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Monday, September 21, 2026

Wachstum oder neue Krise?: "Wir erleben einen Aufschwung mit angezogener Handbremse"

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Wachstum oder neue Krise?"Wir erleben einen Aufschwung mit angezogener Handbremse"

21.09.2026, 19:05 Uhr

imageInterview: Max Borowski

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Die Aussichten haben sich verbessert am Bau, "von Optimismus kann man aber noch nicht sprechen". (Foto: picture alliance / Caro)

Die Stimmung in deutschen Unternehmen hat sich in diesem Jahr stark verbessert, die Wirtschaftsforschungsinstitute schrauben ihre Konjunkturprognosen herauf und rechnen für 2026 erstmals seit Jahren wieder mit einem ordentlichen Wachstum. Gleichzeitig aber zeichnet sich eine Energiekrise ab. Die Inflation und die Zinsen ziehen an. Auch bei den jüngsten Wahlen dominieren offenkundig wirtschaftliche Ängste. Klaus Wohlrabe leitet die Befragungen des Ifo-Instituts und kennt die Sorgen und Erwartungen in den deutschen Unternehmen genau. Im Interview mit ntv.de erklärt der Ökonom, ob Deutschland vor einem Aufschwung oder vor einer neuen Krise steht.

ntv.de: Ihr Job, die Gemütslage in den deutschen Unternehmen zu beobachten, war in den vergangenen Jahren ja eher düster, wenn man auf die Stimmungslage schaut. Seit einigen Monaten wirkt das Bild aber fast fröhlich optimistisch. Erleben Sie das auch so?

Klaus Wohlrabe: Von Optimismus kann man noch nicht sprechen. Wir sehen einen Aufschwung in der Stimmung. Die Zahl der skeptischen Stimmen nimmt ab - aber die sind nach wie vor in der Mehrheit. Nach fünf, sechs Jahren wirtschaftlicher Stagnation sind positive Nachrichten natürlich willkommen. Trotzdem überwiegt insgesamt noch die Skepsis mit Blick auf die Zukunft. Bis zu echtem Optimismus ist es noch ein weiter Weg.

Wo macht sich besonders gute Stimmung breit, und wo sieht es weiterhin trübe und pessimistisch aus?

In vielen Branchen überwiegt der Pessimismus noch, auch wenn sich die Stimmung etwas verbessert hat. Eine sehr positive Ausnahme ist die Elektroindustrie. Da boomt es richtig - sie profitiert von der Digitalisierung der Wirtschaft und den damit verbundenen Investitionen, die Auftragslage ist sehr gut. Ein weiteres positives Beispiel ist der Wohnungsbau. Der kommt allerdings aus einem sehr tiefen Tal. Von Optimismus kann man auch hier noch nicht sprechen. Aber die Zahl der Baugenehmigungen steigt, und das wird sich hoffentlich auch bald in Aufträgen niederschlagen. Es gibt also positive Beispiele, aber insgesamt sollte man das noch nicht überbewerten.

Es sind nicht nur die Stimmungsumfragen, bei denen sich eine deutliche Verbesserung abzeichnet. Auch die Konjunkturprognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute wurden deutlich nach oben korrigiert. Schlägt sich in diesen Prognosen das nieder, was Sie in Ihren Umfragen bei den Unternehmen hören? Oder nehmen die Firmen wahr, dass sich die Konjunktur verbessert, und korrigieren deshalb ihre Erwartungen nach oben?

Es ist ein teilweise selbstverstärkender Prozess. Die Konjunktur nimmt langsam wieder Fahrt auf, und es gibt auch harte Fakten, die die Unternehmen vorsichtig optimistisch in die Zukunft blicken lassen. Zum einen trägt das Infrastrukturpaket endlich maßgeblich dazu bei. Im wahrsten Sinne des Wortes kommt das Geld auf die Straße: Es wird gebaut. Auch die Investitionen in Sicherheit und Verteidigung spielen eine große Rolle und geben der Wirtschaft zusätzliche Impulse. Überraschend war außerdem, dass sich die Weltwirtschaft trotz des Krieges im Iran als relativ robust erwiesen hat. Die Exporte haben sich erstaunlich gut entwickelt. All das hat dazu geführt, dass die Prognosen nach oben korrigiert wurden.

Die Folgen des Iran-Kriegs für die deutsche Wirtschaft waren zunächst glimpflicher, als man befürchtet hatte. Zuletzt aber wirken die Nachrichten mit Blick auf die Energiepreise wieder geradezu dramatisch: die Inflation steigt, ebenso die Zinsen. Ist das nicht Gift für die Stimmung und für die Konjunktur?

Es gibt weiterhin sehr viele Risiken. Der Aufschwung, den wir gerade sehen, und auch die korrigierten Prognosen stehen deshalb unter Vorbehalt. Noch ist der Aufschwung vor allem fiskalisch getrieben: Der Staat nimmt viel Geld in die Hand, um die Wirtschaft anzuschieben. Die Kehrseite der hohen staatlichen Verschuldung ist allerdings, dass die Zinsen steigen. Das könnte dem Wohnungsbau wieder schaden, weil die Baufinanzierung teurer wird. Und die hohe Inflation dämpft den Konsum. Gerade in Deutschland spielen die Tankstellenpreise eine sehr herausgehobene Rolle. Die Haushalte dürften sich weiter zurückhalten bei ihren Ausgaben. Im Moment überwiegen die positiven Nachrichten und Impulse, aber die negativen Risiken nehmen leider wieder zu. Die Unternehmen haben allerdings eine gewisse Resilienz entwickelt und gelernt, mit Lieferengpässen und hohen Energiepreisen umzugehen. Nun muss man beobachten, wie sich das weiterentwickelt.

