Sklavenhandel – Karibikstaaten fordern Reparationen

Mindestens 12.5 Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner wurden von den Kolonialmächten während fast vier Jahrhunderten verschleppt und als Ware verkauft. Gut 35’000-mal wurden Schiffe mit versklavten Personen beladen über den Atlantik geschickt, allein diese Überfahrten überlebten zwei Millionen Menschen nicht.
Millionen mehr starben bei den Raubzügen auf dem afrikanischen Kontinent und auf den Zucker-, Tabak-, Kaffee- und Baumwollplantagen in der sogenannt Neuen Welt.
Globale Aufarbeitung
Die UNO-Generalversammlung hat dieses Jahr mit grosser Mehrheit den transatlantischen Sklavenhandel als «schwerstes Verbrechen gegen die Menschlichkeit» eingestuft. Ein Meilenstein für die jamaikanische Historikerin Verene Shepherd: «123 Länder haben erklärt: Es gibt ein Recht auf Wiedergutmachung. Das ist phänomenal.»
Nicht nur wegen der UNO-Resolution ist dieses Jahr das Thema der Reparationen international wieder vermehrt in den Fokus gerückt. Der Papst hat sich für die Rolle des Vatikans entschuldigt, Sklaverei zu legitimieren; Frankreich hat formell den Code Noir, die Sklavereigesetze aus dem 17. Jahrhundert, abgeschafft.
Im Sommer haben sich karibische und afrikanische Regierungsvertreter getroffen und gemeinsam einen konkreten Plan zu Reparationszahlungen vorgelegt. Ein wichtiger Schritt für die transatlantische Aufarbeitung: «Afrika ist nun ganz an Bord mit der Karibik», erklärt Verene Shepherd. Damit sei der Kampf um Wiedergutmachung nun ein globaler Kampf.
Die Karibische Gemeinschaft (Caribbean Community, kurz Caricom), treibt das Thema Reparationen seit Jahren voran. Die meisten unabhängigen Staaten der Karibik und alle ehemaligen britischen Kolonien sind Mitglied.
2013 entstand die Caricom-Kommission für Reparationen, mit dem Ziel, die moralischen, ethischen und rechtlichen Argumente für Wiedergutmachung von ehemaligen Kolonialmächten für den Völkermord an der indigenen Bevölkerung, den transatlantischen Sklavenhandel und Sklaverei geltend zu machen.
Die Caribbean Community (Caricom), treibt das Thema Reparationen seit Jahren voran. Geschichtsprofessorin Shepherd sitzt im Vorstand der Caricom-Kommission für Reparationen. «Viele denken bei Wiedergutmachung nur an Entschädigung in Form von Geld.» Doch die Forderungen der Karibischen Gemeinschaft gingen viel weiter, unterstreicht die Jamaikanerin.
Die Caricom fordert eine offizielle Entschuldigung der Kolonialmächte und Schuldenerlass, aber auch die Rückgabe von Kulturgütern oder Unterstützung zur Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Das heisst Zugang zu Archivmaterial in Europa oder Aufbau von Museen in der Karibik.
Klimamassnahmen als Entschädigung
Und ganz wichtig: Klimamassnahmen. «Bis heute sehen wir die Auswirkungen der Plantagenwirtschaft», erklärt Shepherd. Um Plantagen anzulegen, wurden Wälder abgeholzt. Bis heute seien sie vielerorts nicht wieder aufgeforstet worden.
Während die Kolonialmächte die Industrialisierung auch mit dem Reichtum aus den Kolonien vorantreiben konnten und damit den Boden legten für die Erderwärmung, leiden gerade Länder in der Karibik besonders unter Tropenstürmen und Klimawandel.
Auch wenn die Forderungen an alle Kolonialmächte gestellt werden, so steht Grossbritannien im Fokus der Caricom. Dabei hat das Heimatland von Historikerin Shepherd, Jamaica, zuletzt eine besondere Rolle gespielt. Im letzten Monat überreichte Jamaika König Charles eine Petition. Ein Prozess ist nun angestossen, um rechtlich zu klären, ob Grossbritannien zur Wiedergutmachung verpflichtet ist.
Einschätzung von Grossbritannien-Korrespondentin Fiona Endres
Es ist ein delikates Thema für König Charles. Laut britischen Medien feilte er auf dem Flug stundenlang an seinen Reden mit einem Rotstift. Auf den Bahamas sprach er von «grossem Leid und Ungerechtigkeiten», entschuldigte sich aber nicht formell. Auch in Guyana und Antigua und Barbuda ist dies nicht zu erwarten. Eine Entschuldigung könnte ähnliche Forderungen etwa in Kenia oder Kanada verstärken.
Die britische Regierung lehnt Entschuldigungen und Entschädigungen ab. Als konstitutioneller Monarch ist Charles an ihre Haltung gebunden. Dennoch zeigt er öffentlich mehr Verständnis für die Forderungen als seine Mutter Queen Elizabeth. Und er unterstützt die Erforschung der Verstrickungen des Königshauses in den Sklavenhandel, von dem die Krone einst finanziell profitierte.
Auch wenn König Charles formell nicht von der Haltung der Regierung abweichen darf, kann er als Staatsoberhaupt mehrerer Commonwealth-Staaten vermitteln. Und er kann die öffentliche Debatte fördern, indem er diese anerkannt und unterstützt. Und er kann Projekte unterstützen, die indirekt mit den Folgen der Kolonialherrschaft zu tun haben, etwa Ausbildungsprogramme für bessere Job-Möglichkeiten für die Jugend oder Umweltprojekte.
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