"Keiner fragte, wie es mir geht": Auf das Trauma des Terrors vom 7. Oktober folgte der Schock der Ignoranz

"Keiner fragte, wie es mir geht"Auf das Trauma des Terrors vom 7. Oktober folgte der Schock der Ignoranz
05.10.2026, 15:45 Uhr
Von Hubertus Volmer

Antisemitische Anfeindungen haben nach dem Massaker des 7. Oktober in Deutschland zugenommen. Als schockierend erleben Jüdinnen und Juden in Deutschland vor allem einen krassen Mangel an Mitgefühl.
Für Israelis und Juden in Deutschland war nicht nur der 7. Oktober 2023 eine traumatische Erfahrung. Auch die Reaktionen innerhalb der deutschen Gesellschaft wurden von vielen als drastische Zäsur erlebt. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie über die Auswirkungen des terroristischen Anschlags vom 7. Oktober, die vom Kompetenzzentrum antisemitismuskritische Bildung und Forschung sowie vom Institut für Rechtsextremismusforschung der Universität Tübingen erstellt wurde.
1200 Menschen wurden am 7. Oktober 2023 in Israel von Hamas-Terroristen ermordet, 250 Menschen wurden als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Es war das größte Massaker an Jüdinnen und Juden seit dem Holocaust.
Für die Studie wurden keine klassischen Umfragen durchgeführt, sondern Interviews und Gruppendiskussionen mit insgesamt 118 Personen - Jüdinnen und Juden, darunter auch in Deutschland lebende Israelis - im Alter zwischen 7 und 80 Jahren. Stimmungen werden in dieser Untersuchung also nicht gemessen, sondern gesammelt. Eine Erkenntnis: Viele Interviewpartner schildern ihre Erfahrung, "dass ihnen nicht nur zwischenmenschliche Anteilnahme und Empathie verweigert wird", sondern sie auch als Stellvertreter des Staates Israel angesprochen werden.
Niemand fragt, "und das schockiert mich"
Mit dieser Zuschreibung werden die befragten Personen "mit Umdeutungen und Relativierungen des Massakers, der Geiselnahmen und des Raketenterrors gegen Zivilist:innen sowie mit einseitigen Schuldzuweisungen an Israel konfrontiert", schreiben die Autoren der Studie. Als besonders verletzend empfinden die interviewten Personen, dass diese Umdeutungen und Relativierungen bereits unmittelbar nach dem Massaker einsetzen und damit noch vor der israelischen Militärintervention in Gaza.
Eine Frau berichtet in einem der Interviews, dass sie am Abend des 7. Oktober mit Freundinnen und Freunden ihren Geburtstag gefeiert habe. Alle hätten gewusst, "dass ich jüdisch bin". Bis auf eine Person habe niemand gefragt, "wie es mir geht".
Eine andere Interviewpartnerin sagt, sie sei bis heute "total erschüttert", dass nur "ganz wenige Leute" in ihrem nichtjüdischen Umfeld mit ihr über den 7. Oktober gesprochen hätten. Sie habe zwar in ihrem Freundeskreis keine Anfeindungen erfahren. Aber ihren Freunden sei auch nicht klar gewesen, was der Terrorangriff "für mich und für viele andere bedeutet hat" und weiterhin bedeute, "und das schockiert mich".
"Das war doch klar"
Die ausbleibenden Reaktionen aus dem nichtjüdischen Umfeld werden von den Teilnehmern als tiefe Enttäuschung erlebt, so die Autoren der Studie - als "eine Erfahrung, die ihre Beziehungen zum nichtjüdischen Umfeld nachhaltig verändert". Einige Interviewpartnerinnen erleben sogar offensive Konfrontationen. Eine Frau Ende 30 sagte, ein Freund habe mit "ja, das war doch klar, dass das passiert" reagiert.
Nicht selten schlägt Empathielosigkeit in Antisemitismus um. Ein Interviewpartner sagt, er habe nach dem 7. Oktober seine "politische Heimat" verloren, die für ihn zuvor in einem linken Milieu bestanden hatte. Er habe gemerkt, dass es dort "krass viel Antisemitismus gibt". Häufig erlebt wird zudem eine Täter-Opfer-Umkehr. Eine Teilnehmerin ärgert sich über "dieses Unwissen von den Menschen und gleichzeitig aber immer nur draufhauen auf Israel und immer nur böse sein mit Israel und alles verkehren, also klassische Täter-Opfer-Umkehr".
Eine weitere Frau Anfang 30 schildert das Gefühl, "nirgends sicher" zu sein, "das kennen wir", aber sie habe es "noch nie so krass mit jeder Faser meines Körpers gespürt, dass ich nicht sicher bin". Ihr Resümee lautet: "Wir sind nur sicher, solange wir unsichtbar sind".
Doppelte Abwertung
Mehrere Interviewpartner schildern "Übergriffe durch offensichtliches Abrücken, Beleidigungen und physische Bedrängung" in öffentlichen Verkehrsmitteln, nachdem sie durch die Nutzung der hebräischen Sprache als Israelis erkannt worden seien. Eine Frau, die sich Hilfe suchend an die Antidiskriminierungsbeauftragte ihres Arbeitgebers gewandt hatte, musste sich dort anhören, sie solle sich an ihre "jüdische Community" wenden, "die sind ja gut vernetzt". Statt Hilfe zu bekommen, wurde ihr gesagt, sie solle "dieses politische Thema" bei der Arbeit nicht ansprechen, "weil das die Stimmung runterzieht".
"Mit der Eskalation des Hasses auf Israel formierte sich nun auch in Deutschland eine neue antisemitische Normalität", bilanzieren die Autoren der Studie. Jüdinnen und Juden in Deutschland hätten eine "Relativierung, Legitimation und Verherrlichung der genozidalen Gewalt des 7. Oktober" erlebt und damit eine "doppelte Invalidation", also eine doppelte Abwertung erfahren: einmal durch den Terrorüberfall selbst, dann "durch die in weiten Teilen antisemitisch strukturierte gesellschaftliche Debatte über die Bedeutung dieser Gewalt".
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