Kampagne mit viel Krawumm: "Modern Warfare 4" erlöst "Call of Duty"-Fans endlich

Neues "Call of Duty" im Test"Modern Warfare 4" ist ein gelungenes Einzelspieler-Comeback
26.10.2026, 18:10 Uhr
Von Till Seidenspinner

Nach langer Durststrecke tischt Infinity Ward den "Call of Duty"-Fans mit "Modern Warfare 4" endlich wieder eine Einzelspielerkampagne auf. An den den spektakulären Gefechten und explosiven Verfolgungsjagden möchte man sich gar nicht sattsehen.
Die Kampagne des neuesten Sprosses der "Call of Duty"-Franchise beginnt zunächst so unspektakulär, wie ein Samstagnachmittag in Oer-Erkenschwick. Zusammen mit unseren Kumpels, einem Trupp junger Soldaten, bummeln wir durch die Gassen, unterhalten uns mit Einheimischen und kaufen leckere Snacks in kleinen Lädchen. Doch die gelöste Stimmung findet ein jähes Ende, als der Himmel plötzlich von einschlagenden Geschossen erhellt und aus der eben noch friedlichen Straßenszene ein brutaler Kriegsschauplatz wird.
Zwischen fliegenden Patronen und explodierenden Granaten erzählt das Spiel von da an zwei spannende Geschichten gleichzeitig. Auf der einen Seite die der überrumpelten Soldaten von eben, die von jetzt auf gleich ihr Heimatland gegen eine nordkoreanische Invasion verteidigen müssen. Anderswo begibt sich der aus den Vorgängern bekannte Captain Price auf eine Undercover-Mission voller Intrigen und opulenter Actionszenen, die selbst James-Bond-Filme wie nüchterne Dokumentationen wirken lassen.
Nicht zu viel Politik, bitte
Der erzählerische Split zwischen Kriegsdrama und Agententhriller sorgt dabei nicht nur narrativ für Abwechslung. Das Spiel macht einen mit seinen rasanten Schauplatzwechseln zu einem echten Globetrotter - nur eben mit Maschinengewehr statt Wanderstiefel. Allein in den ersten paar Stunden ist man in Süd- und Nordkorea, New York und Paris unterwegs. Weil die Entwickler obendrein beim Missionsdesign alle Register ziehen, spielt sich jedes Level angenehm anders. Mal heizt man in einem Panzerwagen durch die Innenstadt, dann prügelt man sich durch einen Nachtclub und ein anderes Mal bricht auf einer Bahnstrecke eine wilde Schießerei aus, während Züge an uns vorbeirauschen.
Auch die Perspektive auf das Geschehen verändert sich. Während die Soldaten in einen Krieg hineingezogen werden, den sie weder begonnen noch kommen gesehen haben, verfolgt Price seine ganz persönliche Mission. Und nimmt dafür zunehmend fragwürdige Mittel in Kauf. Die Gewalt fällt entsprechend drastisch aus. Besonders unangenehm wird es, wenn die Kampagne auf die nordkoreanische Seite wechselt und man selbst an der Einschüchterung von Dorfbewohnern beteiligt ist. Plötzlich erlebt man den Terror aus der Perspektive derjenigen, die ihn verbreiten. Solche Szenen sind schwerer zu verdauen und stellen unangenehme Fragen nach Verantwortung und Gehorsam. Ein differenziertes politisches Drama sollte man trotzdem nicht erwarten. Das möchte "Modern Warfare 4" aber auch gar nicht sein.
Vorwärts, es wird schon schiefgehen
"Call of Duty" war schon immer ein knackiges Spielgefühl und eine mitreißende Immersion wichtiger als tiefgründige Gedankenspiele. Und wenn man diese beiden Dinge so gut umsetzt, wie "Modern Warfare 4", dann ist das auch komplett in Ordnung. Die Missionen in Soldatenkluft spielen sich in bester Deckungsshooter-Tradition nämlich herrlich klassisch, mit einem großen Arsenal an kleinem und großem, aber stets hochexplosivem Kriegsgerät. Demgegenüber stehen die deutlich persönlicheren Auseinandersetzungen in der Haut von Captain Price, der sich häufig im sehr wörtlichen Sinne mit purer Muskelkraft durchschlagen muss.
