Umfragen vor Wahlen: Ein großartiger Schatz

Wahlumfragen basieren auf wissenschaftlicher Zauberei und sind ein Luxus. Dass Wahlergebnisse oft von ihnen abweichen, ist ihre Stärke, keine Schwäche.
Foto: United Archives International/imago
Es war ein spannendes politisches Rennen in den Umfragen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Die einstige Wahlsiegerin CDU erhielt statt 37 nur noch eine Zustimmung von 22 Prozent, die rechtsextreme AfD dagegen lag bei über 40. Drei Parteien – SPD, Grüne und BSW – kratzten an der 5-Prozent-Hürde. Würden sie alle den Einzug ins Parlament verfehlen? Dann hätte die AfD sogar eine absolute Mehrheit der Landtagssitze und könnte alleine regieren. Verborgen unter den langweiligen Zahlenreihen lag ein dramatisches Schauspiel.
Politische Wahlumfragen, insbesondere die sogenannte Sonntagsfrage sind inzwischen Alltag in der politischen Berichterstattung. So sehr, dass viele Menschen hart genervt sind: „Schafft die Sonntagsfrage ab“, kommentiert beispielsweise ein Korrespondent im Deutschlandradio und zählt Argumente auf, die oft fallen. Das Ergebnis der Sonntagsfragen ist nicht so eindeutig, wie es oft scheint; die Fehlertoleranzen werden zu wenig thematisiert, ebenso die Befragungsmethoden; viele Menschen behandeln die Umfragen als Wahlprognosen. Und die Umfragen beeinflussen womöglich die Wähler*innen, sind vielleicht sogar für den Aufstieg der rechtsextremen AfD verantwortlich.
All das ist richtig. Doch die Punkte gehören zu Komplexität von politischen Umfragen dazu und werden von den Macher*innen selbst auch thematisiert. Sie diskutieren die Schwächen der einen oder anderen Methodik, benennen die Fehlertoleranz. Statistiker*innen entscheiden sich für eine Methode und damit für ihre Stärken und Schwächen. Eine Stichprobe von wenigen Tausend Menschen kann unmöglich eine Kompletterhebung ersetzen, aber ein Umfragewert mit 3 Prozent Fehlertoleranz ist besser als gar keine Information und billiger, als 60 Millionen Wahlberechtigte zu befragen.
Wer mehr weiß, kann informierter handeln. Dass Wissen das Verhalten von Menschen leitet, ist eine Stärke, keine Schwäche. Sinnvoll ist es deshalb, politische Umfragen wie den Wetterbericht zu behandeln, der nur bestimmt, was man anzieht. Rausgehen sollte man trotzdem, statt drinnen auf Sonnenschein zu hoffen.
Der Kern von politischen Umfragen wirkt wie wissenschaftliche Zauberei: Wenn man genaue Rezepte befolgt, dann können eben wenige Hundert Menschen Informationen über viele Millionen liefern. Dass regelmäßig Tausende Menschen in Deutschland zu ihren politischen Gedanken befragt werden, erdet Politiker*innen und gibt mehr Meinungen die Gelegenheit, in der Öffentlichkeit diskutiert zu werden.
Was wäre denn, wenn es in den vergangenen Jahren keine Sonntagsfrage gegeben hätte? Bei der Landtagswahl 2026 wären alle überrascht gewesen, dass Rechtsextremist*innen in Deutschland eine Wahl gewinnen. Und hätte die CDU wirklich akzeptiert, dass sie nach Jahrzehnten des Regierens überraschend die Hälfte ihrer Wähler*innen verloren hat?
Die vielen Institute, die in Deutschland regelmäßig politische Umfragen durchführen, sind ein Luxus: Denn Wiederholung sichert wissenschaftliche Ergebnisse ab. Wenn mehrere Institutionen, mit unterschiedlichen Befragungen und eigenen, geheimen Gewichtungsmethoden ähnliche Ergebnisse liefern, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie nah an der Realität liegen. Das ist ein großartiger Schatz, der für eine klügere politische Auseinandersetzung sorgt.
Tatsächlich versuchen viele Menschen, oft mehr aus den Umfragen herauszupressen, als sie hergeben. Sie hoffen auf kleine, kurzfristige Bewegungen in den Wahlumfragen, die oft Schlagzeilen dominieren, aber auch einfach Messfehler sein könnten. Die Umfragewerte erlösen uns auch nicht vor der Unsicherheit, dass wir vor der Wahl nicht wissen, wie die Wahl ausgehen wird. Keine Rechnerei kann das ändern.
