Medienkonsum bei Kindern: Sein oder Bildschirmschein

Smartphones und Tablets prägen den Familienalltag. Doch dabei verlieren Kinder oft den Bezug zur Realität. Ein Besuch in der Physiotherapie.
N ackte Kinderfüße tasten vorsichtig über Steine, harte Nudeln und zerknülltes Zeitungspapier. Grüne, blaue und rote Hula-Hoop-Reifen rahmen die verschiedenen Materialien ein. Ein kleines Mädchen balanciert von Reifen zu Reifen auf dem Barfußweg, den ihre Physiotherapeutin im Gymnastikraum des Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ) in Berlin-Charlottenburg gestaltet hat. Ihre Schritte wirken zögerlich, nicht immer im Gleichgewicht.
„Das ist laut!“, ruft Anna (Name von der Redaktion geändert) plötzlich und weicht erschrocken vor der schimmernden, knisternden Rettungsdecke zurück, die zwischen zwei Reifen liegt. Manche Geräusche sind ihr noch sehr fremd.
Die kleine Anna ist mit ihrem Vater zur Physiotherapie gekommen. Er hilft ihr, die Schuhe auszuziehen und und bringt sie zur Tür des Gymnastikraums, wo die Physiotherapeutin Antje Taubert beide herzlich begrüßt. Dann verabschiedet sich der Vater und geht in den Wartebereich des SPZ zurück. Vor etwa einem Jahr betrat Anna zum ersten Mal diese Praxis. Damals sprach sie kaum und wich jedem Blickkontakt aus „Sie hat so schnell Fortschritte gemacht“, sagt Antje Taubert.
Neue Regeln für soziale Medien
Social Media Im Sommer legte eine Expert*innengruppe im Auftrag der EU-Kommission Vorschläge vor, wie der Zugang von Jugendlichen zu sozialen Medien geregelt werden könnte. Kern des Modells: Jugendliche sollen erst ab 13 Jahren eingeschränkt Zugang erhalten. Für 13- bis 17-Jährige ist eine Jugendversion der Plattformen vorgesehen, bei der süchtig machende Funktionen wie Endlos-Scrolling, algorithmische Feeds oder automatisch startende Videos standardmäßig deaktiviert sind. Eine technische Lösung zur Altersverifikation, das sogenannte Eudi-Wallet, präsentierte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bereits im Juli. Die Verantwortung soll künftig bei den Plattformen liegen, die bisherige Altersbeschränkungen – viele erlauben Profile erst ab 13 Jahren – de facto nicht kontrollieren.
EU Am Mittwoch hält Kommissionspräsidentin von der Leyen ihre jährliche Rede zur Lage der Union im EU-Parlament in Straßburg. Es wird erwartet, dass sie dabei ankündigt, wie sie die Empfehlungen der Expert*innen als Gesetzentwurf ins Parlament einbringen will.
Deutschland Bildungsministerin Karin Prien (CDU) hatte im Sommer ebenfalls eine Expert*innenkommission präsentiert. Sie schlug ähnliches vor wie die Kolleg*innen auf EU-Ebene. Auch sie plädieren für verpflichtende Jugendschutzversionen von Social Media und halten ein Verbot für Unter-13-Jährige ergänzend dazu ebenfalls für diskussionwürdig. Wie man sich dann genau entscheiden will, soll im Herbst klar werden, hatte Prien mehrfach klargemacht. Zum einen liegt die gesetzgeberische Zuständigkeit für die Regulierung von Tech-Firmen bei der EU. Zum anderen verspricht man sich von einer abgestimmten Strategie mehr Durchschlagskraft.
Zu Beginn zeigte das Mädchen deutliche Entwicklungsrückstände. „Spielen hatte sie gar nicht gelernt und kannte eigentlich nur das Smartphone – also das Schieben vom Display“, erinnert sich die Physiotherapeutin. Ohne Dinge zu greifen und zu ertasten, fehlte dem Kind die Grundlage für eigenes Handeln, erklärt Taubert. „Die ganze Materialerfahrung, Sozialerfahrung, Selbsterfahrung, das Ursache-Wirkungs-Prinzip – also was passiert, wenn ich etwas mache – können die Kinder am Smartphone ja nicht erleben“, sagt die Physiotherapeutin.
Als Anna anfangs herkam, mied sie höhere Ebenen. Fühlte sie sich überfordert, drehte sie sich einfach weg. Auch ihre Bewegungen fielen auf, etwa das hektische Wedeln mit den Händen vor dem Körper. „Diese Art der Selbststimulation gehört zu den autismusähnlichen Symptomen, die normal entwickelte Kinder gar nicht brauchen“, erklärt Taubert.
