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Saturday, October 24, 2026

Bruder von Zug erfasst: Wie kann man das verarbeiten?

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  • Ein 24-Jähriger ist am Freitagabend östlich des Bahnhofs Aarau von einem Güterzug erfasst worden und gestorben.
  • Sein Bruder blieb unverletzt, die beiden wollten laut Kantonspolizei Aargau eine Abkürzung nehmen.
  • Notfallpsychologin Petra Strickner erklärt, dass das Miterleben eines solchen Unfalls starke Stressreaktionen auslösen kann.
  • Laut Bundesamt für Verkehr starben 2025 neun Menschen beim unbefugten Betreten von Gleisen.

Beim Überqueren der Gleise östlich des Bahnhofs Aarau wurde am Freitagabend ein 24-Jähriger von einem Güterzug erfasst und tödlich verletzt. Sein Bruder, der mit ihm unterwegs war, blieb unverletzt. Laut der Kantonspolizei Aargau wollten die beiden eine Abkürzung nehmen.

Solch tragische Fälle kommen regelmässig vor. 2025 starben laut dem Bundesamt für Verkehr (BAV) neun Menschen beim unbefugten Betreten von Gleisen, acht wurden schwer verletzt (siehe Box). 2024 waren es 21 beziehungsweise 15 Personen.

Was löst ein solches Erlebnis bei Angehörigen aus? Und warum betreten Menschen trotz der Gefahr Bahngleise? Dazu Petra Strickner, Notfallpsychologin bei Carelink.

Petra Strickner, warum betreten Menschen Gleise, obwohl sie die Gefahr kennen?

Dazu gibt es keine einfache Erklärung. Zeitdruck, Müdigkeit und sozialer Druck können dazu führen, dass Menschen Risiken falsch einschätzen. Auch in der Dunkelheit oder unter dem Einfluss von Substanzen kann die Risikowahrnehmung verändert sein.

Was kann es bei Angehörigen auslösen, wenn sie einen solchen Unfall miterleben?

Zum konkreten Fall kann ich keine Einschätzung abgeben, da wir die Umstände nicht kennen. Wir wissen aber, dass solche Ereignisse sehr starke Stressreaktionen auslösen können. Der Körper schüttet Stresshormone aus und schaltet in den Überlebensmodus. Herzschlag, Atmung und Wahrnehmung verändern sich. Manche rennen weg, andere erstarren oder erinnern sich später kaum an Details. Das geschieht automatisch und ist keine bewusste Entscheidung.

Verboten und lebensgefährlich

Wer Bahngleise überquert oder sich in unmittelbarer Nähe aufhält, riskiert sein Leben. Laut SBB ist das Betreten der Gleise nicht nur verboten, sondern lebensgefährlich. Auch 2026 kam es bereits zu tödlichen Unfällen. Ein Zug mit 140 km/h benötige, so die SBB, bis zu einem Kilometer, um anzuhalten. Manche Züge legten rund 40 Meter pro Sekunde zurück. Lokführerinnen und Lokführer hätten deshalb kaum eine Chance, rechtzeitig zu reagieren. Hinzu komme: Züge verkehrten nicht immer nach Fahrplan und könnten jederzeit auftauchen.

Wovon hängt es ab, wie jemand ein solches Erlebnis verarbeitet?

Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf solche Erlebnisse. Entscheidend ist unter anderem, wie gross die erlebte Hilflosigkeit und Ohnmacht war. Schutzfaktoren sind ein tragfähiges soziales Umfeld, die Erfahrung, selbst handlungsfähig zu sein, und eine grundsätzlich gute Widerstandsfähigkeit. Frühere belastende Erlebnisse, fehlende Unterstützung oder schwierige Lebensumstände können die Verarbeitung erschweren.

Ab wann spricht man von einer Traumatisierung?

Starke Reaktionen unmittelbar nach einem solchen Ereignis sind nicht ungewöhnlich. Betroffene brauchen Zeit, um in den Alltag zurückzufinden. Erst wenn dies längerfristig nicht gelingt und wichtige Lebensbereiche beeinträchtigt bleiben, stellt sich die Frage nach einer Traumafolgestörung.

Was brauchen Betroffene in den ersten Tagen und Wochen?

Wichtig sind Anerkennung, Sicherheit und Orientierung. Das Umfeld sollte die Schwere des Erlebten ernst nehmen, ohne zu dramatisieren oder herunterzuspielen. Hilfreich ist auch, Betroffenen Zuversicht zu vermitteln: Du musst da nicht allein durch, und du kannst wieder in deinen Alltag zurückfinden. Zentral ist zudem das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Betroffene sollen erfahren: Ich kann selbst etwas dazu beitragen, dass es mir wieder besser geht.

2025: Zugunglücke mit Todesopfern

13. April 2025 – Märstetten TG
Ein 27-jähriger Mann wurde gegen 1 Uhr auf dem Bahnstreckenabschnitt zwischen Feldhof und der Unterführung mit der Frauenfelderstrasse von einem Zug erfasst und tödlich verletzt.

12. Mai 2025 – Oensingen SO
Ein Mann wurde kurz vor 12.30 Uhr beim Bahnhof Oensingen von einem durchfahrenden Zug erfasst und tödlich verletzt.

31. Juli 2025 – Märstetten TG
Ein 26-jähriger Mann geriet gegen 5.15 Uhr auf die Gleise. Er wurde von einem Güterzug erfasst und tödlich verletzt.

29. August 2025 – Näfels GL
Ein 33-jähriger Mann befand sich kurz vor 21 Uhr zwischen Netstal und Näfels auf den Bahngleisen, als er von einem Zug erfasst wurde. Die ausgerückten Rettungskräfte konnten nur noch den Tod des Mannes feststellen. Die Unfallstelle befand sich im Bereich des Campingplatzes des Eidgenössischen Schwing- und Älplerfestes ESAF.

29. Dezember 2025 – Mörigen BE
Eine 75-jährige Frau geriet gegen 8.50 Uhr auf die Gleise. Trotz der sofort eingeleiteten Notbremsung erfasste ein einfahrender Zug die Frau. Sie wurde tödlich verletzt.

Trauerst du oder trauert jemand, den du kennst?

Hier findest du Hilfe:

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Pro Senectute, Beratung älterer Menschen in schwierigen Lebenssituationen

Lynn Sachs

Lynn Sachs (sac) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Sie ist stellvertretende Leiterin des Ressorts News.

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