Deutsche Gasspeicher halb leer: Reiches riskantes Spiel

Wirtschaftsministerin Reiche lässt die Erdgasspeicher leerer, als sie es sein sollten. Dafür hat sie auch einen Grund – aber die Wette ist riskant.
Foto: Frank Hoermann/SVEN SIMON/imago
T atenlos nimmt Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hin, dass die unterirdischen Erdgas-Speicher hierzulande nicht so voll sind, wie sie sein sollten. Das könnte sich im Winter rächen – mit stark steigenden Preisen.
Schon jetzt klettern die Kosten für den Brennstoff wieder. Die Privathaushalte und Firmen merken das bereits. So rät Klaus Müller, der Chef der Bundesnetzagentur, sich auf höhere Rechnungen einzustellen. Gleichzeitig fordert er die Gashändler auf, mehr Gas einzuspeichern.
Gegenwärtig tun die Unternehmen das aber nicht. Denn der Rohstoff ist ihnen augenblicklich zu teuer, um beim Verkauf im Winter schöne Gewinne zu ermöglichen. An diesem ökonomischen Kalkül ändert sich auch nichts durch Appelle des Netzagenturchefs oder Beruhigungsbotschaften seiner Vorgesetzten, der Wirtschaftsministerin.
Im Gegenteil ist festzustellen, dass Reiche eine Zielmarke ignoriert oder zumindest fahrlässig interpretiert, die sich die Bundesregierung selbst gesetzt hat. Die sogenannte Gasfüllstandsverordnung bestimmt, dass die Speicher bis November, wenn es normalerweise kalt wird, zu durchschnittlich 70 Prozent gefüllt sein müssen. Momentan sind sie jedoch halb leer. Die Lücke zu schließen, könnte zeitlich knapp werden.
Reiches Kalkül
Warum weigert sich nun die Wirtschaftsministerin, die Unternehmen anzuweisen, mehr Gas einzulagern? Sie will vermeiden, dass die schlagartig höhere Nachfrage die Preise treibt, und der Bund oder die Verbraucher Milliarden Euro zusätzliche Kosten tragen müssen.
Andererseits leisten zu leere Speicher einer Kostenexplosion im Winter Vorschub, wenn beispielsweise durch außergewöhnlich niedrige Temperaturen der Bedarf stark zunähme. Eine solche Situation soll die Speicherverordnung gerade verhindern. Der Fairness halber ist aber einzuräumen: Ob die Vorsorge mehr Geld kostet oder der Verzicht darauf, weiß momentan niemand. Katherina Reiche wettet auf die erste Option.
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Hannes Koch Freier Autor
Geboren 1961, arbeitet im JournalistInnenbüro die-korrespondenten.de in Berlin. Er schreibt über nationale und internationale Wirtschafts- und Finanzpolitik. 2020 veröffentlichte er zusammen mit KollegInnen das illustrierte Lexikon „101 x Wirtschaft. Alles was wichtig ist“. 2007 erschien sein Buch „Soziale Kapitalisten“, das sich mit der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen beschäftigt. Bis 2007 arbeitete Hannes Koch unter anderem als Parlamentskorrespondent bei der taz.
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