Homofeinde gegen türkischen Musiker: Verhaftet wegen sexy

Am Ende schwingen zwei Männer die Hüften. Für die AKP und ihre „Familienpolitik“ ist das Musikvideo von Mabel Matiz ein Problem. Aber es gibt eine Antwort.
G egen Ende von Mabel Matiz’ Musikvideo „Ha Leylim“ – eine poetische, sehnsüchtige Bezeichnung für die geliebte Person – geht ein Mann im hellblauen Anzug leicht in die Knie, die Arme weit geöffnet. Ihm gegenüber steht ein weiterer Mann: blondierte Haare, gelbe Schlaghose, gepunktetes Hemd. Die beiden tanzen, ihre Hüften bewegen sich im Takt. Um sie herum liegen Menschen verstreut im Gras, als wäre die Feier irgendwann einfach auf der Wiese versackt. Eine schöne, leicht entrückte Szene. Was die Staatsanwaltschaft Istanbul sieht, sind hauptsächlich die schwingenden Hüften zweier Männer.
Genauer: „sich wiederholende Arm- und Hüftbewegungen“. Die sind der Staatsanwaltschaft so wichtig, dass sie es bis in die Anklageschrift gegen Mabel Matiz und den Regisseur Sinan Tuncay geschafft haben. Die Bewegungen werden darin sinngemäß als für Männer unangemessen beziehungsweise „unmännlich“ bewertet – ein Verstoß gegen die öffentliche Moral! Wegen „Unzüchtigkeit“ drohen Matiz und Tuncay nun bis zu drei Jahre Haft.
Für Matiz ist es allerdings nicht das erste Mal, dass seine Kunst auf diese Weise gelesen wird. Der Sänger gehört zu den erfolgreichsten Popstars der Türkei, seine Songs laufen im Radio, seine Videos werden millionenfach geklickt, seine Konzerte sind ausverkauft. Er ist offen homosexuell – und damit seit Jahren im Visier einer AKP-Regierung, die queere Sichtbarkeit zunehmend zum politischen Feindbild macht.
Bereits sein Song „Perperişan“ brachte Matiz 2025 ein Verfahren wegen „Unzüchtigkeit“ ein. Wieder ging es um einen Liebestext, wieder um die Frage, wie dieser zu verstehen sei. Im Mai dieses Jahres geriet Matiz dann im Zuge einer Drogenrazzia gegen Menschen aus der Unterhaltungsbranche ins Visier der Behörden.
Es ist ungerecht, dass ich meine Werke ständig vor Gericht erklären muss
Mabel Matiz
Und jetzt „Ha Leylim“. Nach der Veröffentlichung musste Matiz erneut bei der Staatsanwaltschaft aussagen. Gegen ihn wurde eine Ausreisesperre verhängt. „Es ist ungerecht, dass ich meine Werke ständig vor Gericht erklären muss“, sagte Matiz.
Dieses „ständig“ ist hier eben entscheidend. Denn Matiz’ Kunst darf offenbar nicht einfach mehrdeutig sein. Ein Liebeslied, ein Musikvideo, zwei Männer beim Tanzen – alles wird auf eine Bedeutung hin abgeklopft. Matiz selbst sagt, seinen Werken würden aufgrund seiner Identität systematisch kriminelle Bedeutungen zugeschrieben.
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Dass das gerade jetzt passiert, ist kein Zufall. „Ailem Güvende“ – „Meine Familie ist sicher“ – nennt die türkische Regierung ihre derzeitige Kampagne, mit der sie vermeintliche Familienwerte verteidigen will. Der Name verrät einiges. Denn wer verspricht, die Familie in Sicherheit zu bringen, muss auch eine Gefahr benennen, vor der sie geschützt werden soll.
Und diese Gefahr sind einmal mehr die vermeintlich anderen: Menschen, deren Liebe, Körper oder Beziehungen nicht in das staatlich gewünschte Bild von Familie passen. Queere Menschen. Auf der einen Seite das Eigene, Schützenswerte. Auf der anderen das angeblich Unmoralische, vor dem es geschützt werden muss.
Homosexualität muss gar nicht verboten werden, wenn ihre Sichtbarkeit ständig unter Verdacht steht. Wenn ein Lied erklärt, ein Tanz gerechtfertigt und eine Hüftbewegung im Zweifel vor Gericht verteidigt werden muss.
Solche Verfahren richten sich nicht nur gegen diejenigen, die tatsächlich vor Gericht stehen. Sie zeigen auch allen anderen, was passieren kann, wenn man sichtbar wird.
Nur geht diese Rechnung bei „Ha Leylim“ gerade nicht so ganz auf. Auf Social Media nämlich solidarisieren sich immer mehr Menschen, auch aus der Diaspora, und tanzen genau jene Sequenz nach. Genau das ist die schönste Antwort auf diese ganze Absurdität. Bleibt der Staatsanwaltschaft eigentlich nur noch ein Problem: Wie klagt man gegen Tausende schwingende Hüften gleichzeitig?
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