Doch egal, welche Figur gerade den Finger am Abzug hat: Das Spielgefühl ist klasse! Die Waffen haben Wucht und die Gefechte fühlen sich dank der großartigen Soundkulisse herrlich intensiv an. "Modern Warfare 4" erfindet den Militärshooter hier nicht neu, versteht es aber wieder besser als seine Vorgänger, mit den bekannten und von den Fans erwarteten Zutaten ein spektakuläres Action-Feuerwerk zu zünden. Zwischen groß angelegten Gefechten und handfesten Nahkämpfen bleibt so kaum Zeit, sich an einer der beiden Spielarten sattzusehen und festzustellen, dass man vor lauter Krawumm gar nicht merkt, wie man der typischen "Call of Duty"-Schießbude schon wieder auf den Leim gegangen ist.
Schaffe, schaffe, Häusle baue
Immer dort, wo "Modern Warfare 4" den Fuß vom Gas nimmt, gerät die Action-Fantasie deshalb ein wenig ins Stocken. Nach einem Absturz hinter feindlichen Linien entlässt einen das Spiel beispielsweise in ein größeres, offenes Gebiet. Drei Hauptziele können in beliebiger Reihenfolge angegangen werden, dazwischen lassen sich Vorräte sammeln und die eigene Ausrüstung verbessern. Ein Unterschlupf dient als Ausgangspunkt für die Einsätze. Statt dem nächsten Auftrag hinterherzulaufen, muss man sich nun also selbst darum kümmern, für die kommenden Gefechte gewappnet zu sein.
Das vermittelt durchaus das Gefühl, sich unter schwierigen Bedingungen etwas erarbeiten zu müssen. Es verlangt aber auch nach einer ganz anderen Geduld als der Rest des Spiels. Wer gerade noch von einer aufwendig inszenierten Szene zur nächsten getragen wurde, muss sich plötzlich mit Laufwegen, Ressourcen und Frontlogistik beschäftigen. Aus dem temporeichen Actionthriller wird so plötzlich eine ziemlich geschäftige Sammelorgie, die sich trotz Schnellreise derart zieht, dass sie dem ansonsten rasanten Rhythmus ungewollt im Wege steht.
Immerhin hat man so mehr Zeit, die detaillierten Umgebungen und Charaktermodelle zu bestaunen. Gerade die ruhigeren Momente profitieren davon, dass die Welt auch ohne Dauerfeuer äußerst sehenswert bleibt. Seltsam: Bei aktiviertem Raytracing lässt einen das Spiel kein DLSS aktivieren. Eine technische Einschränkung, die zwar nicht jeden Spieler betrifft, für die aber Ende 2026 einfach kein Platz in einem so großen Titel ist.
Überzeugendes Comeback
Darüber hinaus gibt es auch spielerisch einige Kleinigkeiten, die der Immersion mal mehr, mal weniger im Wege stehen. So verschwinden manche Gegner stellenweise einfach plötzlich, während andere mucksmäuschenstill und ohne mit der Wimper zu zucken in einer Ecke stehen, als wären sie versehentlich im falschen Spiel gelandet und würden darauf warten, bis der ganze Krach endlich vorbei ist. Manche Actionsequenz endet zudem in unnötig vielen Wiederholungen, weil nicht sofort klar wird, was das Spiel gerade von einem erwartet und welche zerschossene Häuserfront denn jetzt die ist, wo es weitergeht. Aber ehe uns Captain Price seine Pistole an die Brust hält: Keine Bange, in Summe sind das Kleinigkeiten, die die ansonsten großartige Kampagne kaum ruinieren können.
Als Einzelspieler-Abenteuer gelingt "Modern Warfare 4" damit ein überzeugendes Comeback. Zwar geht nicht jede erzählerische Rechnung auf. Doch die interessanten Figuren geben der Action ein Gesicht mit Wiedererkennungswert (Mads Mikkelsen!) und die abwechslungsreichen Schauplätze, cleveren Missionsideen und die bombastische Soundkulisse sorgen für ein audiovisuelles Spektakel, nach dem sich "Call of Duty"-Fans lange gesehnt haben.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.