Literaturnobelpreis für Anne Carson: Sie kommt von Homer

Anne Carson erhält den Literaturnobelpreis. Die Auszeichnung der Altphilologin kann als Zeichen gegen unsere zunehmend anti-intellektuelle Zeit gesehen werden.
Foto: Natalia Reich/Haus für Poesie/dpa
Als Altertumswissenschaftlerin ist man sich über die Nichtigkeit der eigenen Existenz wohl besonders im Klaren. Die Gegenwart ist schließlich auch nur ein Jetzt, das noch nicht Geschichte geworden ist. Ein Augenblick, der die Vorzüge der Jugend besitzt, die ohnehin nicht lange währen. Als Altertumswissenschaftlerin ist man dabei auf eine Art vielleicht auch ziemlich allein. Immerhin sind alle Menschen, deren Schicksale einem begegnen, seit Jahrtausenden tot. Mit wem hält die Altertumswissenschaftlerin Zwiesprache? Mit dem Weltgeist? Dem Universum?
Nun ist nicht bekannt, wer der Altphilologin und Schriftstellerin Anne Carson einflüstert. Vielleicht bloß die Natur. Zumindest war Carson gerade auf Island, als sie der Anruf erreichte, dass sie den Literaturnobelpreis erhalten solle, um dort erklärtermaßen den Wind zu hören.
Was auch immer es ist, was der Wind Carson mitteilt, es kommt jedenfalls von weit her. Die 1950 in Toronto geborene Kanadierin greift in ihren Büchern bevorzugt auf antike Figuren und Mythen zurück. Zuletzt erschien so etwa „Norma Jeane Baker von Troja“, in dem sie Helena von Troja mit Marilyn Monroe in Beziehung setzt.
Carson ist auch Übersetzerin, überträgt griechische Tragödien ins Englische, und weiß um die Wichtigkeit einzelner Worte und Begriffe. Der Schritt zur Lyrik, den die Altphilologin mit „Canicula di Anna“ 1984, drei Jahre nach ihrer Dissertation, tat, scheint also folgerichtig: Die Wahrheit kann im einzelnen Wort liegen, Sprengkraft in seinen Silben. „Wenn Prosa ein Haus ist, dann ist Lyrik ein brennender Mann, der ziemlich schnell hindurchrennt“, sagte Carson einmal in einem Interview mit dem Guardian, gefragt nach der Definition von Poesie.
Carsons intensive Beschäftigung mit Worten überträgt sich in ihren Büchern dabei auch auf ihre Figuren. In „Die Autobiografie von Rot“ etwa, einem lyrischen Roman über eine Liebesgeschichte zwischen einer beflügelten Figur namens Geryon und dem Halbgott Herkules, kleidet sich eben dieser Geryon erklärtermaßen in starke Wörter: „Am Morgen trieben harte Winde Lebensstöße in den Himmel jeder für sich blau / genug, um eine eigene Welt zu gründen. Die Wörter für und sich trieben auf ihn zu und der Wind zerfetzte sie. Sowas war für Geryon immer schwierig gewesen: Wörter wie für sich / zergliederten sich in einzelne Buchstaben, wenn er sie anstarrte und verschwanden. Hinterließen Raum für Bedeutung aber der blieb leer. Die Buchstaben hingen dann überall in der Gegend an Ästen und Möbeln.“
Sprachbilder und Schriftzeichen
Ein Wort ist dabei für Carson nicht nur ein Wort, nicht nur seine Bedeutung, sondern immer auch Bild; insbesondere vielleicht, weil ihr nicht nur unterschiedliche Sprachen, sondern auch unterschiedliche Schriftzeichen zur Verfügung stehen. Wer Sprache auf diese Art ernst nimmt, erschließt sich ganz neue metaphorische Räume: „Sie waren zwei Aale der Extraklasse / ganz unten im Tank und sie erkannten sich wie Schrägschrift“.
Anne Carsons Werk ist nicht unbedingt das Zugänglichste, sie ist keine Annie Ernaux, keine Han Kang, kein Abdulrazak Gurnah, deren Erzählwelt sich trotz mancher Surrealismen der Leserin nicht verschließt. Carson, mit ihrem Altertum, ihrer Lyrik, ist ein klassischer writer’s writer, ist – und das ist kein Widerspruch – auf eine erfrischende Art beinahe altmodisch akademisch. Und das, obwohl Carson zunächst selbst ihre Probleme mit der akademischen Welt hatte, aus Frust über den Lehrplan zweimal ihr Studium unterbrach.
Anne Carson, mit ihrem Altertum, ihrer Lyrik, ist – und das ist kein Widerspruch – auf eine erfrischende Art beinahe altmodisch akademisch
Die Entscheidung der Schwedischen Akademie kann so, und ja, man möchte sie auch als ein Signal verstanden wissen, dem Anti-Intellektualismus unserer Zeit etwas entgegenhalten. Jenem Anti-Intellektualismus, der zunehmend etwa in Form von KI auf die Welt der Literatur übergreift. Carson habe „im spielerischen Dialog mit der klassischen Tradition neue Formen für die zeitgenössische Literatur geschaffen“, so begründete man in Stockholm die Entscheidung, und die Assoziation mit KI, die einem bei Carson ex negativo in den Sinn kommt, sie kommt vielleicht nicht von ungefähr. Kommt nicht „Prompt“ von Prometheus? Ist nicht die KI eine Art Delphisches Orakel, eine Wahrsagerin, die mit Wahrscheinlichkeiten arbeitet und als Wahrheit verkauft? Auch zu all dem lässt sich die Auszeichnung Anne Carsons, die mit Unwahrscheinlichkeiten arbeitet, als Kommentar lesen.
Gäbe es eine Literaturnobelpreisträgerin, die mit Recht behaupten könne, sie komme von Homer, es wäre wohl Anne Carson. Die Kanadierin äußert sich selten in tagespolitischen Belangen, muss das auch nicht, denn ihr Werk, in dem Kriege, Gewalt und Geschlecht eine zentrale Rolle spielen, spricht für sich.
Mitunter bricht jedoch auch die Jetztzeit in ihre lyrische Welt der Mythen ein, etwa in ihrem Vortrag, der „Lecture on the History of Skywriting“, den sie noch in diesem Jahr im Rahmen des Poesiefestivals Berlin auf die Bühne brachte, und in den sie die Geschichte von Faisal, eines Jemeniten, dessen Familie durch eine amerikanische Drohne zu Tode kam, hineinwebte.
„Einen Menschen ohne Welt gibt es nicht“, schreibt sie in der „Autobiografie von Rot“. Und dass es Anne Carson in dieser Welt gibt, zumindest das ist ein Glücksfall.
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