Auch nicht die der Zeit. Die simulierte kürzlich aus den Wahlumfragen 1.000 mögliche Sitzverteilungen im Landtag Sachsen-Anhalts und fand heraus, dass eine Mehrheit für CDU, SPD, Grünen und Linken am wahrscheinlichsten sei. Viel aussagekräftiger als die Wahlumfragen selbst waren die Rechnungen nicht. Und auch wenn diese Zeit-Zukunft sehr wahrscheinlich war, wurde sie nicht Wirklichkeit.
Der Anfang des Handelns
Wahlumfragen sind oft eine selbsterfüllende, sondern selbstverhindernde Prophezeiung: Sie geben Menschen Wissen über die Gesellschaft um sie herum und damit auch die Möglichkeit, anders zu handeln. Die Umfragen in Sachsen-Anhalt haben die Wahl vermutlich auf vielfache Weise beeinflusst: Deutlich mehr Menschen gingen zur Urne als bei früheren Wahlen, SPD und Grüne zogen deutlich über der 5-Prozent-Grenze ein und auch das BSW könnte Leihstimmen von der AfD erhalten haben.
Genau so können wir Umfragen sinnvoll, nützlich verwenden: indem wir uns bei unserem Handeln in der echten Welt von ihnen leiten lassen. Und indem sie Medien und Journalist*innen zu interessanten weiteren Recherchefragen führen. Statt die Umfragen nach mehr Bedeutung abzusuchen, ist es sinnvoller, sie mit mehr Wissen zu ergänzen: Ist die AfD überhaupt schon bereit, Regierungsverantwortung zu übernehmen? Wie sieht denn der Wahlkampf von Grünen, SPD und BSW vor Ort aus?
Umfragen sind der Anfang, nicht das Ende des Handelns. In Sachsen-Anhalt lösten die Umfrageergebnisse eine Kampagne für taktisches Wählen aus. Vielen Menschen erschien die Kampagne anrüchig, ein Aufruf zu unehrlichem Handeln. Doch wählen ist immer Taktik, denn keine Partei repräsentiert die eigene Meinung eines Menschen in ihrer Vollständigkeit. Und jede Stimmabgabe ist der Versuch, den eigenen Einfluss zu maximieren. In Sachsen-Anhalt hatte dieses Handeln zur Folge, dass das Wahlergebnis mehrere deutliche Abweichungen zu den Umfragen hatte.
In Mecklenburg-Vorpommern werfen die Wahlumfragen ähnliche Fragen auf wie in Sachsen-Anhalt. CDU, Grüne und BSW sind hier gefährlich nah an der 5-Prozent-Grenze. Lohnt es sich also für SPD- oder Linke-Wähler*innen, ihre Stimmen an Grüne oder gar CDU-Politiker*innen zu vergeben, um das demokratische Lager zu stärken? Die rechtsextreme AfD hat den meisten Zuspruch – benötigt sie deshalb erst recht jede Stimme oder könnten ihre Wähler*innen mit der Wahl des BSW mehr Koalitionsoptionen eröffnen? Die Antworten auf diese Fragen werden die Umfragen nicht liefern können. Es sind Fragen für Nachbar*innen, für Freunde, für Fremde. Die sind in draußen in der Welt zu finden.
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
AfD verpasst Streamer Maulkorb Warum das Pöbelverbot für „Aktivist Mann“ fadenscheinig ist
Die AfD-Spitze hat einem rechtsextremen Streamer verboten, Journalist*innen bei AfD-Veranstaltungen zu belästigen. Eine taktische Distanzierung.
Von Gareth Joswig
Kommunalwahl in Niedersachsen CDU triumphiert trotz Verlust
Kommentar von Nadine Conti
CDU und AfD freuen sich über den Ausgang der Kommunalwahlen in Niedersachsen, der SPD verschlägt es die Sprache. Dabei geht der Stimmungstest für fast niemanden aus wie erhofft.
taz FUTURZWEI im Abo entdecken
Endlich mal ein Magazin für Zukunft
taz FUTURZWEI ist unser Magazin für eine bessere Zukunft. Das Abo bietet jährlich vier Ausgaben für nur 38 Euro. Zudem erhalten Sie eine Ausgabe von Luisa Neubauers neuestem Buch „Was wäre, wenn wir mutig sind?“ (solange Vorrat reicht).
- Jedes Quartal neu in Ihrem Briefkasten
- Nur 38 Euro im Jahr
- Als Prämie Luisa Neubauers „Was wäre, wenn wir mutig sind?“
- Herausgegeben von Harald Welzer
Jetzt abonnieren
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.