Warum Eltern ihre Kinder nicht allein grossziehen sollten

Die Kinder sind zu Hause, gleichzeitig wartet die Arbeit, der Haushalt erledigt sich nicht von selbst und am Abend stehen noch Hausaufgaben und das Zubettgehen an. Viele Eltern kennen das Gefühl, ständig zwischen verschiedenen Aufgaben hin- und herzuspringen. Besonders während der Corona-Pandemie, als Schulen und Kitas geschlossen waren, wurde deutlich, wie belastend es sein kann, Beruf und Kinderbetreuung gleichzeitig stemmen zu müssen.
Berichte über zunehmenden Stress, Ängste und depressive Symptome bei Eltern machten damals deutlich, wie schnell die Belastung zu gross werden kann. Doch warum fällt uns die Kindererziehung manchmal so schwer? Sollten wir nicht von Natur aus wissen, wie wir unsere Kinder grossziehen?
Evolutions- und Verhaltensforscherinnen und -forscher weisen auf einen wichtigen Punkt hin: Der Mensch ist nicht dafür gemacht, seine Kinder völlig isoliert und ohne Unterstützung grosszuziehen. Im Gegenteil. Die Zusammenarbeit innerhalb einer Gemeinschaft gehört zu den Besonderheiten unserer Art.
Der Mensch ist auf Unterstützung ausgelegt
Bei vielen Menschen herrscht heute das Bild einer Familie vor, in der Mutter und Vater die Kinderbetreuung, den Haushalt und den Alltag weitgehend allein bewältigen. Historisch betrachtet ist dieses Modell allerdings keineswegs selbstverständlich.
Über weite Teile der Menschheitsgeschichte lebten Menschen in grösseren Gemeinschaften. Neben den Eltern kümmerten sich auch Grosseltern, Geschwister, andere Verwandte und weitere Mitglieder der Gemeinschaft um den Nachwuchs. Die Verantwortung für die Kinder war damit auf mehrere Schultern verteilt.
In der Evolutionsforschung wird dieses Verhalten als kooperative Kinderbetreuung bezeichnet. Die Idee dahinter: Menschen haben sich im Lauf ihrer Geschichte darauf spezialisiert, gemeinsam für den Nachwuchs zu sorgen. Diese Zusammenarbeit konnte gerade unter schwierigen Lebensbedingungen entscheidend sein, wenn Nahrung beschafft werden musste und die Versorgung der Kinder viel Zeit und Energie beanspruchte.
Fehlt heute ein solches Unterstützungsnetz, kann das für Eltern zur Belastungsprobe werden. Wer gleichzeitig Geld verdienen, den Haushalt organisieren und sich um die Kinder kümmern muss, hat kaum Zeit für Erholung. Hinzu kommt häufig der Anspruch, in allen Bereichen möglichst gut funktionieren zu müssen.
Kinder können mehr, als Erwachsene ihnen zutrauen
Nicht nur die Unterstützung durch andere Erwachsene spielt eine Rolle. Auch Kinder selbst können innerhalb einer Gemeinschaft Verantwortung übernehmen und zum Zusammenleben beitragen.
Die biologische Anthropologin Ebi Page hat die Agta untersucht, eine Gemeinschaft von Jägern und Sammlern auf den Philippinen. Ihre Beobachtungen zeigen, dass bereits junge Kinder in solchen Gemeinschaften Aufgaben übernehmen und sich an der Betreuung anderer beteiligen können.
Page zufolge tragen Kinder schon im Alter von etwa vier Jahren zum Alltag der Gemeinschaft bei. Solche Beiträge werden aus ihrer Sicht häufig unterschätzt, weil Erwachsene dazu neigen, Arbeit und Spiel klar voneinander zu trennen. Dabei können Kinder durch alltägliche Tätigkeiten lernen, Verantwortung zu übernehmen und auf andere zu achten.
Wie wichtig dieses Zusammenspiel sein kann, veranschaulichte Page anhand einer Begegnung, die sie während ihrer Forschung erlebte. In einer Hütte tauchte ein Skorpion auf, während sie sich mit einem vierjährigen Jungen und einem Baby dort aufhielt. Während sie selbst nach eigenen Angaben zunächst nicht wusste, wie sie reagieren sollte, griff der Junge zu einem Stock aus dem Feuer und schlug damit auf das Tier ein.
Die Episode verdeutlicht, wie selbstverständlich Kinder in bestimmten Gemeinschaften in alltägliche Abläufe eingebunden sind. Sie übernehmen nicht einfach nur Aufgaben, sondern lernen durch Beobachtung und Beteiligung, wie sie sich in ihrer Umgebung zurechtfinden.
