Russlands kriselnde Wirtschaft – Der Krieg zieht Sibiriens Kohleregion in die Krise

Nach bald fünf Jahren Krieg in der Ukraine wird der Druck auf die russische Wirtschaft stärker. Das zeigt sich in Sibirien: In der Kohleregion Kusbass schliessen Bergwerke reihenweise, ganze Städte verlieren ihre Existenzgrundlage.
Jedes Jahr wird im Kusbass der «Tag des Bergmanns» im August gefeiert. Diese Region in Süd-Sibirien lebt vom Kohleabbau. Die Leute sind stolz auf die Industrie, die ihre Identität prägt.
Hartnäckige Leute
«Ein Bergmann ist mutig, willensstark, hartnäckig», sagt Galina am Fest in der Stadt Nowokusnezk. «All das war mein Mann. Er kam bei einem Grubenunfall ums Leben. Früher kamen mehr Leute ans Fest, damals gab es auch mehr Gruben. Jetzt gehen diese aber zu. Leider.»
Der Kusbass macht schwere Zeiten durch: Gruben machen dicht, Bergleute werden entlassen oder erhalten monatelang keinen Lohn. In den verbleibenden Bergwerken wird bei der Sicherheit gespart.
Das erzählt Michail. Der 19-Jährige ist einer der wenigen seiner Generation, die eine Karriere in der Kohlebranche gewählt haben.
Gefährliche Arbeit
Bis vor Kurzem war Michail im Bergwerk für die Stützen zuständig, die den Einsturz der Tunnels verhindern sollen.
«Wir sollten den Druck der Erdmasse auf die Stützen messen, um sicherzugehen, dass sie stabil sind», sagt er. «Wir bohren in die Decke, schneiden Gesteinsproben heraus und prüfen sie nach Festigkeit oder Rissen. Laut Vorschrift braucht es einen zehn Meter langen, schmalen Steinzylinder als Probe. Aber wir entnahmen jeweils nur einen Meter. Es hiess, das würde reichen. Für mich war das verantwortungslos. Es geht um Menschenleben.»
Michail erklärt, den Steinzylinder breche man auseinander, die Proben trage man in Rucksäcken dann zwei oder drei Kilometer bis zum Förderkorb, in dem man wieder ans Tageslicht gelange.
«Um zehn Meter Gestein zu tragen, bräuchte es mindestens vier Leute. Aber wir waren jeweils nur zu zweit. So werden Lohnkosten gespart: Weniger Menschen führen mehr Messungen durch.»
Verhängnisvoller Krieg
Die Kohlebranche im Kusbass befand sich vor fünf Jahren noch im Aufschwung. Mit dem Angriff auf die Ukraine habe sich alles verändert, sagt Michail.
«Viele ausländische Käufer haben russischen Kohleproduzenten den Rücken gekehrt», sagt er. Er meint vor allem europäische Abnehmer, die vor dem Krieg mehr als die Hälfte des Markts ausmachten. «Jetzt verkaufen wir an China, aber die chinesischen Käufer setzen sehr tiefe Preise durch, weil sie wissen, dass wir keine andere Wahl haben.»
Die Krise im Kusbass zeigt, dass Russlands Umorientierung nach Asien – die der Kreml als Antwort auf die westlichen Sanktionen darstellt – oft eine Illusion ist. Der Export nach China ist auch teuer, weil Moskau das Eisenbahnnetz Richtung Osten nie ausgebaut hat – und den knappen Platz auf den Schienen lieber für Waffen und Munition reserviert.
Kusbass droht wirtschaftlicher Kollaps
Lange hielt Michail die Arbeit in der Mine nicht aus. Nach wenigen Monaten kündigte er. Wegen der immer schlechteren Bedingungen verliessen viele die Branche, sagt er.
«Die entlassenen Kumpel heuern bei der nächsten Grube an, manchmal in einer ganz anderen Region. Sie fahren weit weg auf Arbeitseinsätze und sind wochenlang nicht zu Hause. Oder sie ziehen weg. Nowokusnezk und andere Kohlestädte leeren sich.»
Dem Kusbass, der von Kohle völlig abhängig ist, droht der wirtschaftliche Kollaps. Aber der Kreml ist bereit, für seinen Krieg dieses Opfer zu bringen.
Mehr zur Krise in der sibirischen Kohleregion Kusbass und wie sie die Menschen dort trifft, gibt es in der Sendung International zu hören.
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