Die Zinsen steigen schon seit Längerem kontinuierlich. Trotzdem hat sich die Stimmung im Wohnungsbau, einer besonders zinsanfälligen Branche, zuletzt verbessert.

Wir hatten vor drei, vier Jahren schon einmal deutlich höhere Zinsen. Das hat maßgeblich die aktuelle Krise der Baubranche verursacht. Denn dadurch waren viele Baufinanzierungen nicht mehr tragfähig und wurden aufgegeben. Inzwischen hat sich der Markt konsolidiert. Die Baugenehmigungen steigen wieder. Darin sehen wir auch einen gewissen Nachholeffekt. Inzwischen sind viele neue Baufinanzierungen auf den Weg gebracht worden. Damit hat die Branche erstmal ein, zwei Jahre zu tun. Für einen längerfristigen Aufschwung ist die entscheidende Frage, ob der aktuelle Zinsanstieg ein vorübergehendes Phänomen ist oder es einen anhaltenden Anstieg geben wird. In dem Fall könnte die Stimmung im nächsten Jahr wieder kippen. Wir sehen momentan also viele Kräfte, die sowohl positiv als auch negativ wirken. Welche sich letztlich durchsetzen, ist die spannende Frage.

Was ist nötig, damit aus diesen positiven Signalen und Ansätzen ein Aufschwung wird, der diesen Namen verdient?

Wir erleben derzeit einen Aufschwung mit angezogener Handbremse. Einerseits sind wir von Entwicklungen abhängig, die wir nicht beeinflussen können: von der globalen Unsicherheit, der Situation an der Straße von Hormus und den Energiepreisen. Da können wir wenig tun. Gleichzeitig nimmt der deutsche Staat viel Geld in die Hand. Das ist derzeit der Wachstumstreiber, und auch im kommenden Jahr wird das noch etwas helfen. Vielleicht kann man an dieser Stelle sogar noch nachlegen. Wichtig ist jetzt, dass sich eine positive Stimmung entwickelt. Daraus kann dann ein positiver Dominoeffekt für die Konjunktur entstehen. Die Reformbereitschaft der Politik darf deshalb nicht nachlassen. Sie muss das Signal an die Wirtschaft senden: Wir packen an, auch politisch, damit der Aufschwung nicht wieder abgewürgt wird. Traumhafte Wachstumszahlen sind zunächst nicht zu erwarten. Aber wenn wir kontinuierlich auf einem positiven Kurs bleiben, wäre schon viel gewonnen.

Was sind aus Sicht der von Ihnen befragten Unternehmen die wichtigsten Punkte auf der politischen To-do-Liste?

Ganz klar: Bürokratie muss abgebaut werden. 50 Prozent der Unternehmen nennen dies als wichtigen Punkt. Viele Investitionen lohnen sich derzeit schlicht nicht, weil der Aufwand zu hoch ist. Man könnte Verfahren vereinfachen und verschlanken, Genehmigungen beschleunigen und die Verwaltung modernisieren. Wichtig wäre außerdem, weiterhin positive Signale zu senden. Die Steuersenkung für Unternehmen ist bereits auf den Weg gebracht. Wenn nun auch die privaten Haushalte Entlastungen spürten - gerade angesichts der gestiegenen Energiepreise -, würde das ebenfalls helfen, den Aufschwung zu stabilisieren.

Ist das hauptsächlich eine psychologische Frage, oder geht es tatsächlich um grundlegende, anhand von Fakten und Zahlen belegbare Veränderungen?

In den vergangenen fünf Jahren wirtschaftlicher Stagnation hat es sich leider eingeschlichen, dass sich schlechte Nachrichten und Kritik am Standort Deutschland gut verkaufen. Jetzt wäre es wichtig, auch psychologisch eine Wende herbeizuführen und wieder an den Standort Deutschland zu glauben. Das darf natürlich nicht über die harten Fakten hinwegtäuschen. Unternehmer rechnen, und auch viele private Haushalte müssen gerade genau kalkulieren, weil es finanziell knapp ist. Man muss deshalb beides zusammenbringen: eine positive Erzählung über den Standort Deutschland, die auf belastbaren Fakten beruht. Dann kann sich beides sogar gegenseitig verstärken.

Mit der positiven Erzählung ist das derzeit nicht so einfach. Bei den Wahlen aktuell dominieren offensichtlich Ängste in Bezug auf die wirtschaftliche Lage. Auch die Schlagzeilen der vergangenen Wochen über die Energiepreise lassen befürchten, dass die Krisenstimmung zurückkehrt. Haben Sie Sorge, dass der Stimmungsaufschwung auch in den Unternehmen schon wieder zunichtegemacht wird?

Diese Gefahr besteht. In der Bevölkerung herrscht eine hohe Unzufriedenheit, teilweise auch zu Recht. Ich glaube, es wäre hilfreich, wenn die Politik realistisch benennen würde, was sie leisten kann - und was nicht. Das Problem ist, dass häufig mehr versprochen wird, als sich später halten lässt. Es braucht mehr Realismus, statt sich in Standardabläufen und Floskeln zu verlieren. Viele Menschen sind Versprechungen und politische Rituale leid und wünschen sich Veränderung. Wenn die Politik diesen Wunsch aufgreift und den Rückenwind nutzt, den wir derzeit haben, wäre schon viel erreicht. Wenn nicht jetzt, wann dann?

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