Dass immer mehr Kinder mit ihrer Umwelt nicht zurecht kommen, beobachtet Katrin Klöpper schon seit etwa zehn Jahren. Damals hat es angefangen mit dem übermäßigen Medienkonsum von Kleinkindern, erklärt die leitende Ärztin im Zentrum. Ein Hauptgrund: die Nutzung von Smartphones, die immer stärker in den Alltag der Menschen integriert werden. „Allerdings noch nicht in dem Ausmaß, das wir jetzt sehen“, betont die Ärztin. Sie sitzt an ihrem Schreibtisch schräg gegenüber dem Gymnastikraum, in dem die kleine Anna sich weiter voran über den Barfußweg arbeitet. Klöpper öffnet auf ihrem Laptop einige Videoaufnahmen ihrer Patient:innen.
Auf dem Bildschirm erscheint ein fünfjähriger Junge, der fast reglos in einem Raum steht. Um ihn herum liegen verschiedene Musikinstrumente. Eine Therapeutin ermuntert ihn wiederholt zum Spielen – doch er bleibt unbeteiligt. Im nächsten Video sieht man einen weiteren Jungen, der seine Umgebung kaum wahrnimmt. Beide Kinder sprechen wenig oder gar nicht, meiden Blickkontakt, zeigen kaum eine Gestik und bewegen sich eingeschränkt. Sie sind keine Autisten, weisen aber ähnliche Verhaltensweisen auf.
Trotzdem werden die Symptome oftmals unter dem Namen „Virtueller Autismus“ zusammengefasst. Fachleute lehnen diese populärwissenschaftliche Bezeichnung ab, da Autismus vor allem genetische Ursachen hat. Offiziell anerkannt sind die autismusähnlichen Symptome durch hohen Medienkonsum noch nicht – Langzeitstudien zu dem Phänomen fehlen. Katrin Klöpper stützt sich vor allem auf ihre klinische Erfahrung: Wird der Medienkonsum reduziert, bessern sich die Symptome schnell. Die Kinderärztin beobachtet, dass immer mehr Kinder betroffen sind. Je nach Konsum sind die Symptome unterschiedlich stark ausgeprägt.
Jedes fünfte Kleinkind besitzt inzwischen ein eigenes Tablet, jedes zehnte ein Handy oder Smartphone
Was die Ärztin täglich beobachtet, belegen aktuelle Zahlen: Seit 2020 hat der Zugang der Zwei- bis Fünfjährigen zu smarten Geräten stark zugenommen, zeigt die aktuelle miniKIM-Studie. Jedes fünfte Kleinkind besitzt inzwischen ein eigenes Tablet, jedes zehnte in dieser Altersgruppe ein Handy oder Smartphone.
Zwar stehen die meisten Eltern Smartphones in Kinderhänden kritisch gegenüber, doch fast die Hälfte der Hauptbetreuenden sieht auch Vorteile. Einige hoffen auf einen Lerneffekt: Deutschsprachige Eltern lassen ihre Kinder mit Apps Englisch üben, Eltern aus dem Ausland nutzen sie, um ihren Kindern Deutsch beizubringen.
Was für Folgen die übermäßige Mediennutzung im Laufe der Kindheit haben kann, zeigt die aktuelle Mediensucht-Studie der DAK-Gesundheit und des UKE Hamburg: Bereits jede:r Vierte im Alter von 10 bis 17 Jahren kommt kaum vom Bildschirm weg. Expert:innen sprechen von einer besorgniserregenden Entwicklung. Die Isolation der Familien in den Coronajahren hat sie stark beschleunigt. Auch Katrin Klöpper betrachtet die Pandemie als Wendepunkt. Schulen und Kindergärten waren geschlossen, obwohl viele Eltern im Homeoffice arbeiteten. Der Druck, Kinderbetreuung und Beruf zugleich zu bewältigen, war hoch. So wurden Bildschirme schnell zur Lösung, um Kinder lange ruhig zu halten.
„Wir mussten unsere Tochter, die noch nicht in die Kita ging, beschäftigen, um arbeiten oder lernen zu können“, sagt auch Annas Vater, der geduldig auf das Ende der Physiotherapiestunde wartet. Er erinnert sich gut an den Druck, alles schaffen zu müssen. Er arbeitete außer Haus. Seine Frau besuchte einen Deutschkurs und führte den Haushalt. Wenn sie lernte, kochte oder duschte, beschäftigte sie die kleine Tochter mit ihrem Smartphone oder setzte sie vor den Fernseher.
