Vor 40 Jahren: Als eine Chemiewolke über Basel zog
Stand: 01.11.2026 • 12:06 Uhr
Vor 40 Jahren brannte bei Basel eine Lagerhalle, in der große Mengen gefährlicher Chemikalien gelagert waren. Ein Giftwolke zog über die Stadt, verseuchtes Löschwasser floss in den Rhein. Was hat sich durch die Katastrophe verändert?
Das Industriegebiet Schweizerhalle liegt rund acht Kilometer von der Basler Innenstadt entfernt. Man sieht Schornsteine, Verladekräne, Tanks und überirdische Rohrlandschaften, die typisch für die chemische Industrie sind. Das ganze Areal schmiegt sich direkt an den Rhein.
In der Nacht auf den 1. November 1986 ist es Ausgangspunkt einer der größten Umweltkatastrophen Europas: der Brand in einem Chemikalienlager der Firma Sandoz.
Kurz nach Mitternacht geht bei der Feuerwehr in Basel die Meldung ein. Zunächst ist von einem Schwelbrand die Rede. Schon bald explodieren jedoch Fässer unbekannten Inhalts, Feuerbälle schießen in den Nachthimmel, es liegt ein beißender Geruch in der Luft.
Während die Feuerwehr versucht, den Brand in den Griff zu bekommen, fahren Polizeiautos mitten in der Nacht durch Basel, die Menschen werden aufgefordert, Fenster und Türen geschlossen zu halten.
Viele Baslerinnen und Basler erinnern sich bis heute minutiös an diese Nacht. Matthias Nabholz ist einer davon. Nabholz war damals 16 Jahre alt. Seine Mutter habe ihm und seinen drei Geschwistern nasse Waschlappen in die Hände gedrückt. Diese sollten sie vor den Mund halten, in der Hoffnung, dass sie so keine giftigen Dämpfe einatmen.
Die Verfärbung des Löschwassers zeigte es an - in der Sandoz-Halle waren gefährliche Substanzen freigesetzt worden.
Blutroter Rhein, tonnenweise tote Fische
Das ganze Ausmaß der Sandoz-Katastrophe zeigt sich dann einige Stunden später. Der Rhein, der durch Basel fließt, ist blutrot, auf der Wasseroberfläche treiben tonnenweise tote Fische. Beides eine Folge der Giftstoffe im Wasser.
Es ist ein Anblick, der viele Menschen nachhaltig verstört. Auch Laien wird klar: Es kann nicht stimmen, was die Sandoz-Firmenleitung zunächst noch behauptet: dass bei dem Brand nichts Schlimmes passiert sei.
Scheibchenweise kommt die Wahrheit ans Licht: dass in der Halle 1.350 Tonnen giftige Chemikalien lagerten, dass mehrere Tausend Kubikmeter verseuchtes Löschwasser ungefiltert in den Rhein geleitet wurden, dass es so gut wie keine Alarm- und Sicherheitsvorkehrungen gab, dass die Schweizer Behörden weder die Verantwortlichen in Frankreich noch in Deutschland informiert und gewarnt haben.
Auch dort zeigen sich bald schon die Auswirkungen der Katastrophe. Mit der Strömung treibt die Giftwelle rheinabwärts bis nach Rotterdam. In Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen wird teilweise bis zu zwei Wochen lang kein Trinkwasser mehr aus dem Rhein entnommen, um die Bevölkerung zu schützen. Flussabwärts bis nach Koblenz gibt es so gut wie kein Leben mehr im Rhein.
Fassungslos vor Wut
Jo Kehm war damals Reporter beim Südwestfunk in Lörrach. Er berichtete monatelang über die Katastrophe und ihre Folgen. Der heute 79-Jährige sagt, die Menschen in der Region seien fassungslos vor Wut gewesen, vor allem weil man bei Sandoz gewusst haben müsse, welches Risiko von dem Chemikalienlager im Falle eines Brandes ausgehe. Ein entsprechendes Gutachten einer Versicherung dazu habe es jedenfalls bereits vor dem Unglück gegeben.
