Wie viel Geld fließt in die Ukraine - und fehlt es woanders?
Sowohl das BSW als auch die AfD lehnen wesentliche deutsche Ukraine-Hilfen ab. Sie argumentieren unter anderem, dass die Milliarden für die Ukraine an anderer Stelle in Deutschland fehlen.
15.09.2026 | 8:35 minIn den Landtagswahlkämpfen wird immer wieder die deutsche Ukraine-Unterstützung als Anlass zur Aufregung genutzt. Das Spitzenpersonal von AfD und BSW behauptet regelmäßig, dass Deutschland bereits gigantische Summen an die Ukraine gezahlt habe und dieses Geld deshalb an anderer Stelle fehle: bei Schulen, bei Renten, bei der Infrastruktur. ZDF frontal und ZDFheute haben die zentralen Behauptungen überprüft.
Was AfD und BSW über die Ukraine-Hilfen sagen
BSW-Namensgeberin Sahra Wagenknecht sprach bei einem Wahlkampfauftritt davon, dass die Bundesregierung "Milliarden und Abermilliarden im schwarzen Loch der Ukraine (versenkt), während in Deutschland, in unseren Schulen die Kinder nicht mehr ordentlich lesen, rechnen und schreiben lernen".
Der Spitzenkandidat der AfD in Mecklenburg-Vorpommern, Leif-Erik Holm, sagte im ZDF-Interview am Rande einer Agrarmesse, es müsse "Schluss sein" mit den Hilfen:
Wir haben 100 Milliarden Euro bezahlt für die Ukraine. Das ist eine Menge Geld und wir sehen doch, wie es ist in Deutschland, wir können uns das kaum leisten.
Leif-Erik Holm, AfD
Tino Chrupalla, der Bundesvorsitzende der AfD, spricht ebenfalls oft von 100 Milliarden Euro, die an die Ukraine geflossen sein sollen und ergänzt:
Der Wohlstand sinkt, das ist richtig, und jeder muss sich im Prinzip auch für die Einsparmaßnahmen und die sogenannten Reformen, die jetzt verabschiedet werden, die Frage stellen lassen, ob er noch bereit ist, für ein fremdes Land so viel Geld auszugeben, was weder Nato-Mitglied noch EU-Mitglied ist.
Tino Chrupalla, Bundesvorsitzender der AfD
Wie verhält es sich also mit den Hilfen für die von Russland angegriffene Ukraine? Fehlt das Geld an anderer Stelle und um welche Summen geht es genau?
Was Deutschland tatsächlich an die Ukraine zahlt
Zur Ukraine-Hilfe kursieren viele unterschiedliche Zahlen aus verschiedensten Geldtöpfen und Zeiträumen - eindrücklich war das in der "illner"-Sendung vergangene Woche zu sehen und zu hören: Dort diskutierten unter anderem Armin Laschet, Rechtswissenschaftlerin Frauke Rostalski und Podcaster und Autor Robin Alexander über die deutschen Hilfszahlungen. Die Spanne der genannten Summen reichte von 13 Milliarden pro Jahr bis 100 Milliarden Euro in vier Jahren zu 90 Milliarden von der EU - ehrlich gesagt ein großer Zahlensalat.
Um die Ukraine-Hilfen geht es etwa ab Minute 43.
10.09.2026 | 61:58 minNach Angaben der Bundesregierung sieht die tatsächliche Bilanz seit 2022 so aus: Für zivile Unterstützung sind bislang mehr als 43,3 Milliarden Euro geflossen, für militärische Unterstützung wurden und werden - auch für die kommenden Jahre - rund 57,6 Milliarden Euro bereitgestellt. Der wesentliche Unterschied zur AfD-Rechnung: Ein erheblicher Teil dieser Summe ist nicht bereits ausgezahlt, sondern erst zugesagt oder für künftige Jahre eingeplant. Aus diesen Zahlen formt sich in der öffentlichen Diskussion die Summe von 100 Milliarden.
Mölling: Hohe Summe aus Deutschland soll andere motivieren
Hinter der großen Gesamtsumme verberge sich ein "ganzes Potpourri", erklärt Sicherheitsexperte Christian Mölling gegenüber "frontal": bereits Gezahltes und erst Zugesagtes, Militärisches und Ziviles, direkte Hilfe an die Ukraine und Ausgaben, die eigentlich in Deutschland selbst anfallen, etwa für die Versorgung ukrainischer Geflüchteter. Die Bundesregierung habe diese großen Zahlen zum Teil selbst befördert, um europäische Partner zu mehr Unterstützung zu bewegen. Wie viel von den zugesagten Geldern tatsächlich schon geflossen ist, lässt sich laut Mölling derzeit nicht genau beziffern - seit etwa 2025 veröffentlicht die Bundesregierung keine Einzelzahlen mehr zu Waffenlieferungen.
Auch der Wirtschaftsforscher Johannes Marzian vom Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) ordnet die direkten Hilfen ein: Über die vier Jahre von 2022 bis 2026 seien knapp 30 Milliarden Euro direkt an die Ukraine geflossen. Das entspreche rund 0,86 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts von 2021.
Zum Vergleich: Allein die jährlichen Pensionszuschüsse des Bundes machen laut Marzian knapp zwei Prozent des BIP aus - mehr als doppelt so viel wie die gesamte Ukraine-Hilfe über vier Jahre.
In Thüringen will das BSW vor Koalitionsverhandlungen mit CDU und SPD eine Präambel für den Koalitionsvertrag, in der Initiativen für eine Beendigung des Kriegs in der Ukraine verankert werden.
