Konversionstherapien – Wenn der Glaube die sexuelle Orientierung «heilen» soll

Schon mit 14 Jahren weiss Adrian Stiefel, dass er Männer liebt. Doch in seinem freikirchlichen Umfeld gilt Homosexualität als Krankheit. Der junge Genfer glaubt, Gott könne ihn so nicht lieben. Zehn Jahre lang versucht Stiefel, seine sexuelle Orientierung zu ändern. Er betet um Heilung. Mit 19 reist er für eine Konversionstherapie in die USA.
Eine Woche lang erlebt er Exorzismen. Dabei soll die sogenannte «homosexuelle Macht» identifiziert und vertrieben werden. Stiefel sagt heute, er habe sich zwar scheinbar freiwillig dafür entschieden. Seine Freiheit sei aber stark eingeschränkt gewesen. «Wenn die Alternative ist, dass du deine Familie, deine Gemeinschaft und dein Seelenheil verlierst, dann ist die Wahlfreiheit extrem klein.»
Einsamkeit und Schuldgefühle
Noch heute legt sich Schmerz über sein Gesicht, wenn er sich an diese Zeit erinnert. «Ich war traurig und einsam», sagt Stiefel. Lange sei er nicht in der Lage gewesen, eine nahe Beziehung aufzubauen. Hinzu kamen Schuldgefühle. Da Kirche und Gott ihn nicht «heilen» konnten, habe er die Schuld bei sich gesucht.
Innerlich zerrissen wendet er sich Mitte 20 von seinem freikirchlichen Umfeld ab. Aber es dauert weitere 10 bis 15 Jahre, bis er sich von den Vorstellungen seiner früheren Kirche lösen kann. Erst danach gelingt es ihm, offen schwul zu leben – und weiterhin gläubig zu sein.
Konversion nicht nur im Christentum
Dass Menschen trotz solcher Erfahrungen ihren Glauben nicht verlieren, sei erstaunlich häufig, sagt Philippe Gilbert vom Interkantonalen Informationszentrum für Glaubensfragen in Genf. Sein Zentrum hat die Situation in der Westschweiz untersucht.
Die Studie zeigt: Konversionsmassnahmen sind nicht auf christliche Gemeinschaften beschränkt. «Wir finden solche Praktiken auch in jüdischen, islamischen und esoterischen Gemeinschaften», sagt Gilbert.
Mindestens im 19. Jahrhundert wurden bereits sogenannte «Therapien» zur «Heilung» von Homosexualität angeboten. Die damalige Grundhaltung dafür waren Theorien, die von einer «gesellschaftlichen Degeneration» ausgingen. Jede Abweichung von einer heterosexuellen oder angeborenen Geschlechtsnorm wurde damals als Krankheit angesehen, heisst es in einem Bericht des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung. Und diese Krankheit wollte man behandeln.
Ein Arsenal von furchterregenden Mitteln wird aufgeführt: Verhaltenstherapie, Pillen und Hormone, Elektroschocks, Sterilisation und die Transplantation von Hoden eines heterosexuellen Mannes an einen homosexuellen Mann.
Wie verbreitet die Praktiken in der Schweiz sind, lässt sich nur schwer beziffern. Laut dem Schweizer LGBTIQ+ Panel der Universität Zürich wird fast jede zehnte homosexuelle und rund jede siebte trans Person mit Konversionsmassnahmen konfrontiert.
«Du darfst schwul sein – aber nicht so leben»
Stiefel leitet heute die «Antenne LGBTI» der Reformierten Kirche Genf. Er beobachtet, dass sich manche religiösen Gemeinschaften inzwischen offener geben. Homosexualität werde nicht mehr grundsätzlich abgelehnt.
Gleichzeitig werde von queeren Menschen verlangt, ihre Sexualität nicht zu leben. Das sei «fast noch gemeiner» als ein klares Verbot von Homosexualität, findet Stiefel.
Bundesrat prüft ein Verbot
Der Bundesrat hat vor Kurzem Konversionsmassnahmen verurteilt und sich erstmals offen für ein nationales Verbot gezeigt. Gleichzeitig schreibt er in seinem Bericht, die bestehenden Gesetze reichten aus. Ein neues nationales Gesetz hält er nicht für notwendig.
Stiefel sieht das anders. Ein Verbot hätte für ihn nicht nur rechtliche Bedeutung. «Ein Gesetz schafft auch eine soziale Norm», sagt er. Es signalisiere, was in der Gesellschaft akzeptiert ist und was nicht.
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