Kehm erinnert sich an eine Informationsveranstaltung im Theater Basel, bei der der damalige Sandoz-Werksleiter mit toten Fischen beworfen wurde. Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten seien plötzlich auf die Straße gegangen, erzählt der ehemalige Reporter.
Reporter Jo Kehms erlebte vor 40 Jahren, wie die Wut über die Katastrophe zum Geburtshelfer einer Bewegung wurde.
"Umweltbewegung ist aufgewacht"
Axel Mayer von der Mitwelt Stiftung Oberrhein ist einer davon. Der Umweltaktivist sagt, natürlich habe man spätestens seit der Explosion in einer Pflanzenschutzmittelfabrik im indischen Bhopal zwei Jahre zuvor gewusst, welche Risiken von der chemischen Industrie ausgehen könnten.
Dass eine Umweltkatastrophe wie die nach dem Großbrand bei Sandoz auch in der Schweiz möglich sei, hätten aber wohl die wenigsten für möglich gehalten. Bei vielen Menschen habe sich deshalb Angst breit gemacht: "Nur wenige Monate nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl erschien plötzlich nichts mehr unmöglich."
In der Folge schlossen sich Umweltaktivisten aus der Schweiz, Deutschland und Frankreich zusammen, organisierten gemeinsam Protestaktionen - unter anderem eine Menschenkette entlang des Rheins und ein "Rhein-Tribunal". Axel Mayer ist sich sicher: Der Druck der Straße habe Wirkung gezeigt. Der Umweltbewegung sei es zu verdanken, dass man im Rhein und in anderen Flüssen heute wieder baden könne.
Bilder, die die Bevölkerung verstörten und aufrüttelten: Eine solche Katastrophe hätten in der Schweiz nur wenige Bürger für möglich gehalten.
Milliarden in Wasserqualität investiert
Das sieht auch Marc Daniel Heintz so. Heintz ist Geschäftsführer der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR) in Koblenz. Er sagt: "Wegen des großen öffentlichen Drucks hat nicht nur die Industrie viel Geld in die Hand genommen, sondern auch die Staaten im Rhein-Einzugsbereich."
Sie hätten zwischen 1989 und 1995 schätzungsweise 13 Milliarden Euro investiert, um die Wasserqualität und Ökologie des Rheins zu verbessern - davon seien allein neun Milliarden Euro in den Kläranlagenausbau geflossen.
Heintz betont: "Auch deshalb finden wir heute 90 Prozent weniger Schwermetalle und bis zu 50 Prozent weniger Nitrat und Phosphor im Rhein als vor der Chemieunfall." Heute seien in dem Fluss wieder mehr als 70 Fischarten heimisch.
Auf einmal hatte das Wasser des Rheins bei Basel unterschiedliche Farben - diese Luftaufnahme zeigt den Fluss am 1. November 1986.
Katastrophe wirkt nach
Außerdem nahm die Politik die Industrie in die Pflicht. Es mussten unter anderem Rückhaltebecken gebaut werden, Gesetze schreiben mittlerweile detailliert vor, welche Stoffe wo gelagert werden dürfen und wie das Ganze gesichert und dokumentiert werden muss.
Außerdem gibt es regelmäßig länderübergreifende Übungen, damit im Fall einer Katastrophe die unterschiedlichen Behörden wissen, was zu tun ist.
Matthias Nabholz, der als Jugendlicher in Basel die Sandoz-Katastrophe miterlebt hat sagt, diese präge sein Leben bis heute. Die Angst und die Hilflosigkeit, die er in der Nacht des Brandes vor vierzig Jahren gefühlt habe, seien mit ein Grund gewesen, warum er später Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich studiert habe. Nabholz leitet heute das Amt für Umwelt und Energie im Kanton Basel-Stadt.
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