Das bedeutet nicht, dass kleine Kinder überall dieselben Aufgaben übernehmen sollten. Es zeigt vielmehr, dass Kinder nicht ständig von Erwachsenen angeleitet und beschäftigt werden müssen, um zu lernen. Auch das gemeinsame Leben, Beobachten und Mitmachen bietet wichtige Entwicklungsmöglichkeiten.
Das Ideal der Kleinfamilie ist nicht selbstverständlich
Die Vorstellung, dass Mutter, Vater und Kinder einen Haushalt bilden und die Eltern sämtliche Betreuungsaufgaben selbst übernehmen, ist in vielen westlichen Gesellschaften tief verankert. Gerade nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieses Familienbild stark geprägt.
Rebecca Sear, Professorin für evolutionäre Demografie, hinterfragt die Annahme, dass die kleine, weitgehend unabhängige Familie die natürliche und universelle Form des Zusammenlebens sei. In der Forschung werde häufig von den Erfahrungen westlicher Gesellschaften ausgegangen, obwohl Familienstrukturen weltweit sehr unterschiedlich seien.
Historisch und global betrachtet gibt es zahlreiche Formen des Zusammenlebens. In vielen Gesellschaften werden Kinder nicht ausschliesslich von ihren Eltern betreut. Verwandte und andere Bezugspersonen spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.
Auch in westlichen Ländern sind Eltern häufig auf Hilfe angewiesen. Grosseltern passen auf die Kinder auf, Nachbarn springen ein, Freundinnen und Freunde unterstützen im Alltag oder andere Familien teilen sich die Betreuung. Solche Netzwerke können den Alltag erleichtern und dazu beitragen, dass Eltern Zeit für Arbeit, Erholung und persönliche Bedürfnisse finden.
Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche
Besonders Mütter stehen oft unter dem Druck, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren und gleichzeitig möglichst allen Erwartungen gerecht zu werden. Wer Unterstützung benötigt, hat dann schnell das Gefühl, den Alltag nicht gut genug im Griff zu haben.
Dabei ist die Vorstellung, Frauen seien traditionell ausschliesslich für Haushalt und Kinder zuständig gewesen, ebenfalls zu einfach. In vielen Gesellschaften waren Frauen schon immer an der Versorgung der Familie und an der wirtschaftlichen Produktion beteiligt. Die Betreuung der Kinder musste deshalb mit anderen Aufgaben vereinbart werden.
Ein Blick auf die menschliche Entwicklungsgeschichte kann helfen, die eigenen Erwartungen zu hinterfragen. Eltern müssen nicht jederzeit verfügbar sein, jede Schwierigkeit allein lösen oder ihren Kindern ununterbrochen Beschäftigung bieten.
Das bedeutet nicht, dass Kinder keine verlässliche Betreuung brauchen. Entscheidend sind stabile Beziehungen, Sicherheit und Menschen, die sich um sie kümmern. Doch diese Verantwortung muss nicht zwingend auf zwei Personen beschränkt bleiben.
Warum ein gutes Netzwerk Familien entlastet
Unterstützung kann ganz unterschiedlich aussehen: Grosseltern übernehmen gelegentlich die Betreuung, andere Eltern organisieren gemeinsame Nachmittage oder Freunde helfen aus, wenn beruflich besonders viel los ist. Auch eine verlässliche Kinderbetreuung kann entscheidend sein.
Wichtig ist, dass Eltern nicht erst dann Hilfe suchen, wenn sie bereits völlig erschöpft sind. Wer Aufgaben teilt und Unterstützung zulässt, schafft sich Freiräume und kann möglicherweise verhindern, dass sich Stress dauerhaft aufbaut.
Die Erkenntnis aus der Evolutionsforschung ist deshalb vor allem eine Einladung, den eigenen Anspruch an perfekte Elternschaft zu überdenken. Menschen haben Kinder über Jahrtausende in Gemeinschaften grossgezogen. Dass Eltern heute Unterstützung benötigen, ist kein persönliches Versagen.
Es ist vielmehr ein Hinweis darauf, dass Kindererziehung nie nur eine Aufgabe für Einzelne war. Und manchmal braucht es tatsächlich mehr als zwei Erwachsene, damit eine Familie ihren Alltag gut bewältigen kann.
Dieser Artikel erschien zuerst auf blic.rs. Das serbische Newsportal gehört wie Blick zu Ringier.
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