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Tuesday, October 27, 2026

Pilz-Content auf Social Media: Warum gehen plötzlich alle Pilze sammeln?

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Pilze trenden in echt und in den sozialen Netzwerken, wo sogenannte Pilzfluencer Auskunft über die Lebewesen geben. Was sagt uns das über unsere Zeit?

Ann-Kathrin Leclere

Um einen drahtigen Mann in roter Regenjacke hat sich eine Menschentraube gebildet. Ein tätowiertes Pärchen steht neben einer Mutter mit ihren Kindern, die aufgeregt kleine bunte Kameras auf den Boden richten. Nebenan wummert der Bass, Leute feiern auf der kleinen Grünfläche neben dem Berliner Szeneclub Berghain, einer fährt mit dem Fahrrad vorbei und halluziniert, vielleicht auf irgendwelchen Pilzen, eine andere Person, die er lauthals beschimpft. Verabredet ist eine Gruppe hier zu einem kleinen Spaziergang, der wenig mit der Großstadt zu tun hat: Wir sind zum Pilzwalk des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hier.

„Bitte die Pilze von hier nicht essen“, sagt der Mann vom BUND gleich zu Beginn. Zwischen Hundekot und wer weiß was für anderen Hinterlassenschaften scheint das auch nicht besonders ratsam. Zu entdecken gibt es hier trotzdem einiges. Eine Stinkmorchel etwa und einen Kahlen Krempling finden wir an diesem noch warmen Septembernachmittag.

Letzterer galt früher als essbar, wird heute aber als giftig eingestuft, erzählt unser Guide. Sein Verzehr könne schwere, in seltenen Fällen sogar tödliche Vergiftungen auslösen.

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Die Kinder sind die besten Pilzsucher*innen. Wenn wir gerade noch über einen Pilz sprechen, zeigen sie schon aufgeregt auf den nächsten. Alle paar Meter finden wir eine neue Art.

Nicht nur Pilze tummeln sich in dem kleinen Waldstück unweit der Uber Arena, sondern auch viele Menschen, die sich für sie interessieren. Der BUND bietet seine Pilzwanderungen hier im Herbst regelmäßig an. Es ist auch nur eines von vielen Pilzevents, die in Deutschland derzeit stattfinden und rege besucht werden.

Pilzfluencer verbreiten den Hype

Beim Tag des Pilzes, den die Pilzkundliche Arbeitsgemeinschaft Berlin-Brandenburg e. V. am 19. Oktober im Britzer Garten veranstaltete, drängten sich Dutzende Be­su­che­r*in­nen um die Frischpilzausstellung. Auch eine Pilzsachverständige der Arbeitsgemeinschaft bestätigt: Pilze sammeln ist beliebt wie selten zuvor. Am Ausstellungstag befinden sich auch viele junge Menschen in der Gruppe.

Pilzfund in einer Kiste
Vielleicht alles essbare Pilze

Foto: Ann-Kathrin Leclère

Aber warum? Was macht eine Freizeitbeschäftigung, die lange nach Schrebergarten, Funktionsjacke und Sonntagsausflug roch, plötzlich so attraktiv? Ein Teil der Antwort findet sich auf Social Media. Dort sprießen sogenannte Pilzfluencer aus dem Boden und machen das Naturhobby zur Unterhaltung auf dem Screen.

Einer der bekanntesten ist Tristan Jurisch. Der heute 21-Jährige war mit 17 Jahren der jüngste Pilzsachverständige Deutschlands. Unter dem Namen „pilzaddicted“ folgen ihm inzwischen rund 300.000 Menschen auf Instagram. Er ist regelmäßig in Talkshows zu Gast, etwa im MDR-Format „Riverboat“ oder in Arte-Dokus. Auch die Rapperin Ikkimel und der Comedian Tahsim Durgun waren bereits mit ihm Pilze sammeln.

Spätestens damit ist klar: Pilze sammeln interessiert jetzt auch Menschen, die man eher nicht im Wald erwarten würde. Und ja, es ist cool. So cool, dass es nicht seltsam wirkt, wenn das Video zum Pilzfund von Julisch mit „Glamorous“ von Fergie unterlegt wird. Popkultur und Pilze, das gehört jetzt zusammen.

