Ungarischer Volksaufstand: Wie der Kreml den Ungarn-Aufstand für Propaganda nutzt

70 Jahre nach der Niederschlagung der Budapester Proteste recycelt der Kreml sowjetische Propaganda – und schürt damit erneut Angst vor dem Westen.
Foto: uncredited/ap/dpa
V or 70 Jahren, im Herbst 1956, spitzte sich die Krise in Ungarn zu. Nach Chruschtschows Rede auf dem XX. Parteitag, in der er Stalin wegen der Massenrepressionen verurteilt hatte, keimten Hoffnungen auf Reformen auf. In den Ländern des sozialistischen Blocks begann es zu brodeln – zunächst in Polen, dann in Ungarn. In Budapest fanden öffentliche Diskussionen statt, die Tausende Teilnehmer anzogen.
Obwohl Rákosi, der Vollstrecker der stalinistischen Politik in Ungarn und Verantwortliche für die Massenrepressionen, abgesetzt worden war, verlief die Entstalinisierung äußerst schleppend. Am 23. Oktober gingen Tausende Einwohner Budapests auf die Straßen und forderten Reformen, freie Wahlen und den Abzug der sowjetischen Truppen. Das Stalin-Denkmal wurde gestürzt, ein Volksaufstand begann.
Die sowjetische Führung zögerte, doch es setzte sich die Position von Chruschtschow durch: Wenn wir Ungarn verlassen, wird das die amerikanischen, britischen und französischen Imperialisten ermutigen. Damit würden wir die Schwäche unserer Position zeigen.
Moskau entschied sich für die militärische Niederschlagung des Aufstands. Der Plan sah die Einnahme Budapests und anderer Großstädte, die Entwaffnung der ungarischen Armee und die Kontrolle über die staatlichen Einrichtungen vor.
Sympathie für den Aufstand
Die Offensive begann am 4. November. Die Vertreter der ungarischen Führung wurden verhaftet, die Armee wurde entwaffnet, doch die Kämpfer leisteten in Budapest noch einige Tage Widerstand. Dabei kamen rund 2.500 Ungarn ums Leben, Tausende wurden verletzt. Ministerpräsident Imre Nagy wurde festgenommen und 1958 mit seinen Mitstreitern hingerichtet. Moskau verkündete die Bildung einer neuen ungarischen Regierung unter János Kádár.
Die westlichen Staaten unterstützten zwar den ungarischen Aufstand, gingen jedoch keinen militärischen Konflikt mit Moskau ein. Nach der Niederschlagung des Aufstands verließen über 200.000 Menschen Ungarn. Die sowjetische Propaganda stellte den ungarischen Aufstand als konterrevolutionären Umsturzversuch dar, der von westlichen Geheimdiensten vorbereitet worden sei. Die Zeitungen waren voller Berichte über Massaker an Kommunisten.
Doch die Ereignisse in Ungarn gingen an der sowjetischen Gesellschaft nicht spurlos vorbei. Unter Studenten und Intellektuellen entstand Sympathie für den ungarischen Aufstand und den Kampf gegen den Stalinismus. Die Zeitzeugen erinnern sich: „Die Ereignisse in Ungarn nahmen uns in ihren Bann … wir tauschten Nachrichten aus, fieberten mit und hofften.“ – „Ich begann eine Flucht zu planen, um nach Budapest zu gelangen … ich träumte von einer großartigen antistalinistischen Revolution des Geistes …“
Formeln der sowjetischen Propaganda
Das Beispiel Ungarns löste in der sowjetischen Führung große Besorgnis aus. Die entstandenen Studentenzirkel in der Sowjetunion wurden zerschlagen, ihre Organisatoren verhaftet und in Lager geschickt.
Erst während der Perestroika wurde die Niederschlagung des ungarischen Aufstands neu bewertet und die historische Gerechtigkeit wiederhergestellt.
Doch heute, 70 Jahre später, wiederholen Putins „Historiker“ erneut die Formeln der sowjetischen Propaganda. Sie behaupten, die Ereignisse in Ungarn seien „das Ergebnis einer groß angelegten, von westlichen Geheimdiensten sorgfältig vorbereiteten Operation“ und die „Ereignisse in Ungarn von 1956“ seien eine „Farbrevolution“ des Kalten Krieges gewesen. Dabei stellen sie direkte Bezüge zwischen den Ereignissen in Ungarn und dem von ihnen verhassten ukrainischen Maidan her.
Diese Rückkehr zu den Formeln der sowjetischen Propaganda wird heute russischen Studenten und Schülern in umgeschriebenen Lehrbüchern vermittelt.
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