DFB-Pokal der Männer: Crazy und labil

45 Minuten lang spielt der BVB beim 3:2 gegen Bremen die beste Partie der Saison. Doch das Team bleibt vor dem Duell gegen Bayern anfällig.
Foto: Leon Kuegeler/ Reuters
So ganz sicher schienen die aufgeregten Menschen im Publikum sich nicht zu sein, was sie mit dem Augenblick dieses flüchtigen Fußballglücks anfangen sollen. Die „Achterbahn“, von der Sportdirektor Ole Book nach dem 3:2-Erfolg des BVB im DFB-Pokal gegen Werder Bremen sprechen sollte, hatte die ganze Emotionspalette zu bieten gehabt: Vorfreude, vorübergehende Begeisterung, Nervosität, Angst, Überschwang und Erleichterung.
Am Ende wurde der Dortmunder Teil des Publikums durch ein sehr spätes Freistoßtor von Marcel Sabitzer in einen Zustand akuten Überschwangs versetzt. Er habe „pure Freude“ empfunden, sagte Waldemar Anton, und dennoch verkündete der Sportgeschäftsführer Lars Ricken anschließend: „In der Kabine war es nicht komplett euphorisch.“
Schließlich steht am kommenden Samstag das Duell beim FC Bayern München an, in dem die Dortmunder dem internationalen Publikum gern zeigen würden, wie weit die Entwicklung in den mittlerweile 21 Monaten mit dem Trainer Niko Kovač gediehen ist. Und dieser Abend hatte schon auch interessante Indizien für den Fortschritt geliefert. Zugleich lieferte der Auftritt jedoch Hinweise auf eine weiterhin bestehende Instabilität.
In dieser Verwirrung dauerte es ungewohnt lange, bis die Südtribüne das Lied von den ausgezogenen Lederhosen anstimmte, das hier rituell vor den Duellen mit dem FC Bayern gesungen wird. Die Frage, ob dieser Pokalabend der bevorstehenden Reise nach München zuträglich sein wird, ist jedoch nur schwer zu beantworten.
Fortgeschrittener Reifeprozess
Zunächst stützte das in allen Spielphasen stimmige Spiel der Dortmunder die These, dass der Reifeprozess die Mannschaft auf eine neue Ebene gehievt haben könnte. „In der ersten Halbzeit kann ich jedem einzelnen Spieler von uns ein Kompliment machen“, sagte Kovač. „Wir haben den Gegner laufen lassen, waren geduldig, haben die freien Räume gesucht und auch gefunden.“ Das Pressing und das Gegenpressing waren riskant, fast fehlerlos und sauber dosiert. Die Ideen des Chefstrategen Joey Veerman beglückten nicht nur Ästheten, sie waren auch sehr wirksam.
Dortmund spielte wie ein echtes Spitzenteam, niemand vermisste die verletzten Griechen Konstantinos Karetsas und Giannis Konstantelias. Dass diese Partie noch zu einem Drama werden könnte, war schwer vorstellbar, nachdem Serhou Guirassy und der starke Carney Chukwuemeka zwei schöne Tore geschossen hatten.
45 Minuten so gut wie nie
Dortmund spielte 45 Minuten lang so gut wie nie in dieser Saison; eine derart zwischen Seriosität, Intensität und fußballerischer Qualität austarierte Leistung würde auch die Bayern vor Probleme stellen. Aber der BVB ist trotz der erdenden Wirkung des Trainers Niko Kovač immer noch der BVB. Die hohe Kunst, mit einer andauernden Gier bayernartige 6:1- oder 7:0-Erfolge herauszuspielen, beherrscht diese Mannschaft nicht. Im Gegenteil: Sie neigt zur Nachlässigkeit. „Es wurde dann wild, wir waren sehr unorganisiert“, sagte Kovač, während Book von einem „Verwaltungsmodus“ sprach, in den die Mannschaft umgeschaltet habe.
Nach zwei Gegentreffern von Niclas Füllkrug hatte Mitchell Weiser sogar eine gute Möglichkeit für ein drittes Bremer Tor, das die Dortmunder in eine ernsthafte emotionale Krise hätte stürzen können. Schon wieder früh im Pokal auszuscheiden, hätte die kommenden Wochen schwer belastet. Dass es am Ende gut ausging, überdeckt aber nicht, dass dieser BVB labil bleibt.
Anfällig für Leistungseinbrüche
Selbst erfahrene Stützen wie Schlotterbeck, Waldemar Anton und Julian Ryerson sind nach den Eindrücken dieser Partie weiterhin anfällig für schwer verständliche Leistungseinbrüche. Dafür verschaffte die Geschichte des Marcel Sabitzer dem ganzen Klub einen emotionalen Schub, der ein souveränes 6:1 niemals hätte auslösen können.
„Total crazy“ sei dieser Treffer zum 3:2 in der dritten Minute der Nachspielzeit gewesen, sagte Kovač später und erklärte, was vorgefallen war: „Eigentlich sagte der Schlotti zum Sabi: Lass den Svensson flanken. Aber ich habe von draußen reingerufen: Sabi, schieß bitte.“ Sabitzer schoss, traf, die Süd bebte, Bierbecher flogen, das Adrenalin strömte, und als die klaren Gedanken zurückkehrten, war sicher: Das Duell gegen die Bayern wird auch in dieser Saison eher nicht deshalb entschieden, weil eine der beiden Mannschaften fehlerlos und dominant die eigenen Stärken ausspielt.
Borussia Dortmund und Bayern München sind jeweils Teams, die in fast jeder Partie Momente und Phasen der Schwäche zulassen. Das machte diesen Pokalabend so spannend. Und es wäre nicht verwunderlich, wenn der Umgang der beiden Klubs mit diesem Faktor auch den Klassiker am Samstagabend entscheiden würde.
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