Knobloch: Der Gedanke an die NS-Zeit ist wieder alltäglich
Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, hat sich von dem Wahlerfolg der in Teilen rechtsextremen Alternative für Deutschland (AfD) bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt entsetzt gezeigt. Knobloch sagte im Gespräch mit der DW, jetzt gebe es wieder eine Reihe von jüdischen Bürgern, die nach solchen Ereignissen überlegten, Deutschland zu verlassen.
Jahrzehnte habe es gebraucht, so Knobloch, dass Juden in Deutschland wieder Vertrauen hätten fassen können nach dem Holocaust. Das sei auch gelungen. Und jetzt herrsche wieder große Angst: "Das ist zusammenfassend für mich die größte Problematik, weil wir mit Erfolg versucht haben, wieder die jüdischen Gemeinden nach 1945 aufzustellen, den jüdischen Menschen wieder eine Heimat zu geben, die sie lange nicht hatten und auch nicht wollten."

"Die anderen Parteien müssen sich wehren"
Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September hatte die AfD, die in dem Bundesland vom dortigen Verfassungsschutz als "gesichert rechtsextrem" eingestuft wird, fast 44 Prozent der Stimmen erhalten. Eine absolute Mehrheit hat AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund zwar verfehlt, dennoch hat er gute Chancen, nächster Ministerpräsident im Landtag in Magdeburg zu werden. Und damit der erste Landeschef einer rechtsextremen Partei seit dem Krieg.
Charlotte Knobloch warnt eindringlich davor: "Wir dürfen es nicht zulassen, dass einer von diesen Leuten Ministerpräsident wird. Es ist in meinen Augen momentan sehr gefährlich. Ich hoffe, dass die anderen Parteien das einsehen und sich dagegen wehren. Das können Sie ja. Da gehört natürlich ein bisschen Mut dazu."

Charlotte Knobloch, fast 94 Jahre alt, ist eine der profiliertesten und bekanntesten Vertreterinnen des jüdischen Lebens in Deutschland und eine der letzten Zeitzeuginnen der Nazi-Diktatur zwischen 1933 und 1945. 1932 geboren, wurde sie zunächst von ihrer Großmutter erzogen, die 1942 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurde und dort starb. Eine Bekannte rettete das Mädchen, indem sie es auf ihrem Bauernhof in Mittelfranken aufnahm und als ihr eigenes Kind ausgab.
Eine Gefahr lange nicht kommen sehen
Knobloch antwortete im DW-Interview auf die Frage von Korrespondentin Tina Gerhäusser, wann und wie ihr die schreckliche Zeit von damals noch präsent ist: "Es hat Zeiten gegeben, wo das nur ganz selten so war. Wenn irgendwann in den Medien darüber gesprochen wurde. Aber nicht am laufenden Band. Heutzutage wache ich damit auf und gehe auch damit zu Bett."

Knobloch war von 2005 bis 2013 Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses, außerdem von 2006 bis 2010 Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Schon lange warnt sie vor einem wachsenden Antisemitismus in Deutschland. Den Aufstieg von extrem rechten Parteien wie der AfD hat sie trotzdem lange selbst nicht kommen sehen: "Es ist eine Gefahr im Raum, die vor zehn Jahren in der Form noch nicht da. war. Nazis hat es immer gegeben, Judenhasser hat es immer gegeben, aber nicht in der Art und Weise, wie das heutzutage der Fall ist."
"Wir müssen mehr vor allem mit jungen Menschen sprechen"
Nach Ansicht von Knobloch haben es die etablierten Parteien bislang versäumt, entschlossen gegen die AfD das Wort zu erheben: "Die heutigen Parteien müssen gemeinsam, nicht allein, dieses Thema bearbeiten. Da sehe ich noch eine Chance, dass die Menschen zumindest zuhören und auch diskutieren wollen. Und das ist sehr, sehr wichtig." Vor allem mit jungen Leuten müssten Politiker viel intensiver über ihre Ängste sprechen, was noch nicht ausreichend geschehe: "Man spricht darüber, aber es wird keine Diskussion geführt, weil die jungen Leute natürlich Angst haben, dass das, was sie sagen, an die Öffentlichkeit kommt. Ich will sagen, man muss die Wege finden, um die jungen Menschen wieder zurückzuholen."
In der vergangenen Woche hatte Knobloch eine Morddrohung erhalten. Ein Zeuge hatte am Donnerstag auf einer Parkbank und einem Mülleimer im Englischen Garten der bayrischen Landeshauptstadt München die hingeschmierte Drohung entdeckt und die Polizei informiert, wie das Polizeipräsidium mitteilte. Knobloch hatte daraufhin ihre Teilnahme an einer Veranstaltung abgesagt. Darüber hatte zuvor die "Abendzeitung" in München berichtet. Die Gewaltandrohung stand in direktem Zusammenhang mit dem Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt, wie eine Sprecherin auf Nachfrage der Nachrichtenagentur dpa schilderte.
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