Cyberangriff auf Kühlschränke: Auch bei Migros und Coop möglich?

Darum gehts
- Nach einem Cyberangriff auf französische Supermärkte stiegen die Temperaturen teils auf 50 Grad. Tonnenweise Lebensmittel verdarben dadurch.
- Laut Cybersecurity-Experte Sebastian Obermeier machten über das Internet erreichbare Steuerungen und bekannte Sicherheitslücken den Angriff möglich.
- Ob Schweizer Detailhändler ähnlich verwundbar sind, ist unklar. Der Experte warnt aber generell vor den Risiken vernetzter Geräte bis hin zu möglichen Auswirkungen auf das Stromnetz.
Mehrere Anlässe der letzten Wochen zeigen, wie Cyberangriffe gravierende Auswirkungen haben können: Erst wurden in Dänemark die Daten von rund 8,8 Millionen Menschen über den Zugang einer privaten Firma abgefragt. Dann wurde bekannt, dass bei der Bundespensionskasse Publica über einen externen Softwarelieferanten Daten abgeflossen sind. Nun zeigt ein Cyberangriff in Frankreich, dass Hacker nicht nur Daten stehlen, sondern auch ganz konkret Schäden anrichten können.
In der Nacht auf Montag manipulierten Unbekannte die Kühlanlagen in rund 150 Supermärkten. Tonnenweise Lebensmittel verdarben, teilweise stiegen die Temperaturen auf bis zu 50 Grad. Betroffen waren unter anderem Intermarché, Netto und Carrefour. Cyber-Security-Experte Sebastian Obermeier von der Hochschule Luzern ordnet ein.
Über den Experten
Wie können Hacker Kühlschränke manipulieren?
Die Angreifer nutzten offenbar Schwachstellen in vernetzten Kühlsystemen des Herstellers Danfoss. Über das Internet konnten sie auf die Steuerungen zugreifen und die Abtaufunktion manipulieren.
«Der erste Teil des Angriffs selbst ist weniger komplex, da die Systeme im Internet standen und anscheinend bekannte Sicherheitslücken aufwiesen», erklärt Obermeier. Die eigentliche Manipulation erfordere allerdings Fachwissen über die Abtauparameter.
Besonders bemerkenswert sei, dass gleichzeitig Hunderte Filialen angegriffen wurden. Der Hersteller hatte bereits 2025 ein Sicherheitsupdate bereitgestellt. Ob die damals behobenen Schwachstellen ausgenutzt wurden, ist laut Obermeier noch unklar.
Warum waren die Anlagen überhaupt angreifbar?
Viele Kühlsysteme lassen sich über das Internet steuern, damit externe Wartungsfirmen bequem darauf zugreifen können, erklärt Obermeier. Das birgt Risiken. «Aus Sicht der Cyber-Security sind öffentlich aus dem Internet erreichbare Steuerungssysteme ein schwerwiegender und vollkommen unnötiger Angriffsvektor», sagt Obermeier.
«Ein realistisches Krisenszenario wären wiederholte, koordinierte Angriffe auf mehrere solcher Knotenpunkte.»
Hinzu kommt, dass solche Anlagen oft jahrzehntelang betrieben werden. Sicherheitsupdates werden vergessen oder alte Geräte nicht ersetzt. Die Verantwortung liege zunächst bei den Betreibern. Weil Hersteller, Wartungsfirmen und Supermärkte zusammenarbeiten, muss laut Obermeier aber klar geregelt sein, wer Updates installiert und wann Geräte ersetzt werden.
Könnten auch Migros und Coop davon betroffen sein?
Ob die Systeme von Migros und Coop oder Aldi und Lidl ähnlich aufgebaut sind, weiss Obermeier nicht. Grundsätzlich seien die Probleme aber häufig dieselben: gleiche Produkte, direkte Erreichbarkeit aus dem Internet, veraltete Firmware. Danfoss-Systeme seien zudem in ganz Europa verbreitet.