Foto: Frank Muckenheim/plainpicture
Das Kind schien zufrieden, erzählt der Vater. Doch mit der Zeit veränderte Anna sich. Sie zog sich emotional zurück und reagierte unsicher auf ihre Umwelt. „Sie hatte kein Gleichgewicht und fasste nichts an“, erinnert sich der Mann. Dann fügt er leise hinzu: „Und sie hat uns nie geküsst.“
Auch nachts wirkten bei Anna die vielen Stunden vor dem Bildschirm nach. Sie verarbeitete die visuellen Reize im Schlaf, schreckte immer wieder auf. „Unsere Tochter schrie Seriennamen“, erinnert sich der Vater heute immer noch fassungslos.
Für ihn und seine Frau stand fest: Etwas lief grundlegend schief. Sie suchten ärztlichen Rat und verbannten bald darauf alle Bildschirmmedien aus dem Alltag ihrer Tochter. Stattdessen brachten sie Bausteine, Spielfiguren und Hörspiele ins Haus, um ihrem Kind greifbare Erlebnisse zu bieten.
Heute schaut der Vater mit Sorge auf andere Familien, die ihren Kleinkindern Smartphones in die Hand drücken. Er selbst werde den Moment niemals vergessen, in dem er und seine Frau erfuhren, was die lange Bildschirmzeit bei ihrer Tochter angerichtet hat. „Wir haben uns damals nur angeguckt und gedacht: Wir haben etwas Falsches getan, wir sind schuld“, sagt er leise.
Ob eigene Erkenntnis oder der Hinweis aus der Kinderarztpraxis: Für Eltern ist die Diagnose der bildschirminduzierten Entwicklungsstörung meist mit großer Scham verbunden. „Den Eltern ist häufig schon vorher klar, dass es einen Zusammenhang mit dem Smartphone gibt“, berichtet Klöpper, die in ihrem Sprechzimmer ein paar Telefonate entgegengenommen hat.
Umso wichtiger bleibt der einfühlsame Umgang im SPZ: „Wir versuchen, ohne Vorwürfe zu arbeiten und nicht zu sagen, dass jemand schuldig ist.“ Klöpper will Bildschirme nicht grundsätzlich verdammen. Entscheidend sind das elterliche Vorbild und eine echte Beziehung im Alltag. Erst wenn Kinder allein vor dem Bildschirm sitzen, fehlt ihnen der Bezug zur Umwelt und zu den eigenen Gefühlen, so Klöpper.
Foto: Frank Muckenheim/plainpicture
Sich selbst zu beruhigen, muss ein Kind erst lernen. Übernimmt regelmäßig das Smartphone diese Aufgabe, wird das Gefühl zwar verdrängt, der Umgang mit den eigenen Emotionen aber nicht geübt. Gerade in den ersten Lebensjahren ist das Gehirn besonders formbar. Wenn Kleinkinder in dieser Zeit viel und passiv vor Bildschirmen sitzen, hinterlässt das Spuren in der Hirnentwicklung.
Die Neurowissenschaft zeigt heute deutlich, dass exzessiver Medienkonsum wichtige Nervenverbindungen und Leitungsbahnen verändert. Klöpper beobachtet diese Folgen im Alltag: Manche Kinder seien an schnelle, wechselnde Reize gewöhnt. Bleiben sie aus, werde es schwer, die Aufmerksamkeit zu halten. Auch Langeweile und Frust auszuhalten, falle ihnen schwerer. Was das bedeuten kann, zeigt sich ihrer Ansicht nach spätestens in der Grundschule. Plötzlich sollen Kinder still sitzen, zuhören, warten, sich konzentrieren. Fähigkeiten, die Selbstregulation voraussetzen.
„Ein weiteres Problem in Bezug auf Smartphones und Laptops ist, wenn die Eltern selbst ständig auf ihr Smartphone schauen“, sagt die Ärztin. In der Fachwelt spricht man hierbei von der sogenannten Technoferenz – der ständigen Unterbrechung der zwischenmenschlichen Interaktion durch digitale Medien. Wenn Mutter oder Vater zum Beispiel beim Füttern des Kindes, auf dem Spielplatz oder beim Vorlesen wiederholt aufs Display blicken, reißt die Verbindung zum Kind immer wieder ab.
