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Sunday, October 25, 2026

Nach der Wahl steigen die Preise: Wie die Inflation Russland überrollt

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Nach der Wahl steigen die PreiseWie die Inflation Russland überrollt

25.10.2026, 16:44 Uhr Artur WeigandtVon Artur Weigandt

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Der Rubel rollt, allerdings abwärts. (Foto: picture alliance/dpa)

Der Krieg hinterlässt im Inneren Russlands seine Spuren - zum Beispiel an den Preisen. Nicht nur im Supermarkt kennen sie bloß eine Richtung. Für viele Russen ist klar, woran das liegt.

Das Video dauert nur wenige Sekunden: In einem Supermarkt in Sotschi werden Preisschilder ausgetauscht, eines nach dem anderen. Das Mojito-Getränk kostet jetzt 109,99 statt 82,99 Rubel, die Zwei-Liter-Flasche Kwass (Malzgetränk) 199,99 statt 154,99 Rubel. 100 Rubel entsprechen derzeit etwa 1,10 Euro. Aus dem Off sagt eine Frauenstimme einen Satz: Die Wahlen sind vorbei, die Preise sind gestiegen. Es ist der 21. September, der erste Tag nach der dreitägigen Abstimmung über die neue Staatsduma Russlands. Die beiden Frauen, die das Video gedreht haben, heißen Swetlana Ischilenko und Alisa Kunjaschowa. Sie sind 36 und 27 Jahre alt und arbeiten für "Pjatjorotschka", die größte Supermarktkette des Landes. Den Namen der Kette nennen sie im Video nicht. Es hilft ihnen nichts.

Der Clip verbreitet sich in wenigen Tagen über das ganze Land. Millionen sehen ihn, Hunderttausende markieren ihn mit "Gefällt mir". Darunter sammeln sich Kommentare aus Regionen, in denen nie jemand von dieser Filiale in Sotschi gehört hat. Man gehe inzwischen in den Supermarkt wie in ein Museum, schreibt jemand, und schäme sich, anderen den eigenen Einkaufskorb zu zeigen. Andere spotten über die Staatsangestellten, die sich ihre Stimme angeblich für 500 Rubel hätten abkaufen lassen. Diese 500 Rubel, heißt es, gäben sie nun an der Kasse zurück.

Zuerst, so erzählt es eine frühere Kollegin dem Portal "Sibir.Realii", wollte die Firma aus der Aufmerksamkeit sogar Kapital schlagen. Die beiden hatten zusammen fast 90.000 Follower, und das Management schlug gemeinsame Werbevideos mit der Marketingabteilung vor. Dann drehte sich der Wind. Den Frauen seien tägliche Kontrollen und Abzüge angedroht worden, verbunden mit einem Angebot: anderthalb Monatsgehälter, und sie sollten gehen. Zehn Tage nach dem ersten Video melden sich Ischilenko und Kunjaschowa erneut, diesmal mit der Nachricht ihrer Entlassung. Offiziell endete das Arbeitsverhältnis "im gegenseitigen Einvernehmen".

Schaskolski hält Preise für stabil

Die Supermarktkette Pjatjorotschka weist jeden Zusammenhang mit der Wahl zurück. Man erhöhe Preise nicht wegen einzelner Ereignisse, heißt es, sondern wegen Rabattaktionen und veränderter Einkaufskosten. Ein Detail bleibt dennoch hängen: Nach Ischilenkos Angaben stand der Kwass schon am Tag nach dem Video wieder bei rund 150 Rubel. Warum, hat die Kette nicht erklärt. Einen Monat später ist wieder Sotschi Schauplatz. Am Rande eines Forums fragen Journalisten am 20. Oktober Maxim Schaskolski, den Chef der Antimonopolbehörde FAS, wie er die Lebensmittelpreise im Land einschätzt. Seine Antwort besteht aus einem einzigen Wort: stabil.

Ob die Supermärkte nach der Wahl tatsächlich systematisch aufgeschlagen haben, lässt sich schwer belegen. Stabil sind die Preise aber nicht: Seit Anfang Oktober steigen sie so schnell wie lange nicht. Nach den jüngsten Rosstat-Daten vom 21. Oktober liegt die Teuerung allein in den ersten 19 Tagen des Monats bei 1,06 Prozent. Die Jahresinflation beträgt 7,15 Prozent, deutlich mehr, als die Regierung im Frühjahr erwartet hatte. In der vergangenen Woche wurden Tomaten um 6,3 Prozent teurer, Eier zum wiederholten Mal um mehr als zwei Prozent. Eier hatten schon im September 8,6 Prozent zugelegt. Hähnchenfleisch kostet über 14 Prozent mehr als im Januar, Benzin nach den ukrainischen Drohnenangriffen auf Raffinerien mehr als ein Fünftel.

Die Menschen empfinden die Lage noch drastischer. Laut einer Umfrage der Zentralbank schätzen die Russen die Teuerung, die sie im Alltag erleben, auf gut 15 Prozent im Jahr, mehr als doppelt so hoch wie die offizielle Rate. Mehr als die Hälfte will sparen. Eine Mutter aus Irkutsk erzählte "Sibir.Realii", dass Mehl statt 36 bis 45 Rubel jetzt 84 Rubel kostet und Zucker 84 statt 65 Rubel. Die Redaktion hat ihren Namen zu ihrem Schutz geändert. In Pewek auf Tschukotka, wo Lebensmittel eingeflogen werden, kostet ein Kilo Gurken laut einem Bewohner inzwischen 1.500 Rubel, rund 16 Euro.

