Das Aufschieben aufschieben: Improvisation ist fast alles

Auch wenn im Berliner Prinzenbad die Eidechsen weniger werden: Das Drinnenbleiben, weil der Sommer um ist, muss warten, wenn ein Festival mit Herbstmusik lockt.
Foto: Carsten Koall/dpa
M ittwoch saßen noch mal richtig viele Menschen am Terrassenbecken im Prinzenbad, wie Eidechsen in die Sonne blinzelnd. Selbst in dem ungeheizten Becken, dem einzigen noch zugänglichen, ist die Schwimmer:innendichte hoch. Alle sind im End-of-Summer-Modus, zwischen Wehmut und Panik. Darüber lächle ich nur milde, auch wenn ich das Gefühl teile. Zeit, mich auf diesen Moment vorzubereiten, hatte ich schließlich reichlich, setzt meine Angst vor dem Sommerende doch immer früher ein. Mittlerweile ungefähr um Ostern herum.
Am nächsten Vormittag klopft dann tatsächlich Regen ans Fenster. Aus meiner Nase tropft es auch. Zudem sind die Knochen ganz schwer. Na, das ist ja perfektes Timing. Vor die Tür will ich sowieso nicht mehr. Zu Hause gibt es schließlich genug Baustellen, ist ja einiges liegen geblieben über den Sommer.
Mal gucken, welche sich vom Bett aus aufdrängen. Diese Herangehensweise wurde mir unlängst als realistische Methode angepriesen, mehr Ordnung zu schaffen – eine der endlosen Lifehacks, die das Internet in petto hat: Dreimal am Tag drei Minuten investieren, um drei in Reichweite befindliche Dinge wieder an ihren Ort zurückzubringen. Na denn. Gleich neben dem Bett liegt diese verflixte Isomatte, die im Urlaub kaputtging. Natürlich musste noch vor Ort Ersatz her, ich wollte ja nicht auf dem Boden schlafen. Wegwerfen durfte ich die Billigmatratze trotzdem nicht. Das wusste der Freund, mit dem ich unterwegs war, zu verhindern. „Nur weil das Ding nur 12 Euro gekostet hat, heißt das nicht, dass sie nicht repariert werden kann.“ Er selbst würde sich – in realistischer Einschätzung seiner Prokrastinationsprobleme – derartiges wohl kaum vornehmen. Trotzdem habe ich die kaputte Matte treudoof zurück nach Berlin geschleppt. Jetzt liegt sie neben meinem Bett.
Immerhin bietet die KI eine Lösung an, das offenbar winzige Leck zu finden – auch ohne Badewanne: Prall aufpumpen, mit Seifenlauge einreiben, dann bilden sich am Loch angeblich Bläschen. Ob zumindest dieser Hack was taugt? Klingt auf jeden Fall nach einer Sauerei. Ich bleibe erst mal liegen.
Schlange und Schreibmaschinen
Bis mich dann zwei Tage später das People Festival ins Funkhaus lockt. 2018, also vor einer halben Ewigkeit, hatte es zuletzt stattgefunden. Jetzt hat sich das Veranstalterkollektiv wieder zusammengetan, darunter die Zwillingsbrüder Dessner von der Band The National, Bon Iver, aber auch Nadine und Tom Michelberger vom gleichnamigen hiesigen Hotel.
180 Musiker:innen haben eine Woche experimentiert und improvisiert, jetzt darf man hören, was dabei entstand. In Gruppen eingeteilt wird das Publikum zu bestimmten Slots in verschiedene Spielstätten gelotst. Bald ist der Zeitplan im Verzug, oft wartet man irgendwo. So kommt man ins Gespräch. Eine Frau in der Schlange schwärmt vom Pop-up-Talk von Gail Ann Dorsey zum Thema „Typewriter“, in den sie zufällig geraten war. Hä? Dorsey kannte ich als Bowie-Fan bisher vor allem als Bassistin seiner späten Liveband. Doch offenbar sammelt sie Vintage-Schreibmaschinen und hat dazu viel zu erzählen; eine Liebe noch älter als die zur Musik.
Bei manchem Auftritt rätselt man, wer überhaupt auf der Bühne steht. Macht aber eigentlich nix. Dafür, dass hier höchst unterschiedliche Künstler:innen zusammen werkelten, klingt vieles am Ende verblüffend ähnlich: elegisch-melancholisch, folkig. Viele Streicher. Vielleicht wird es automatisch heimelig, wenn viele Leute zusammen Musik machen – erst recht bei den beiden Abschlusskonzerten auf der großen Bühne. Musik zum Herbst eben. Bis dann am späten Sonntag der unglaubliche Schlagzeuger Makaya McCraven auf Moses Sumneys Stimme trifft und alles noch mal ins Flirren gerät.
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