können eigentlich alle alles unterschreiben. Eben das jedoch führt auf die Spur des Problems: Dem Bundeskanzler Merz, der sich nun so unbedingt ein Vorbild nehmen soll, würde jeder einzelne dieser Sätze wegen Banalität oder Missverständlichkeit um die Ohren gehauen - und zwar zu Recht.
Man stelle sich vor, der Kanzler hätte so etwas gesagt
In Sachen Politik sei er nur "interessierter Laie", schickte Klopp kokett vorweg. Aber dann ließ er einen gesellschaftspolitischen Monolog folgen. Er würde sich selbst oder "uns gerne die Fahne zurückholen". Wer Schwarz-Rot-Gold – vermutlich im Stadion – schwinge, soll sich nicht schämen oder schief angesehen werden. Damit liegt der Bundestrainer mindestens so weit hinter der Zeit, wie dem Bundeskanzler oft vorgeworfen wird. Die großen, fast krankhaften Berührungsängste der gesellschaftlichen Mitte mit Schwarz-Rot-Gold liegen mindestens ein, zwei Jahrzehnte zurück, sie schienen schon mit dem (schwarz-rot-goldenen) Sommermärchen überwunden, und das war die WM 2006. Der Bundestrainer wirft sich also mutig hinter den Zug: In großer Mehrheit fremdeln die Deutschen längst nicht mehr mit den Symbolen ihres Landes, und was die AfD daraus macht, ist ein anderes Problem. Wer sich die deutsche Fahne "zurückholen" will, der unterstellt, man hätte sie verloren. Wie gesagt: Wenn das Friedrich Merz gesagt hätte...
Oder dasselbe zum "Nationalstolz", den Jürgen Klopp "nicht den falschen Leuten überlassen" möchte. Da hat er gewiss recht, wer will das schon? Seine sinnierende Frage dazu führt freilich geradewegs ins Aus: "Kann man stolz darauf sein, Deutscher zu sein und trotzdem offen und trotzdem vielfältig und trotzdem nett, freundlich. Kann man Mitgefühl haben?" Der Bundestrainer sagte "eindeutig ja" - aber genauso gut hätte er fragen können: Kann man stolz darauf sein, ein Deutscher zu sein und trotzdem ein Mensch? Ist das Satire? Waren wir nicht schon ein, zwei Lichtjahre weiter, wofür gibt es da Applaus? Noch einmal: Man stelle sich vor, der amtierende Bundeskanzler hätte so etwas gesagt. Oder ist es inzwischen eh' schon egal, was gesagt wird, solange es der (vermeintlich) Richtige sagt?
Klopps Satz spiegelt Kern des Kanzler-Problems wider
Kurzum: Der Bundestrainer hat, was er zum Nationalstolz sagte, bestimmt nicht falsch gemeint, indes reichlich seltsam formuliert. Genau das jedoch ist der regelmäßig zu besichtigende Kern des Kanzler-Problems von Friedrich Merz: Etwas, wenn alle zuhören, nicht falsch gemeint zu haben, es aber eben nicht richtig in Worte fasst zu können. Was soll dieser Bundeskanzler von diesem Bundestrainer lernen?
Natürlich trägt Nationalmannschafts-Fußball auch in die gesellschaftliche Gesamtstimmung ein. Manchmal glaubt man sogar, in den Problemen der Mannschaft die Probleme des Landes wieder zu erkennen oder umgekehrt. Der Bundestrainer weiß um diesen Teil seiner Rolle und seiner Aufgabe, das ehrt ihn und wird bestimmt nicht leicht. Aber die Nationalmannschaft tritt nicht gegen die AfD an. Sie könnte mit Jürgen Klopp einfach einmal anhaltend gut spielen und etwas Großes gewinnen. Dann kommen die Freude und vielleicht sogar auch eine andere Stimmung im Land von ganz allein.
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