„Ein hervorragender Speisepilz“

Außerdem: Pilze sind wegen ihrer Ästhetik wie gemacht für Social Media. Die leuchtend roten Fliegenpilze kennt man. Ein violetter Lacktrichterling ist, wie der Name schon sagt, tintenblau. „Kein PflanzenHATE, aber Pilze haben mehr Farbe“, schreibt Julisch, als er mal einen solchen Pilz gefunden hat und ihn bei Instagram postet. Manche Pilze erinnern an Korallen, manche schmelzen beim Reifen regelrecht weg. Die Natur liefert die bunten Fotomotive also gratis im Unterholz.

Und sie tragen interessante Trivialnamen, die sich deshalb auch super merken lassen. Da gibt es die Gruppe der Milchlinge oder den Spitzgebuckelten Ritterling. Viele der Namen bieten sich natürlich auch hervorragend als Beleidigungen an. Eindeutiger Sieger in dieser Kategorie: Unverschämter Rübling. Das ist ein rötlich-brauner Lamellenpilz, der seinen Namen seinem Geruch nach vergammeltem Kohl verdankt. Bei der Frischpilzausstellung im Britzer Garten ist er deshalb in einer Plastikdose untergebracht und mit einem gelben Schild versehen: „Kein Speisepilz“. Daneben signalisieren grüne und orangefarbene Etiketten, welche Arten essbar und welche giftig sind.

Nur einen Tag waren die Leute vom Freilandlabor in Brandenburg sammeln und haben Hunderte verschiedene Pilze für die Ausstellung gefunden. Hier sieht es aus wie in einem Museum – doch die Ausstellungsstücke halten nicht lang. Eigentlich muss man mit Pilzen wie mit Fleisch umgehen, sagt eine Pilzsachverständige. Weil sie so viel Eiweiß enthalten, zerfallen sie schnell und müssen kühl gelagert werden.

Beim eigenen Pilzesammeln hat man schnell die enthusiastische Stimme von Tristan aka „Pilzaddicted“ im Kopf: „ein hervorragender Speisepilz“, „guuuter Speisepilz“, „wohlschmeckend“ oder „sehr giftig“. Wer den Pilzcontent schaut, lernt viel über Verwechslungspartner von Speisepilzen und die wichtigsten Merkmale dieser Zwischenlebewesen, die weder Pflanze noch Tier sind.

Doch die Begeisterung lässt sich nicht allein mit Instagram erklären. Pilzesammeln passt auch in eine Zeit, in der viele Menschen nach Beschäftigungen fernab von Bildschirmen suchen. Wer sammeln geht, muss sich bewegen, genau hinsehen und den eigenen Blick schulen.

Kostenlos für alle zugänglich

Man muss außerdem langsamer werden. Ist das dort unter dem Laub tatsächlich ein Pilz? Ist es der gleiche wie der auf dem Foto? Welche Merkmale sind entscheidend? Der Wald wird zur Suchfläche, jeder Baumstumpf zum möglichen Fundort. Deswegen ist das Interesse am Pilzesammeln auch während der Coronapandemie angestiegen.

In Zeiten steigender Lebenshaltungskosten ist es auch kein Wunder, dass gerade junge Menschen einen Reiz daran finden, etwas zu sammeln, was kostenlos für alle ist. Und dass man dafür kein teures Equipment braucht. Auch viele Waldflächen stehen allen zur Verfügung, und man darf – zumindest für den Privatgebrauch –Pilze sammeln. Pilze versprechen Abenteuer ohne weite Reise und Bewegung ohne Leistungsdruck.

Der Pilz „Unverschämter Rübling“ in einer Plastikbox
Stinkt nach Kohl

Foto: Ann-Kathrin Leclère

Gut, vielleicht sollte man nicht unbedingt die Pilze im Grünstreifen der Großstadt einsammeln. Und man sollte sich auch wirklich, wirklich gut auskennen, denn bei Verwechslung von Pilzen kann man schließlich im schlimmsten Fall sterben. Aber zum Glück gibt es mittlerweile auch in fast jeder größeren Stadt Korbprüfungen, zu denen man seine gesammelten Pilze zur Bestimmung bringen kann, in Berlin etwa an der Freien Universität.

Zurück beim Pilzwalk in Berlin beugen sich die Teilnehmenden über den Boden. Der Mann in der roten Regenjacke zeigt auf ein weiteres Exemplar, erklärt, woran es zu erkennen ist, und beantwortet Fragen. Die Kinder reißen dem Mann den Pilz aus der Hand, um ihn zu fotografieren. Andere blättern in ihren Infoheften oder machen zur Pilzbestimmung Fotos, die sie dann bei der Bildsuche von Google hochladen. Auf der kleinen Grünfläche neben dem Berghain sind sich alle in ihrer Faszination für Pilze gar nicht so unähnlich.

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