Könnten Hacker also Lebensmittel unbemerkt verderben lassen? «Ein Totalausfall fällt sehr schnell auf. Eine Kühlung, die zu warm ist, aber normale Werte vortäuscht, hingegen weniger.» Eine solche Manipulation sei zwar möglich, die vorgeschriebenen Temperaturkontrollen würden sie laut Obermeier aber «mit hoher Wahrscheinlichkeit» entdecken, wenn auch nicht unbedingt sofort.
Drohen Brände oder sogar Versorgungskrisen?
Die Pariser Staatsanwaltschaft hat auch Brandausbrüche gemeldet. Ob diese tatsächlich durch die Manipulation ausgelöst wurden, wird noch untersucht.
«Theoretisch sollte es physische Sicherungssysteme geben», sagt Obermeier. Bei grossen industriellen Anlagen verhinderten beispielsweise eigenständige Sicherheitssysteme eine Überhitzung. Auch Heizelemente sollten unabhängig von der Software thermisch abschalten. «Ob diese in den betroffenen Anlagen vorhanden waren und funktioniert haben, muss die Untersuchung zeigen», so Obermeier.
Eine landesweite Versorgungskrise sieht der Experte durch einen einzelnen Angriff noch nicht: «Ein einmaliger Verlust von Frischware ist noch keine Versorgungskrise.» Gefährlicher seien Angriffe auf zentrale Kühlhäuser und Logistikzentren. «Ein realistisches Krisenszenario wären wiederholte, koordinierte Angriffe auf mehrere solcher Knotenpunkte», sagt der Experte.
Was bedeutet der Angriff für unseren Alltag?
Noch mehr als einzelne Kühlregale beschäftigt Obermeier vor allem die Masse vernetzter Geräte. Dazu gehören Wärmepumpen, Ladestationen oder Wechselrichter von Solaranlagen. «Ein einzelnes angegriffenes Gerät ist harmlos. Schaltet ein Angreifer aber Zehntausende gleichzeitig ein oder aus, kann das das Stromnetz destabilisieren.»
Dahinter könnte auch eine gezielte Destabilisierung stecken. Dass es sich um einen Akt hybrider Kriegsführung handelt, wie das SRF in einem Bericht erwähnt, hält Obermeier für plausibel, aber nicht belegt. «Dafür braucht es nicht zwingend einen staatlichen Geheimdienst», betont er.
Wer dahintersteckt und welches Ziel die Täter verfolgten, sei derzeit Spekulation. Obermeier vermutet, dass der nachhaltigste Schaden deshalb ein anderer sein könnte: «Der Angriff hat gezeigt, dass man mit wenig Aufwand physische Schäden in grossem Stil anrichten kann. Das haben auch andere Angreifer zur Kenntnis genommen.»
Das sagen Migros, Coop, Lidl & Aldi
20 Minuten hat Schweizer Detailhändler gefragt, wie sie das Risiko eines solchen Angriffs einschätzen und ihre Anlagen schützen. Die Antworten ähneln sich: Alle betonen die Sicherheit ihrer Infrastruktur, konkrete Angaben zu Systemen und Schutzmassnahmen machen sie aus Sicherheitsgründen jedoch nicht.
Migros erklärt, es gebe aktuell «keine Hinweise auf einen Cyberangriff auf Kühlgeräte oder Kälteanlagen» in Schweizer Filialen. Auch Lidl Schweiz sei vom Vorfall in Frankreich nicht betroffen.
Coop spricht von «umfassenden Sicherheitsmassnahmen», die regelmässig überprüft und weiterentwickelt würden. Aldi erklärt, die technische Ausstattung seiner Filialen werde regelmässig auf ihre einwandfreie Funktion geprüft. Die aktuelle Situation beobachte man «aufmerksam».
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Martine Anastasiou (man), Jahrgang 2001, arbeitet seit 2025 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin im Ressort Wirtschaft.
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