Trotz Rekordschulden und Krisen: Klingbeil gibt sich mutig
Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) reist zu den Jahrestagungen von IWF und Weltbank nach Thailand und sieht Deutschland wieder auf Wachstumskurs: "Wir investieren und wir konsolidieren".
15.10.2026 | 7:42 minOb er in stillen Momenten manchmal die Sorge habe, dass die ganz große Rechnung am Ende doch nicht aufgehen werde, wurde Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) in Bangkok gefragt. Sprich: Ob die historisch hohe Schuldenlast, die Schwarz-Rot Deutschland aufbürdet, sich am Ende auszahlt?
Dass sie tatsächlich zu jenem stabilen Wachstum führt, das es ermöglicht, die kolossale Zinslast auch zu tragen - und Deutschland wieder prosperiert?
Schon in weltwirtschaftlich stabilen Zeiten wäre das eine immense Herausforderung, doch die Lage ist alles andere als stabil. Im Kern gibt es drei große Sorgen, die allesamt miteinander zusammenhängen.
Erstmals seit langem kann die Regierung eine gute Wirtschaftsprognose präsentieren. Fraglich bleibt, wie nachhaltig das Wachstum ist.
08.10.2026 | 2:28 minUS-Finanzminister nicht in Bangkok dabei
Sorge eins: die militärischen Konflikte. "Je länger Konflikte andauern, umso stärker sind die Auswirkungen auf Wohlstand, Energiepreise und Lieferketten zu spüren", sagte Klingbeil. Es sei ihm daher wichtig, bestehende Partnerschaften zu festigen und neue auszubauen. Zumal sich gerade Bindungen auflösten, "fest geglaubte Bindungen, die auch für Stabilität standen".
Der lange Zeit wichtigste Verbündete, die USA, ist in Bangkok nicht mit seinem Finanzminister vertreten. Nicht explizit, aber doch erkennbar in Richtung Washington sagte Klingbeil mit Blick auf die Ukraine:
Wir wollen den Druck auf Russland nicht mindern, wir wollen ihn hochhalten - im Gegensatz zu anderen.
Lars Klingbeil, SPD
Auch darum ging es in seinen Gesprächen mit Vertretern aus Südkorea, Australien, Großbritannien und Südafrika.
Aus dem Archiv: Im Rahmen der Frühjahrstagung des IWF hagelt es indirekt Kritik für deutsche Entlastungen.
16.04.2026 | 2:36 minSorgenkind Frankreich
Sorge zwei knüpft direkt hieran an. Die angespannte Lage an den Anleihenmärkten werde ganz maßgeblich durch die Kriege getrieben, so Klingbeil.
Mit Blick auf das größte europäische Sorgenkind, Frankreich, suchte er zu beruhigen: Natürlich spreche er darüber regelmäßig mit seinem französischen Amtskollegen, Roland Lescure - und was er da höre, gebe ihm "tiefes Vertrauen", dass dessen Konsolidierungspläne die zentralen Herausforderungen anpackten.
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil am Rande der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Bangkok.
Quelle: Soeren Stache / dpaNagel sieht keine Finanzkrise kommen
Man müsse genau schauen, welche Faktoren die jüngsten Renditeanstiege verursacht hätten, ergänzte Bundesbank-Präsident Joachim Nagel. Er sehe "die Gefahr nicht, dass wir deswegen jetzt in eine große Finanzkrise reinschlittern würden".
Es gebe die Kriege und dadurch angestoßene höhere Inflationsraten. Es gebe aber "auch robuste Wachstumszahlen". Und was man nicht vergessen dürfe:
Wir haben neue Wettbewerber an den Anleihenmärkten, die nach Kapital suchen, nämlich die großen KI-Unternehmen.
Joachim Nagel, Bundesbank-Präsident
Was direkt zu Sorge drei führt, weltwirtschaftlich betrachtet: die rasanten Entwicklungen in eben diesem Bereich, der künstlichen Intelligenz. Sie hätten "das Potenzial, durchaus die globalen Ungleichgewichte zu erhöhen", so Nagel, wenn man die großen Investitionen sehe, die notwendig seien, um hier zumindest den Anschluss zu finden - gerade für weniger wirtschaftsstarke Länder. Zentral sei daher, den Zugang zu entsprechenden Modellen zu verbreitern.
Der Internationale Währungsfonds hat die Wachstumsprognose für Deutschland auf 1,3 Prozent angehoben – 0,6 Prozent mehr als bisher angenommen. ZDF-Börsenexperte Frank Bethmann berichtet.
13.10.2026 | 1:30 minWie steht es um die Koalition?
Und innenpolitische Themen? Die jüngsten atmosphärischen Störungen innerhalb der Koalition - und inwieweit sich dies negativ auf Deutschlands selbst zugewiesene Rolle als Stabilitätsanker auswirke - seien bei seinen Gesprächen kein Thema gewesen, sagte Klingbeil, sondern eher dann, "wenn ich mit den deutschen Journalisten zusammen bin".
Nagel, der jüngst bereits mit Blick auf die Wahl in Sachsen-Anhalt vor negativen wirtschaftlichen Auswirkungen gewarnt hatte, wurde nun zudem auf die in Berlin im Raum stehenden Enteignungen großer Wohnungsunternehmen angesprochen. Er mache nie Aussagen zu einzelnen Parteien - nur so viel: "Alles, was dem Wirtschaftsstandort schadet, ist nicht gut." Ausländische Investoren könnten abgeschreckt werden.
Die SPD-Politikerin gibt ihre Ämter als Arbeitsministerin und Parteichefin auf. Als Gründe nennt sie die Trauer über den Tod ihrer Stieftochter sowie zunehmende Anfeindungen.
12.10.2026 | 1:53 minMehr Wirtschaftswachstum erwartet
Die wiederum spielen auch in der großen Gesamtrechnung eine nicht unwesentliche Rolle, mit Blick auf Deutschlands Wirtschaft. Ob die jüngst angehobenen Wachstumszahlen nicht primär auf die schuldenfinanzierten staatlichen Ausgaben zurückgingen?
Und ein solcher Strohfeuereffekt, wie Kritiker meinen, zwar zu einer gewaltigen Zinslast führe, aber keineswegs ebenso sicher zu höherem Potenzialwachstum - jenem Parameter, der die eigentliche Stärke einer Volkswirtschaft misst, ohne verzerrende Faktoren?
Er sei der "festen Überzeugung", dass es richtig sei, jetzt in der gewählten Weise in Sicherheit und Infrastruktur des Landes zu investieren, kam Klingbeil auf die eingangs genannte Frage zurück.
Und deswegen sage ich Ihnen, komme ich auch in den stillen Momenten dazu, dass ich sage: Es ist eine hohe Verantwortung und ich habe auch Respekt vor den Zahlen - aber es ist der richtige Weg, den wir jetzt in Deutschland gehen.
Lars Klingbeil, SPD
Über dieses Thema berichtete das ZDF Morgenmagazin am 15.10.2026 ab 05:30 Uhr.
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