"Nur ein toter Bandit ist ein guter Bandit" - Wahlkampf in Brasilien
Weltspiegel
Stand: 25.10.2026 • 16:16 Uhr
Brasiliens Wähler sehen Gewalt und Kriminalität als das größte Problem im Land. Die Macht der Banden wird immer größer. Die Kandidaten bei der Stichwahl ums Präsidentenamt heute stehen dabei für unterschiedliche Lösungen.
Es ist noch dunkel, als am 28. Oktober 2025 Hunderte Polizisten in die Favelas Complexo da Penha und Complexo do Alemão in Rio de Janeiro eindringen. Schon bald brennen Barrikaden, fallen Schüsse. Es sind Szenen wie im Krieg. Mitglieder der mächtigen Drogenorganisation Comando Vermelho leisten mit schweren Waffen und sogar Granaten massiven Widerstand.
Vor allem im bewaldeten Hügelgebiet oberhalb der Favelas kommt es zu heftigen Gefechten. Was dort genau geschieht, ist bis heute nicht vollständig geklärt - Ermittlungen zum Einsatz laufen. Es geht unter anderem um die Frage, ob die Polizei unverhältnismäßige oder rechtswidrige Gewalt angewendet hat.
Am Ende des Einsatzes sind 122 Menschen tot, darunter fünf Polizisten. Es ist der tödlichste Polizeieinsatz in der Geschichte Brasiliens. Die Behörden erklären die 117 Toten zu Mitgliedern des organisierten Verbrechens, in bislang einem Fall ist das umstritten.
Erfolge gegen Banden oder Massaker?
Für die einen ist die Operation ein Erfolg im Kampf gegen die Drogenbanden. Für andere ist es ein Massaker, bei dem der Staat seine Macht missbraucht hat.
Tauã Brito hat dabei ihren 20-jährigen Sohn Wellington verloren. Sie scrollt durch alte Textnachrichten. Bis 8.22 Uhr am Morgen tauschen sie Nachrichten aus. Dann bricht der Kontakt ab. Brito weiß, dass ihr Sohn kriminell war. Sie sagt, sie habe ihn zweimal verloren: erst an die Drogenbande, dann durch die Polizei.
"Richtig wäre, dass ich meinen Sohn im Gefängnis besuchen müsste, nicht dass ich ihn begraben musste", sagt sie. Brito mache sich Vorwürfe, dass sie nicht verhindern konnte, dass ihr Sohn sich der Drogenbande angeschlossen hat.
Taua Brito verlor bei einem Polizeieinsatz ihren Sohn. Viele befürworten die Einsätze gegen Banden in Brasilien.
"Tote bringen Stimmen"
Aber wo der Staat kaum Bildung und Zukunftschancen bietet, gewinnen kriminelle Organisationen an Anziehungskraft. Viele sehen die Favelas aus Ausgangspunkt der Kriminalität, aber das stimme nicht, meint Brito. "Wer verkauft die Waffen, wer bringt die Drogen? Ein korruptes Netzwerk aus Unternehmern, Politikern und Polizisten stehen an der Spitze", sagt sie, getötet würden die am unteren Ende.
Hier eindringen, möglichst viele töten und sagen: Das waren alles Kriminelle. Da werden viele applaudieren. Tote bringen Stimmen.
Tauã Brito
Tatsächlich befürworteten mehr als 60 Prozent der Brasilianer den Polizeieinsatz. Inzwischen ist Tauã Brito aus dem Favela Penha weggezogen. Jede Straße erinnere sie an ihren Sohn. Doch die Trauer ist geblieben. Sie leidet unter Depressionen, Angstzuständen und Schlafproblemen. Psychologische Hilfe für sich und ihre Tochter bekommt sie durch eine private Initiative, nicht durch den Staat.
Bernardo Leal verlor bei dem Einsatz sein Bein. Dass er überlebte, sieht er als Auftrag.