21.10.2024 | 1:47 minGeht die Ukraine-Hilfe zulasten von Schulen und Sozialem?
Sahra Wagenknechts Aussage zu dem schwarzen Loch der Ukraine, in dem die "Abermilliarden" versenkt würden, impliziert direkt, dass dieses Geld deshalb an anderen Stellen fehle.
Diese Verknüpfung weisen sowohl die Osteuropa-Expertin Gwendolyn Sasse vom Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) als auch Ökonom Marzian entschieden zurück. Sasse nennt die Aussage im ZDF-Interview eine "Falschaussage":
Der Bundeshaushalt trennt die Ausgaben, und die Ausgaben für die Unterstützung der Ukraine kommen entweder aus dem Militärhaushalt oder sie unterliegen der Bereichsausnahme. Das heißt, hier werden keine Mittel verbraucht, die eigentlich für Schulen oder andere innenpolitische Themen zu benutzen wären.
Gwendolyn Sasse, Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS)
Die "Bereichsausnahme" ist der zentrale technische Punkt, den auch Mölling betont: Selbst wenn Deutschland die Ukraine-Hilfe komplett einstellen würde, könnte das freiwerdende Geld gar nicht automatisch in Bildung oder Soziales fließen. "Man kann das Geld, das zurzeit in Verteidigung fließt, nicht in irgendeinen anderen Bereich umschichten", so Mölling. Der Verteidigungsbereich sei von der Schuldenbremse ausgenommen:
Ich kann entweder in Verteidigung investieren oder ich kann es sein lassen. Ich kann aber nicht das, was ich nicht in Verteidigung stecke, deswegen in Sozialkosten stecken.
Christian Mölling, Direktor des Thinktanks EDINA
Diese Einschätzung deckt sich mit der Einordnung von Journalist Robin Alexander bei "maybrit illner":
Keine Rentenmarke, kein Renteneuro fließt weniger wegen der Ukraine, keine Sozialhilfe wird gekürzt wegen der Ukraine-Hilfe. Man kann die Ukraine-Hilfe kritisieren, aber sie geht in die Verschuldung. Sie wird nicht bei den Sozialausgaben eingespart.
Robin Alexander, Journalist und Podcaster
Guns vs. Butter: Gehen Militärausgaben zulasten von Sozialem?
Forscher Marzian hat die sogenannte "Guns vs. Butter"-Frage, also ob Militärausgaben systematisch zulasten von Sozialausgaben gingen, mit seinem Team am IfW über 150 Jahre und 20 Länder hinweg untersucht. Das zentrale Ergebnis: Ein solcher Zielkonflikt lasse sich historisch kaum belegen. "Im Schnitt" passiere das Gegenteil: Beide Ausgabenarten, militärische wie soziale, stiegen in Phasen der Aufrüstung meist gleichzeitig. Als Ausnahme nennt Marzian etwa die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg, wo tatsächlich Sozialausgaben zugunsten des Militärs gekürzt wurden - solche Fälle seien aber historisch "sehr, sehr wenige".
Für Deutschland seit 2022 sieht Marzian dieses Muster bestätigt: Parallel zu den steigenden Ukraine-Hilfen seien auch die Pensionszuschüsse gestiegen, ebenso der Einzelplan für Familie, Senioren und Bildung. Über das Sondervermögen für Infrastruktur seien bereits 50 Milliarden Euro ausgezahlt worden. Geld, das laut Marzian unter anderem auch in Bildungs- und Digitalisierungsausgaben fließt. Die Behauptung, wachsende Militärausgaben gingen zwangsläufig zulasten der sozialen Sicherheit, bezeichnet Marzian als "Nebelkerze".
Trotz guter Ernte steht die ukrainische Landwirtschaft unter Druck - kaum Exportmöglichkeiten und eine Blockade über den Landweg. Eine Folge: die schwindende Existenz der Bauern.
14.09.2026 | 2:24 minWas würde ein Ende der Hilfe bedeuten?
Sowohl AfD als auch BSW fordern ein Ende der militärischen Unterstützung: Chrupalla mit dem Argument, es sei "nicht unser Krieg", Wagenknecht mit der Aussage, endlose Waffenlieferungen verlängerten nur "das schreckliche Sterben".
Mölling warnt in diesem Zusammenhang vor den sicherheitspolitischen Folgen eines Rückzugs: Fiele die Ukraine, würden viele Menschen aus dem Land fliehen, die nicht unter russischer Herrschaft leben wollten und russische Kräfte rückten näher an die Nato-Grenze heran. "Das heißt, wir haben ein neues Sicherheitsproblem und keinen Puffer mehr dazwischen." Zugespitzt formuliert er:
Wenn man es ganz unpathetisch sieht, dann bezahlen wir zurzeit die Ukraine dafür, dass sie Sicherheitsprobleme löst, die wir sonst lösen müssten.
Christian Mölling, Direktor des Thinktanks EDINA
Formal sind die Geldtöpfe für die Ukraine und für Sozial- oder Bildungsausgaben also strikt getrennt. Zum ganzen Bild gehört aber auch: Jeder zusätzliche Euro, der über Schulden für Verteidigung und Ukraine-Hilfe aufgenommen wird, schränkt langfristig den finanziellen Spielraum ein. Über Zinszahlungen und Tilgung wirkt sich die heutige Verschuldung auf die Investitionsmöglichkeiten kommender Haushaltsjahre aus - ob das die "Lösung des Sicherheitsproblems" wert ist, wird sich zeigen.
Über das Thema berichtete "frontal" am 15.09.2026 ab 21 Uhr.
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