Politik-Aussteiger zu Bärbel Bas: Michael Roth: "Da sollten wir alle mal die Schnauze halten"

Politik-Aussteiger zu Bärbel BasMichael Roth: "Da sollten wir alle mal die Schnauze halten"
12.10.2026, 18:12 Uhr
Der Rücktritt von Bärbel Bas sorgt für Diskussionen. Der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Michael Roth kennt die Belastungen des politischen Betriebs aus eigener Erfahrung. Nach 27 Jahren im Bundestag hat er sich aus der Berufspolitik zurückgezogen. Im Interview spricht er über Hass, Morddrohungen und die Folgen eines immer härteren Umgangstons.
ntv: Sie haben 27 Jahre lang für die SPD im Bundestag gesessen und dann Ihre politische Karriere beendet. In Ihrem Buch "Zonen der Angst" beschreiben Sie auch die psychischen Belastungen der Berufspolitik. Was war für Sie damals die Herausforderung? Sehen Sie Parallelen zum Rücktritt von Bärbel Bas?
Michael Roth: Ich tue mich schwer, Parallelen zu ziehen. Aber ich gebe zu: Einer der Gründe, warum ich nach 27 Jahren Berufspolitik den Abschied genommen habe, war, dass mir die Härte der Auseinandersetzung, der Hass und die Wut zu schaffen gemacht haben. Das gab es nicht nur im politischen Betrieb selbst, sondern auch in den Medien und vor allem in der Gesellschaft. Ich will gar nicht viel über mich reden. Aber ich sehe inzwischen, dass es viele Menschen gibt, die sich politisch engagieren und sagen: Nein, auf diesen Stil habe ich keine Lust mehr. Wenn sich am Ende die Stillen und Leisen, die Sensiblen und Empathischen zurückziehen und nur noch die Hartleibigen, die mit dem dicken Fell und die Zyniker übrig bleiben, wirkt sich das nicht gut auf unsere politischen Entscheidungen aus.
Haben Sie eine Vorstellung davon, welche konkreten Angriffe Bärbel Bas meint?
Ich will da nicht spekulieren, weil ich mit ihr in den vergangenen Monaten und Wochen darüber nicht gesprochen habe. Aber es wäre zu einfach, die Verantwortung einfach nur irgendwelchen Parteien zuzuschieben. Wir alle müssen uns fragen - in den Medien, in der Gesellschaft und vor allem auch in den sozialen Medien -, wie wir über Politikerinnen und Politiker reden. Es gibt viele, die das nicht einfach so ablegen können. Sie haben sich kein dickes Fell zugelegt, sondern leiden darunter. Damit will ich nicht fordern, dass wir die politische Auseinandersetzung beenden. Ganz im Gegenteil: Wir müssen in der Sache hart diskutieren, aber respektvoll miteinander umgehen. Und wir sollten die Integrität von Menschen respektieren. Wenn jemand um einen lieben Menschen trauert und sich dafür erst einmal aus dem politischen Geschäft zurückzieht, sollten wir alle mal die Schnauze halten. Wir sollten nicht anfangen, darüber zu spekulieren, was diese Person jetzt tut oder tun sollte oder nicht tun sollte. Einfach mal etwas zurücknehmen. Deshalb hoffe ich, dass der bedauerliche Rücktritt von Bärbel Bas uns alle ein wenig zur Besinnung kommen lässt.
Sie haben gerade den Begriff "Schnauze halten" gewählt. Bärbel Bas hat einmal das Wort "Bullshit" benutzt. Fängt es da nicht schon an?
Ja, damit fängt es an. Aber ich wollte das jetzt nicht konkret auf eine Person beziehen. Wir müssen alle an uns arbeiten. Ich habe den Eindruck, dass die Härte, die teilweise auch von ganz bestimmten politischen Kräften, vor allem von Populisten und Extremisten, genutzt wird, auf die politische Mitte und auf unsere Gesellschaft abfärbt. Viele meinen, nur wenn sie laut und aggressiv sind und mit Schimpfwörtern um sich werfen, werden sie überhaupt noch gehört. Es wird aber nicht besser, wenn diejenigen, die auch Zwischentöne bedienen können und nicht zu den Lauten gehören, am Ende aus der Politik verschwinden. Diejenigen, die vielleicht nicht jedes Bierzelt füllen können, bereichern unsere Beiträge. Es muss bunt und vielfältig zugehen. Ich sage nicht, dass wir alle gleich sein müssen. Aber diese Menschen werden gerade jetzt dringend gebraucht.
Worte haben Wirkung. Was waren die schlimmsten Angriffe, die Sie erlebt haben?
Das waren sicherlich Morddrohungen. Die erlebt man ja auch. Ich habe mir dann immer gedacht: Okay, das ist offenkundig ein Teil der bitteren Realität, mit der Politikerinnen und Politiker klarkommen müssen. Ich möchte nicht zynisch klingen, aber es ist eine Art Berufsrisiko wie in anderen Berufen auch. Was man nicht vergessen darf: Das macht etwas mit den Angehörigen, mit der Familie, mit den Freundinnen und Freunden. Irgendwann teilt man das gar nicht mehr mit ihnen, weil man weiß, wie sehr sie das entsetzt. Man will sie ja auch nicht weiter ängstigen. Dann macht man vieles nur noch mit sich selbst aus. Ich weiß, dass es vielen Menschen ähnlich geht - auch vielen Namenlosen, die man aus der ersten oder zweiten Reihe der Politik gar nicht so kennt. Sie müssen jeden Tag mit Hass, Verachtung und Bedrohungen umgehen. Und viele sagen dann irgendwann, ob sie Bürgermeister, Landrätin, Ministerin oder Abgeordneter sind: Nein, das tue ich mir nicht mehr an! Das ist ein Verlust, wenn wir diese Menschen verlieren.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.