Abbruch von Hinrichtung in USA – Jahrzehnte im Todestrakt: Was macht das Warten mit den Insassen?

Am Mittwoch haben Justizvollzugsbeamte des US-Bundesstaats Tennessee der 50-jährigen Christa Pike eine Giftspritze verabreicht. Doch Pike ist nicht gestorben, so berichten es Augenzeugen, auch nicht nach einer zweiten Injektion.
Der Fall Christa Pike sorgt für grosses Aufsehen. Nicht zum ersten Mal: Ihre Verurteilung liegt lange zurück. 1996 verurteilte ein Gericht sie zur Todesstrafe, die folgenden 30 Jahre verbrachte sie im Todestrakt. Damit ist sie in den USA kein Einzelfall: Zwischen Verurteilung und Hinrichtung vergehen oft Jahrzehnte. Was erleben die Verurteilten in dieser Zeit? Die Aktivistin Gabi Uhl hat mit mehreren von ihnen Briefe ausgetauscht. In manchen Fällen wurde daraus eine Freundschaft.
Gabi Uhl
Aktivistin
Gabi Uhl ist Vorsitzende der Initiative gegen die Todesstrafe. Der deutsche Verein besteht seit dem Jahr 2000 und zählt rund 100 ehrenamtliche Mitglieder. Seit 1997 hat Uhl mit mehreren Insassen in US-Todestrakten Briefe ausgetauscht und drei Hinrichtungen als Zeugin miterlebt.
SRF News: Wie kam es 1997 zu Ihrer ersten Brieffreundschaft mit einem Todeskandidaten?
Gabi Uhl: 1997 habe ich Clifford Boggess kennengelernt. Eine Freundin von mir wollte ihn im Gefängnis in Texas besuchen. Ich wollte ihr das ermöglichen und habe ihr angeboten: «Ich fliege mit dir dahin.» Das war ein leichtsinniger Satz, der mein ganzes Leben verändert hat, weil ich mich seitdem sehr intensiv mit dem Thema beschäftigt habe.
Clifford Boggess tötete im Sommer 1986 in Texas innerhalb eines Monats zwei Ladenbesitzer. 1987 wurde Boggess für einen der Morde zum Tode verurteilt, für den zweiten erhielt er eine lebenslange Freiheitsstrafe. Am 11. Juni 1998, seinem 33. Geburtstag, wurde er in Huntsville mit einer Giftspritze hingerichtet. Einen Aufschub hatte er nicht beantragt.
Nach diesem Gefängnisbesuch haben Sie begonnen, mit Boggess Briefe auszutauschen. Worüber schreibt man sich da?
Ich habe im Lauf der Zeit mit einer ganzen Reihe von Insassen Briefe ausgetauscht. Worüber man da schreibt, ist verschieden, weil die Menschen im Todestrakt auch einfach sehr verschieden sind. Mit Cliff Boggess waren es sehr persönliche Briefe. Wir haben uns beide in der Kindheit nicht geliebt gefühlt – das hat uns verbunden. Aber es gibt auch andere Beziehungen, die weniger intensiv und eher oberflächlich sind. Verallgemeinern kann man das nicht.
Sie waren bei Boggess' Hinrichtung anwesend, im Juni 1998. Wie haben Sie ihn davor erlebt?
Er war sehr religiös und sah den Tod als den Weg in ein besseres Leben. Und er hat versucht, es uns vergleichsweise einfach zu machen. Er sagte: «Freut euch doch lieber mit mir. Ihr wollt doch nicht, dass ich noch 40 Jahre in diesem Höllenloch sitze.»
Im Todestrakt kommt es immer wieder zu Suizidversuchen. Wird jemand rechtzeitig gefunden, wird er wiederbelebt – damit man ihn später hinrichten kann.
Clifford Boggess hatte vor seiner Hinrichtung elf Jahre im Todestrakt verbracht. Das ist nicht ungewöhnlich. Warum dauert das so lange?
In den USA gibt es eine bestimmte Anzahl von Berufungsverfahren. Zuerst kommt der Direct Appeal, eine Art automatisches Verfahren, das verpflichtend ist. Auch ein Häftling, der auf ein Berufungsverfahren verzichten möchte – das kommt hin und wieder vor –, muss ihn durchlaufen. Die Verfahren danach dauern ewig. Manchmal passiert jahrelang gar nichts, bis ein Fall doch wieder aufgenommen wird.
Was macht es mit einem Menschen, wenn er so lange auf den Tod warten muss?
Ein anderer Briefpartner von mir sass über 20 Jahre lang im Todestrakt – das ist inzwischen der Durchschnitt. Was das mit einem Menschen macht, hängt davon ab, was für ein Mensch er ist. Manche halten den Druck nicht aus. Im Todestrakt kommt es immer wieder zu Suizidversuchen. Wird jemand rechtzeitig gefunden, wird er wiederbelebt – damit man ihn später hinrichten kann. Das hat etwas Absurdes. Andere finden Wege, mit ihrer Situation zurechtzukommen. Ein Häftling schickte uns einmal einen wunderschönen Text, in dem er beschreibt, wie er sich in der Todeszelle wie ein Yogi in eine ganz andere Welt versetzt. Und manche fühlen sich nach 20 Jahren bereit, den letzten Weg zu gehen, weil sie sich lange genug damit auseinandergesetzt haben.
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