Das Smartphone in der Hand der Eltern wirkt wie eine unsichtbare Wand, die emotionale Nähe verhindert
Katrin Klöpper, Kinderärztin
Für Kleinkinder ist dieser verlässliche Blickkontakt jedoch wichtig für ihre Entwicklung: Sie spiegeln darin ihre eigenen Gefühle, lernen emotionale Sicherheit und erfahren, dass ihre Bedürfnisse wahrgenommen werden. Fehlt diese direkte Resonanz dauerhaft, ziehen sich manche Kinder emotional zurück oder zeigen auffälliges Verhalten, um überhaupt eine Reaktion zu erzeugen. „Das Smartphone in der Hand der Eltern wirkt wie eine unsichtbare Wand, die emotionale Nähe verhindert“, betont Klöpper.
Viele Eltern trösten sich damit, dass auch in ihrer Kindheit der Fernseher lief. Doch Klöpper widerspricht: Das Medium habe sich drastisch verändert. Früher waren Sendungen ruhiger, langsamer und weniger aufdringlich, und der Fernseher blieb auf Abstand, an der Wand. Das Smartphone dagegen hebt diese Distanz komplett auf. „Da ist einfach kein Raum mehr dazwischen, keine Welt, keine Person, mit der ich noch interagieren könnte“, sagt die Ärztin.
Physiotherapeutin Antje Taubert hat in der Zwischenzeit die raschelnde Decke in die Hand genommen, zeigt sie Anna und gibt sie ihr in die Hand. Die Folie, die Anna noch vor ein paar Minuten unheimlich war, wird spontan zur „Glitzerdecke“ – die Kleine strahlt. Dann ertastet sie einen rosa schimmernden Glasstein, lacht und wirft ihn zurück in den blauen Reifen. Wieder knistert es – diesmal, als sie das zerknüllte Zeitungspapier überquert.
Anna erschrickt nicht mehr, läuft weiter und spürt die harten Kanten der Nudeln unter ihren Füßen, die im nächsten Reifen liegen. Kurz wirkt sie irritiert, doch dann erkundet sie den Untergrund weiter mit den Zehen, während Taubert jede Entdeckung kommentiert: hart, weich, kalt, warm. Anna lernt bei der Übung diese unterschiedlichen Adjektive greifbar kennen – Sinneseindrücke, die ihr am glatten, zweidimensionalen Display bisher fehlten. „Sie muss diese Erfahrungen erst machen“, erklärt die Physiotherapeutin.
Foto: Frank Muckenheim/plainpicture
Wo früher Rückzug, Händewedeln und Stille herrschten, sucht das Mädchen heute Blickkontakt, nutzt einfache Worte und gestaltet das Spiel im Raum aktiv mit.
„Nur wenn die Eltern mitmachen, sieht man, wie schnell sich Dinge bessern“, betont Taubert. „Dann sieht man, wie die Kinder ausdauernder werden und Motivation entwickeln“, erklärt die Physiotherapeutin, während sie ein paar Nudeln zurück in den Reifen wirft. Für sie ist der Fall des Mädchens, das kaum sprach und Koordinationsprobleme beim Laufen hatte, ein Beispiel für den Wandel ihres gesamten Berufsfeldes: „Die Therapie lässt sich gar nicht mehr in einzelne Fachgruppen einsortieren. Es braucht ein multiprofessionelles Team – aufgrund der komplexen Geschichten, die diese Kinder mitbringen“, so die Physiotherapeutin.
Am Rand des Gymnastikraums wartet Annas Vater, bis seine Tochter die letzten Hürden des Barfußwegs genommen hat. Er ist für die letzten Minuten hereingekommen, um ihre Fortschritte beobachten zu können. Seit der Diagnose hat er seine Mediengewohnheiten radikal geändert. Nach der Arbeit lässt er sein Smartphone unberührt liegen. „Das ist jetzt nur noch zum Telefonieren da“, sagt er. Der Fernseher steht zwar noch im Wohnzimmer, bleibt aber aus, solange Anna wach ist. „Abends möchte ich schon ein bisschen Fußball gucken“, lacht er. Aber da liegt Anna schon längst im Bett.
Als die Stunde endet, läuft sie zu ihrem Vater, der auf einem Holzkasten nahe der Tür sitzt. Er strahlt, nimmt sie glücklich in die Arme. „An den Fortschritten ihrer Kinder sehen die Eltern, dass es sich lohnt dranzubleiben“, sagt Antje Taubert zufrieden. Der Vater nimmt Annas Hand, beide verabschieden sich von der Physiotherapeutin und schlendern den Gang zur Tür entlang. Er fragt seine Tochter, wie es war. Anna lacht und erzählt ein wenig. Das Smartphone des Vaters bleibt stumm.
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