Umstrittene Todesstrafe – Christa Pike: Schon der Start ins Leben war verpfuscht

Der Mord an Colleen Slemmer: Christa Pike war 18 Jahre alt, als sie im Januar 1995 zusammen mit ihrem 17-jährigen Freund und einer ein Jahr älteren Freundin ihre vermeintliche Rivalin Colleen Slemmer (19) in ein stillgelegtes Kraftwerk bei Knoxville/Tennessee lockte – unter dem Vorwand, zusammen Marihuana zu rauchen und Frieden zu schliessen. Stattdessen verprügelten und quälten Pike und ihr Freund das Opfer, während Pikes Freundin Schmiere stand. Pike tötete Slemmer schliesslich, indem sie dem Opfer den Schädel mit einem Stück Asphalt einschlug. Ein Stück des Schädels nahm Pike als Trophäe mit.
Täter schnell gefunden: Schon 36 Stunden nach der Bluttat wurden die drei verhaftet. Es gab Beweise, dass sie die Einrichtung «Job Corps» in Knoxville, wo sie alle ein Ausbildungsprogramm für sozial schwache Jugendliche absolvierten, gemeinsam mit ihrem späteren Opfer verlassen hatten – aber nur zu dritt zurückgekehrt waren. Ausserdem fanden die Ermittler das Stück Schädelknochen bei Christa Pike. Diese gestand die Folterung und Tötung von Colleen Slemmer schon nach wenigen Stunden Verhör. Pike machte dabei geltend, sie habe ihre Rivalin bloss einschüchtern wollen, doch die Sache sei ausser Kontrolle geraten.
Christa Pike wurde in sehr schwierige soziale Verhältnisse hineingeboren. Ihre Kindheit und Jugend in West Virginia waren geprägt von völligem Desinteresse der Eltern an ihr, sozialer Verwahrlosung und Misshandlung, Alkohol und Drogen. Ihre einzige Vertrauensperson war ihre Grossmutter väterlicherseits. Als diese 1988 starb, unternahm Pike im Alter von zwölf Jahren ihren ersten Suizidversuch. Als Kind und Teenager erlebte sie nicht nur Gewalt und ihren Angaben zufolge mehrere Vergewaltigungen, auch sie selbst war hin und wieder gewalttätig gegen andere. Entsprechend schwierig war ihre Schulzeit. Die jugendliche Pike war denn auch immer wieder in kriminelle Taten verwickelt.
Der Prozess: Christa Pike wurde wegen Mordes und Verabredung zum Mord angeklagt und am 22. März 1996 von den Geschworenen für schuldig erklärt. Wenige Tage später fiel das Todesurteil. Ihr Freund erhielt eine lebenslange Freiheitsstrafe mit der Möglichkeit, nach 25 Jahren ein Gesuch für eine Freilassung zu stellen. Derzeit befindet er sich noch immer im Gefängnis, seine Gesuche wurden bisher abgelehnt. Die dritte im Bunde – sie war nicht direkt an den Misshandlungen des Opfers beteiligt – trat im Prozess als Kronzeugin auf und erhielt lediglich eine Bewährungsstrafe.
Christa Pike ist eine von nur wenigen Frauen, die in den USA seit der Wiedereinführung der Todesstrafe im Jahr 1976 für Verbrechen, die sie im Alter von 18 Jahren begangen hatten, zum Tode verurteilt wurden.
Von den drei weiteren Frauen, die in diesem Alter die Todesstrafe erhielten, wurde eine später freigesprochen, einer wurde die Strafe in lebenslänglich umgewandelt und eine befindet sich in Kalifornien im Todestrakt. Allerdings gilt in Kalifornien seit 2019 ein Moratorium für Hinrichtungen.
In den USA werden grundsätzlich nur selten Todesurteile gegen Frauen verhängt: Von den knapp 9000 zum Tode verurteilten Personen seit 1976 waren nur 179 – also zwei Prozent – Frauen. Und: Seit 1976 wurden in den USA rund 1650 Hinrichtungen vollzogen, davon betrafen rund ein Prozent Frauen.
Diverse Revisionsgesuche: Nach ihrer Verurteilung versuchte Pike, einerseits das Todesurteil in lebenslange Haft umzuwandeln, andererseits zunächst aber auch, die Vollstreckung des Urteils zu beschleunigen. Von Letzterem sah sie im Juli 2002 dann aber doch wieder ab, als der Termin für die Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl, die auf den 19. August gelegt worden war, näher rückte. Und so wurde der Hinrichtungstermin vertagt und die Revisionsbemühungen für eine Umwandlung der Strafe wieder aufgenommen. Die Bemühungen blieben allerdings allesamt ohne Erfolg. Schliesslich verfügte der Oberste Gerichtshof von Tennessee den 30. September 2026 als Hinrichtungstermin.
Laut einer jüngst erschienenen repräsentativen Umfrage des Forschungsinstituts Pew Research Center befürworten zwei Drittel der Erwachsenen in den USA die Todesstrafe für Menschen, die wegen Mordes verurteilt wurden. Sechs von zehn sind zugleich der Ansicht, dass die Todesstrafe keine abschreckende Wirkung auf schwere Straftaten habe.
Die Todesstrafe ist in mehr als zwei Dutzend der 50 Bundesstaaten zugelassen, allerdings wird sie vielerorts de facto nicht mehr vollstreckt. Laut der Menschenrechtsorganisation Death Penalty Information Center wurden in den USA im laufenden Jahr bis zum 24. September 28 Straftäter hingerichtet.
Schlechte Karten beim Prozess: An der Geschworenen-Verhandlung von 1996 und am Todesurteil gegen Pike gab und gibt es Kritik. So macht die Menschenrechtsorganisation Amnesty International – sie setzt sich seit Jahren für die Abschaffung der Todesstrafe ein – geltend, Pike habe eine schwere Kindheit mit «Vergewaltigung, sexualisierter und körperlicher Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung erlebt». Der Staat habe sie dabei nicht geschützt, obwohl bekannt war, was ihr widerfahren sei. Und: «Vor Gericht wurde sie von den beiden Pflichtverteidigern nicht angemessen vertreten. Sie legten fast keine der strafmildernden Beweise für den erlebten Missbrauch oder dessen psychische Folgen vor», so Amnesty.
SRF 4 News, Nachrichten, 29.9.2026, 4 Uhr ; srf/sda/snep;stol;weds
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