Humanitäre Hilfe in der Ukraine: Angst und Hoffnung vor der Evakuierung

Am Freitag sollen Hunderte aus der belagerten ukrainischen Stadt Oleschky gebracht werden. Sie hoffen auf Ausreise, haben aber Angst vor Folter in Russland.
Foto: Alexei Konovalov/ZUMA Press/imago
Seit Dienstag 3.00 Uhr morgens gibt es in der einst 24.000 Einwohner zählenden Stadt Oleschky am Ostufer des Flusses Dnipro das, was die Menschen seit Monaten vermissen: Ruhe. Kein Geschützgedonner, keine Menschenjagd mit Drohnen, keine Raketeneinschläge. In der von russischen Truppen umstellten Stadt, die gegenüber der Großstadt Cherson auf dem anderen Dnipro-Ufer liegt, herrscht seither die von der US-First Lady Melania Trump und Papst Leo mit Russland und der Ukraine ausgehandelte Waffenruhe.
Und inmitten des schon „Melania-Frieden“ genannten Waffenstillstandes sollen am Freitagmorgen die Evakuierungen beginnen. „Meine Mutter hat sich online über Freiwillige für die Ausreise registriert“, berichtete die aus Oleschky geflohene Anna der taz. Die Evakuierungsroute soll zunächst in die russische Schwarzmeer-Stadt Anapa führen und von dort sollen die Menschen aus Oleschky mit Militärmaschinen ins belarussische Gomel ausgeflogen werden.
Seit Tagen werden die Zugangsstraßen in die russisch besetzte südukrainische Frontstadt Oleschky für die humanitäre Hilfsaktion von Minen geräumt.
Große Sorgen um die Mutter
Anna hat dennoch große Sorgen um ihre Mutter und die anderen bisher Hunderte Menschen aus der monatelang kaum noch versorgten Stadt, die sich für die Evakuierungen angemeldet haben: „Ich bin sehr beunruhigt, da meine Familie bei der Flucht aus der besetzten Stadt Oleschky einer Filtration unterzogen wurde“, sagte Anna.
„Mein Mann wurde stark unter Druck gesetzt. Daher gehe ich nicht davon aus, dass die Ausreise einfach sein wird. Höchstwahrscheinlich werden sie in Anapa vor dem Einsteigen ins Flugzeug einer Filtration unterzogen“, befürchtet die Mutter einer fünfjährigen Tochter.
Russland hatte immer wieder Ukrainerinnen und Ukrainer aus eingekesselten Städten wie Mariupol und Menschen, die in den von der russischen Armee besetzten Gebieten sogenannten Filtrationen unterzogen: Sie mussten sich teilweise vollständig ausziehen, um auf angeblich proukrainische Tätowierungen untersucht zu werden. Sie wurden stundenlang verhört, teilweise nach Berichten von Menschenrechtsorganisationen gefoltert, um herauszupressen, ob sie für die Ukraine gekämpft hatten.
Tote bei „Filtration“
Zahlreiche Menschen sind laut Berichten dabei gestorben. Zur Sicherheit für die ukrainischen Evakuierungswilligen soll der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinez bei der Aktion mitreisen.
Annas 55 Jahre alte Mutter hat etwas Vorsorge getroffen, um bei einer „Filtration“ durchzukommen: „Über vieles reden wir nicht, weil die russische Armee jederzeit das Handy kontrollieren kann“, berichtete die Tochter. Sie habe aber regelmäßig, mehrfach im Monat Kontakt zu ihrer Mutter – wenn das Handy geladen werden kann und es eine Verbindung gibt.
„Ich stehe der Evakuierung durchaus positiv gegenüber. Ich hatte gehofft, dass die Menschen schon vor der Sprengung des Kachowka-Staudamms hätten gehen sollen“, sagte die 30 Jahre alte Anna.
Der Staudamm war am 6. Juni 2023 gesprengt worden, daraufhin war es zu großen Überflutungen am Unterlauf des Dnipro gekommen. Oleschky war im Februar 2022 unmittelbar nach der russischen Vollinvasion von russischen Truppen erobert worden. Als sich nach großangelegten Gegenangriffen der Ukraine die russische Armee aus der gegenüberliegenden Gebietshauptstadt Cherson im November zurückziehen musste, wurde Oleschky zur Frontstadt.
Von den einst 24.000 Menschen dort sollen nach ukrainischen Angaben noch etwa 1.700 dort leben. Zuletzt mussten sie monatelang ohne fließendes Wasser, ohne Strom und ohne Lebensmittel auskommen, da die Zufahrtswege vermint waren. Die Ukraine hatte immer wieder versucht, die Menschen per Drohnen mit Nahrungsmitteln zu versorgen.
Hilfe von Melania Tump
Auf diese katastrophale Lage hatten Melania Trump und Papst Leo reagiert und durch Druck auf Moskau und Kyjiw diese humanitäre Hilfe erwirkt. Die Gattin des zuletzt erneut mit Vergewaltigungsvorwürfen konfrontierten US-Präsidenten setzt sich auch seit Jahren für die Freilassung von nach Russland verschleppten ukrainischen Kindern ein.
Unterdessen waren bei russischen Angriffen auf ukrainische Städte erneut zahlreiche unbeteiligte Zivilistinnen getötet worden. Bei einem Drohnenangriff auf den Hauptbahnhof der Großstadt Dnipro 14 Menschen getötet und weitere teilweise schwer verletzt worden. Bei einem Angriff auf das Zentrum der nordukrainischen Stadt Tschernihiw kamen zwei 15-Jährige ums Leben.
Dass es nach der Evakuierung in Oleschky ruhig bleibt, glaubt kaum jemand: „Von anderen Menschen in Oleschky habe ich gehört, dass Russland die Waffenruhe nutzt, um militärische Ausrüstung für einen massiven Angriff auf Cherson hierher zu bringen“, berichtete Anna.
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