Neuer Lucky-Luke-Band: Muh! Der Lucky-Kult geht um

Als Lucky Luke aus dem Hotel tritt, begegnen ihm lauter Doppelgänger. Alle tragen Blau – Gelb – Schwarz, dazu ein rotes Halstuch. Was ist geschehen?
Foto: Egmont Ehapa Media
Der „Lukismus“ greift um sich! Nachdem Lucky Luke Banditen daran gehindert hat, den Kirchentresor (!) zu plündern, preist ihn der Pastor als Heiligen an. Und begründet damit im Örtchen „Faith“ in Kansas wie auch im benachbarten „Beliefs Junction“ einen neuen Kult, der dem bescheidenen Cowboy so gar nicht passt.
Bei einer Versammlung wird er als Hirte bezeichnet, und das Volk drückt seine Freude mit inbrünstigen „Muh!“-Rufen aus.
Lucky Luke hat in seinem reichen Cowboyleben schon so einiges erlebt – von der Errichtung der Eisenbahn über beinharte Familienfehden bis zum Goldrausch –, doch einen Kult um seine eigene Person hätte er sich wohl bis dato nicht vorstellen können.
Der Comic
„Heiliger Lucky!“. „Lucky Luke“, Band 103, Zeichnungen: Achdé, Text: Jul, nach Morris. Aus dem Französischen von Klaus Jöken. Egmont Verlag Berlin, 48 S., 6,99 Euro (Softcover), 15 Euro (Hardcover)
„Heiliger Lucky“ nennt sich das neueste Abenteuer um den beliebten Comichelden. Es ist schon das sechste Gemeinschaftswerk des französischen Autorenteams Achdé (Zeichnungen) und Jul (Szenario). Für die sorgfältige Übersetzung zeichnet Klaus Jöken verantwortlich.
Kein Messias
Diesmal nehmen sie das Phänomen gesellschaftlicher Bewegungen aufs Korn, die pseudo-religiöse Personenkulte betreiben und vermeintliche Heilsbringer an ihre Spitze stellen. Lucky Luke misstraut derartigen Vergötterungen natürlich sofort, er will weder als Messias gelten noch bedeutet ihm Geld etwas.
Anders die Propagandisten des Lukismus, die hinter der Maske ehrbarer Bürgerlichkeit oder Frömmigkeit die Gelegenheit wittern, große Mengen an Geld in die eigenen Taschen zu scheffeln.
Das besonders geschäftstüchtige Ehepaar Creed (herrlich bieder von Achdé karikiert) will gar den benachbarten friedlichen Pawnee-Indianern das Land wegnehmen. Für diesen Zweck ist es sogar bereit, ein Pockenvirus freizusetzen.
Zum 80. Geburtstag
Lucky Luke, der Cowboy mit seinem treuen Hengst Jolly Jumper, feiert gerade seinen 80. Geburtstag. Am 14. November 1946 erschien erstmals ein Comic mit ihm im „Spirou Almanach 1947“. Sein Schöpfer, der Belgier Maurice de Bevere mit Künstlernamen Morris (1923 2001), lebte sechs Jahre in den Vereinigten Staaten, um gründliche Recherchen anzustellen.
Auch der französische Szenarist René Goscinny (1926 1977) lebte dort, als die beiden sich in New York kennenlernten. Um 1955 wurde daraus eine feste Zusammenarbeit, Goscinny perfektionierte den Humor und das Konzept der Serie.
Achdé und Jul betreuen sie nun zusammen bereits 14 Jahre. Die beiden sind ein eingespieltes Team, das viel Spaß an der Arbeit hat, wie sie es bei der Vorstellung des neuen Bandes in der belgischen Botschaft in Berlin zum Ausdruck brachten. Achdé (Hervé Darmenton) bekundet, dass es „eine besondere Ehre ist, diese Serie weiterführen zu können, die heute zum frankobelgischen Kulturerbe gehört“.
Foto: Ralph Trommer
Der 65-Jährige zeichnet die Serie sogar schon seit rund 25 Jahren, Morris selbst hatte ihn als Nachfolger auserkoren.
Historisch genau
Besonderen Wert legt er auf historische Genauigkeit. Dies zeigt sich in seiner Darstellung einer Kirche oder in der Ausgestaltung der Pawnee-Hütten, die nichts mit Wigwam-Zelten zu tun haben. Szenarist Jul (Julien Lucien Berjeaut, geboren 1974) hat Geschichte studiert. Er versteht es, in seinen Storys historische Begebenheiten im Wilden Westen aufzugreifen. Subtil verweist er dabei auf heutige gesellschaftliche Entwicklungen.
Foto: Ralph Trommer
So wird auf staatliche Maßnahmen während der Coronapandemie angespielt wie auch auf Verschwörungstheorien und „das Netz“ (hier in Form von Telegrafenmeldungen). Angesichts des schnell um sich greifenden Lukismus liegt es nahe, an den Personenkult um Donald Trump oder die hemmungslose Geldgier so mancher Tech-Milliardäre zu denken.
Jul sieht eine „gefährliche Mischung aus oft fanatischem Glauben und Geldbesitz“ in der Gesellschaft der USA verwurzelt, „die Bible-and-Rifle-Mentalität in den Vereinigten Staaten ist immer noch sehr ausgeprägt.“
Jul ist auf historische Fakten gestoßen, mithilfe derer er seine Idee eines von biblischen Plagen heimgesuchten Ortes untermauern konnte. „In den 1870ern häuften sich die Katastrophen, von Tornados bis zu Dürreperioden, was Strenggläubige oft als Strafe Gottes interpretierten. Ich stieß auf Berichte von verheerenden Heuschreckeninvasionen 1874, die ganze Ernten vernichteten und selbst die Kleider der Bevölkerung auffraßen.“
Aus der Vogelperspektive
Ein gefundenes Fressen auch für Achdé, der die gefährdete Stadt Faith kunstvoll aus der (Vogel-)Perspektive des nahenden Heuschreckenschwarms zeichnet.
Trotz der Verlockungen bleibt Lucky Luke lonesome und bodenständig, am Ende ist er froh, den Wahnsinn überstanden zu haben.
Mit „Heiliger Lucky!“ haben Achdé und Jul ein gelungenes Jubiläumsabenteuer geschaffen, das die über Jahrhunderte sich manifestierenden Widersprüche in der amerikanischen Gesellschaft pointiert zu erklären versteht.
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