Roter Kaviar viel teurer

Spitzenreiter ist ein russisches Festtagsprodukt: roter Kaviar. Nach Angaben des Fischverbands kostet Buckelachs-Kaviar mehr als doppelt so viel wie vor einem Jahr. Grund ist ein schwacher Lachsfang. Bis Mitte Oktober holten die Fischer im Fernen Osten knapp 99.000 Tonnen aus dem Meer, im ganzen Vorjahr waren es rund 335.000 Tonnen.

Der größte Preistreiber kommt aus der Politik, und hier ist der Zusammenhang mit der Wahl eindeutig. Seit Jahren werden in Russland die Tarife für Wasser, Strom und Heizung zum 1. Juli angehoben. In diesem Jahr verlegte die Regierung die längst beschlossene Erhöhung auf den 1. Oktober, also auf die Zeit nach der Abstimmung. Vier Tage nach Schließung der Wahllokale legte Ministerpräsident Michail Mischustin nach: Per Verordnung hob er die Obergrenzen in sechs Regionen an, ausnahmslos. Im Kohlerevier Kusbass dürfen die Nebenkosten nun im Schnitt um 19,8 statt um zwölf Prozent steigen, in Jakutien um 18,9 statt um 15 Prozent.

In der ersten Oktoberwoche verteuerte sich Abwasser landesweit um 17,1 Prozent, Strom um zwölf Prozent. Die Wocheninflation sprang von 0,12 auf 0,96 Prozent, ohne die Tarife wären es 0,21 Prozent gewesen. Die nächste Runde ist schon angekündigt: Zum 1. Juli 2027 sollen die Nebenkosten um weitere elf Prozent steigen.

Kanonenöfen in Jakutien

Dass die Tarife nicht nur steigen, weil Leitungen und Kraftwerke Geld kosten, zeigt ausgerechnet die Behörde, die die Preise für stabil hält. Ende September verlangte die FAS, rund sechs Milliarden Rubel an nicht gerechtfertigten Kosten aus den Stromnetztarifen im Kusbass zu streichen. Bei einer Prüfung in 84 Regionen fand sie in 65 davon Verstöße.

In Jakutien treffen die Preise auf eine marode Infrastruktur. Ein Bewohner der Bergbaustadt Nerjungri berichtet von Nachbarn, die Kanonenöfen aufstellen und die Rohre durchs Fenster nach draußen führen. Die Hälfte seines Hauses, sagt er, zahle die Nebenkosten schon nicht mehr: die einen, weil sie es nicht können, die anderen aus Protest.

Hinter alldem steht ein wachsendes Loch in der Staatskasse. Ende September verdoppelte das Finanzministerium seine Defizitprognose für 2026 nahezu, auf rund 7,3 Billionen Rubel (knapp 81 Mrd. Euro). Am 29. Oktober berät die Duma in erster Lesung den Haushalt für 2027. Er sieht 17,1 Billionen Rubel für die "Nationale Verteidigung" vor, etwa 189 Milliarden Euro und gut ein Drittel aller Ausgaben. Zusammen mit Polizei und Sicherheitsapparat sind es 44 Prozent. Für Soziales, Bildung und Gesundheit ist dagegen weniger eingeplant als bisher.

Kein Geld für Wahlversprechen

Bezahlen sollen die Bürger. Das Steuerpaket, das mit dem Haushalt durch die Duma geht, würde Zinsen, Dividenden und Immobilienverkäufe progressiv mit bis zu 22 Prozent besteuern. Auf ausländische Onlinekäufe kämen die volle Mehrwertsteuer und eine Gebühr pro Paket. Ab Dezember wird auf Smartphones und Laptops eine neue "Technologieabgabe" fällig. Die geförderte Familienhypothek wurde schon kurz nach der Wahl verschärft: Der Vorzugszins gilt nur noch halb so lange wie bisher. Eine Maklerin aus Nowosibirsk ist darüber nicht überrascht. Unpopuläre Beschlüsse nach Wahlen seien in Russland "Klassik", sagt sie.

Wie es um die Wahlversprechen steht, sagte eine Abgeordnete der Partei "Neue Leute" gleich in der ersten Sitzung der neuen Duma: Für all die populistischen Versprechen, von Billigkrediten bis zu höheren Renten, gebe es kein Geld. Viele Russen hatten das offenbar geahnt. Bei einer Straßenumfrage der "Nowaja Gaseta" in St. Petersburg brachte etwa jeder Zweite den Preisanstieg direkt mit der Wahl in Verbindung. Nur jeder Zehnte nannte die Treibstoffkrise als Ursache.

Wladimir Putin sprach derweil über andere Preise. Bei seinem Treffen mit dem US-Sondergesandten Steve Witkoff in St. Petersburg am 21. Oktober lobte er sich für einen Dieselpreis-Effekt: Nach der Vereinbarung über russische Dieselexporte in die USA seien die Weltmarktpreise um fünf bis sechs Prozent gefallen. Zu den Preisen in russischen Supermärkten äußerte er sich nicht.

Am Freitag ließ die Zentralbank den Leitzins bei 14 Prozent und verwies auf hohen Preisdruck und hohe Inflationserwartungen. Kredite bleiben damit teuer. Die nächste Erhöhung der Nebenkosten ist bereits terminiert, und eine Wahl, vor der man sie verschieben müsste, steht diesmal nicht an.

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