Gregor Schneiders „Haus u r“ Düsseldorf: Kunst ohne Ausweg

Gregor Schneider baut für seine Ausstellung „Haus u r 2026“ in der Kunsthalle Düsseldorf Innenräume nach. In die schleicht sich langsam der Horror ein.
Gregor Schneider ist ein Sonderfall im globalen Kunstbetrieb. Als er 2001 für die Biennale in Venedig sein „Totes Haus u r“ im Deutschen Pavillon installierte und dafür den Goldenen Löwen erhielt, war das ein Senkrechtstart. Seither sorgt er immer wieder für Aufsehen durch irritierende Projekte, etwa mit einem schwarzen Kubus, der an die Kaaba erinnert, oder mit der Nachbildung eines Sterberaums.
Der Künstler lebt nicht in Berlin oder New York, wie es sich für einen Kunst-Star gehört. Er ist immer noch in Mönchengladbach-Rheydt ansässig, jener Stadt, in der auch Joseph Goebbels geboren wurde. Dessen Geburtshaus hat Schneider gekauft, um es nicht Neonazis zu überlassen.
Er hat es erforscht, dort zeitweise gelebt und dorthin Besucher zum Kaffee eingeladen. Das Projekt treibt er nach wie vor weiter: Ein Buch über seinen Kauf und die Entkernung des Goebbels-Hauses, nicht weit vom „Haus u r“ gelegen, ist gerade erschienen. „Ich empfinde mich eher als Aufklärer“, sagt Schneider.
Die Ausstellung
Für Venedig hatte er damals Teile des Innenlebens seines Elternhauses in Rheydt in den Deutschen Pavillon eingebaut. Seit etwa 1985 arbeitet Schneider unablässig an diesem verlassenen Haus, in dem er neue Wände einzieht, Räume verdoppelt, Zwischenräume und Scheinfenster einbaut und so aus ganz unspektakulären Räumen labyrinthische Strukturen baut.
Normalität erzeugt Irritation
Dabei geht er immer von den realen, kleinbürgerlichen westdeutschen Wohnverhältnissen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus, lässt aber viel weg, repliziert anderes, fügt winzige, aber suggestive Details hinzu und verschiebt alles so lange, bis scheinbare Normalität sich zur Irritation verdichtet.
Es ist ein leiser Horror, der sich schleichend einstellt, wenn sich die Versatzstücke bundesdeutscher Nachkriegsnormalität durch Schneiders Verschiebungen zur Kenntlichkeit entblößen: als Versuche, die Vergangenheit zu verdrängen und in banaler Nicht-Ästhetik trügerische Ruhe zu finden vor den Geistern der Vergangenheit. Die aber rumoren erst recht weiter in den verlassenen Schlafzimmern ohne Bett mit fusseligen Teppichböden, einem billigen Kleiderschrank mit Spiegel, in dem man sich selbst erblickt, und milchigen Fenstern ins Nichts.
„Mein Raumgedächtnis“ nennt Schneider seine gigantische Sammlung von Replikaten. Sie lagern wie wuchtige Puzzleteile in einer riesigen Halle. „Ich muss es machen, weil es sonst kein anderer für mich macht“ beschreibt er sein Lebensprojekt. Er sei daher „ein Stück weit unflexibel“, könne eben nicht „einfach in Paris malen“, gesteht er am Rande seiner Ausstellung in der Düsseldorfer Kunsthalle: In der hat er nun zwei seiner verschachtelten Raum-Labyrinthe installiert.
Foto: Gregor Schneider; VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Ein tückisch heimeliges Plakat
Die Ausstellung ist aus der Not geboren. Die Kunsthalle sollte eigentlich saniert werden. Aber die geplante Schließung und Sanierung des brutalistischen Baus am Grabbeplatz wurde im Frühjahr überraschend um drei Jahre verschoben.
Alicia Holthausen, die kommissarische Leiterin, hatte zwar für die Interimszeit „irgendwann“ ohnehin an eine Schau mit Schneider gedacht. Nun musste sie aber die jetzige ziemlich spontan aus dem Hut ziehen. Möglich war das dank der modularen Lagerung von Schneiders „Raumgedächtnis“ und weil er, als sein eigener Logistiker, schnell liefern konnte.
Schon das Ausstellungsplakat ist eine Falle: Es zeigt das ominöse Elternhaus in Rheydt aus einiger Entfernung. Die Aufnahme ist romantisch, wurde nachts hinter blühenden Mandelbäumen geschossen. In der Kunsthalle aber sorgt „Haus u r 2026“ für Erfahrungen, die mindestens unbehaglich sind.
Es fängt schon damit an, dass man die beiden Raum-Parcours nur einzeln betreten darf. Je nach Besucherandrang ist also eine längere Wartezeit eingepreist. In der macht sich bereits das Gefühl breit, das man von Arzt-Wartezimmern kennt.
Im nachtschwarzen Flur
Ist man dann an der Reihe, tappst man erst mal ins Stockdunkle. Dort ist man gezwungen, streng dem geplanten Parcours zu folgen. Das heißt, man öffnet Türen, die hinter einem zufallen und nicht mehr zu öffnen sind: Ein Rückweg ist also nicht möglich. Weiter geht es nur durch eine nächste Tür.
Teilweise wird man von Kameras überwacht. In einem Gaming-Raum sieht man sich selbst live gefilmt auf einem Screen. Der nächste Raum ist die Spiegelung des gerade verlassenen Zimmers. Zwischendurch landet man wieder in einem nachtschwarzen Flur und sucht tastend die nächste Türklinke.
Einmal steht man in einer eisigen Kühlkammer, danach in einem Keller. In dessen Dämmerlicht sind eine ausrangierte Matratze und ein verwaistes Kinderfahrrad zu erkennen.
Auch im zweiten Parcours kann man versagen. Er beginnt mit einem aseptischen Badezimmer mit niedriger Decke und Duschkabine, aber ohne Waschbecken. Irgendwo tropft etwas. Hinter der nächsten Tür: das gleiche Badezimmer, wieder das Tropfgeräusch. Chinesische Wasserfolter? Und ist die Decke nicht noch niedriger? Noch ein Badezimmer. Und noch eins.
Höllische Badezimmer
Nach dem vierten stellt sich der Eindruck ein, im Kreis zu laufen. Wieder ein dunkler Flur. Bin ich gefangen in der Hölle der Bäder? Wieder lande ich am Notausgang, der Fluchtreflex ist stärker als der Wille zur Kunst. Wieder tadelnde Blicke und ein betreuter Gang zurück. Es sind – Achtung Spoiler! – nicht vier, nicht fünf, sondern zehn identische Badezimmer, in deren Folge man systematisch die Orientierung verliert.
Neben den beiden großen Raum-Parcours sind in der Kunsthalle auch dokumentarische Fotoarbeiten Schneiders ausgestellt, Filme, sowie in zwei Räumen wechselnde Live-Streams aus dem originalen „Haus u r“ in Rheydt. Vor der Begehung der Raum-Parcours wirken die Live-Streams aus den lautlosen Räumen ein bisschen langweilig. Nach der Begehung drängt sich Georg Büchners Lenz auf, der hörte eine „entsetzliche Stimme, die um den ganzen Horizont schreit, und die man gewöhnlich die Stille heißt“.
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