Einsatz ohne Erfolg
Ganz anders blickt Bernardo Leal auf den Einsatz. Der leitende Kriminalpolizist sollte damals mit seinem Team Haftbefehle vollstrecken. Doch Leal gerät in einen Hinterhalt, die Kugel eines Sturmgewehrs durchschlägt seine Oberschenkelarterie. Der Familienvater verliert lebensgefährlich viel Blut, liegt eine Woche im Koma und muss neunmal operiert werden.
Er überlebt, für viele eine Wunder, doch sein Bein kann nicht gerettet werden. Leal spricht nicht gerne darüber, aber eines seiner Kinder leidet seitdem unter großer Verlustangst.
Einen Tag nach dem Einsatz hat die Bande Commando Vermelho die Macht in Penha wieder übernommen. Die Sicherheitskräfte riskieren ihr Leben, doch nachhaltig sind die Einsätze nicht. Ob das frustriert? Es brauche Pläne, wie der Staat die Kontrolle dauerhaft zurückgewinnen könne, sagt Leal. Immerhin aber habe der Einsatz gezeigt, dass der Staat stärker sei als die Kriminellen.
Kriminalität wird als größtes Problem gesehen
Den Vorwurf, die Polizei komme, um zu töten, weißt er zurück. Die Polizei werde mit schweren Waffen angegriffen und müsse sich verteidigen. Wer sich ergebe, werde verhaftet.
"Es kann keinen Staat geben, der keine Souveränität hat. Und wir haben keine Souveränität mehr über diese Gebiete, die von den Kriminellen besetzt wurden", sagt Leal. Die Polizei müsse Aufträge ausführen und den Rechtsstaat durchsetzen, sagt Leal. Wenn sie dabei erfolglose bleibe, sei der Staat verloren.
Tatsächlich weitet sich die Macht der Drogenorganisationen in Brasilien immer weiter aus. Die Ohnmacht frustriert die Menschen. In Umfragen werden Gewalt und Kriminalität als größtes Problem des Landes wahrgenommen. Der Satz "nur ein toter Bandit ist ein guter Bandit" findet viel Zuspruch.
Bolsonaro machte Wahlkampf mit Bandenbekämpfung
Der rechtskonservative Präsidentschaftskandidat Flávio Bolsonaro hat Kriminalität ins Zentrum seiner Kampagne gestellt, kündigt einen kompromisslosen Kurs an. Er fordert unter anderem härtere Strafen und zusätzliche Gefängnisse. "Ich erkläre den brasilianischen Narco-Terroristen den Krieg. Entweder ihr geht ins Gefängnis oder unsere Polizisten neutralisieren euch", so Bolsonaro.
Präsident Luiz Inácio Lula da Silva setzt vor allem auf eine bessere Zusammenarbeit der Ermittlungsbehörden und will die Finanzströme der kriminellen Organisationen bekämpfen. "Wir werden weder 100 noch 200 Menschen töten, wir werden sie verhaften", verspricht er.
Bernardo Leal empfindet sein Überleben nach der Verletzung als Auftrag. Er kandidierte für die konservative Partei Progressistas und wurde ins Parlament des Bundesstaates Rio de Janeiro gewählt. Es brauche mehr Bildung, mehr Zukunftschancen, aber auch härtere Gesetze und ein entschlosseneres Vorgehen gegen das organisierte Verbrechen, sagt er. Leal unterstützt Bolsonaro.
Kommt Bolsonaro, werde es noch mehr Tote geben, sagt dagegen Tauã Brito. Auch sie hat aus ihrem Verlust eine Mission gemacht. Sie hat eine Hilfsorganisation für Mütter gegründet, die ihre Kinder durch Gewalt verloren haben. Gemeinsam wollen sie einander Kraft geben.
Diese und weitere Reportagen sehen Sie am Sonntag um 18:30 Uhr im Weltspiegel im Ersten.
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