Unterwegs mit der Deutschen Bahn: Endstation Hoffnung

Deutschland ist ein Staat, der keinen geregelten Bahnverkehr hinbekommt. Wie soll man ihm da die Bewältigung sonstiger Krisen unserer Zeit zutrauen?
Foto: Wolfgang Maria Weber/imago
I ch fahre viel Bahn. Sehr viel. Es gibt Wochen, wenn ich auf Lesetour bin, in denen ich jeden Tag fahre. Oder fahren muss. Und das Klischee stimmt: Es geht auf diesen Reisen so vieles schief, dass ich mich immer wieder unwillkürlich frage: Wenn dieser Staat nicht einmal einen geregelten Bahnverkehr hinkriegt – wie soll er Herausforderungen wie die Klimakrise, Vermögensungleichheit und den Aufstieg einer autoritären Partei bewältigen?
Ja, das ist überspitzt und übertrieben. Ich kann mir gleichzeitig nicht helfen, wenn ich wieder einmal nachts auf einem verlassenen Regiobahnhof lande, weil der Zug nicht kommt. Wenn ich drei Stunden früher losfahren muss, falls es wieder Verspätungen gibt, oder wenn ich im Zug nicht arbeiten kann, weil das WLAN nicht funktioniert oder ich keinen Sitzplatz habe. Nach dieser Woche, in der ich an vier Tagen über längere Strecken Regionalbahn gefahren bin, habe ich einmal gerechnet: Ich habe fünf Stunden Schlaf, zehn Stunden Arbeitszeit und schließlich 150 Euro verloren, weil eine Fahrt ausfiel und ich ein Taxi bezahlen musste.
Solche Beschwerden haben die Tendenz, selbstbezogen zu klingen, das verstehe ich gut. Und in einer Welt der Kriege und Krisen ist das in jeder Hinsicht eine privilegierte Sicht. In diesen Beschwerden steckt tatsächlich ein gehöriges Maß Genervtheit. Manchmal frage ich mich gleichzeitig, ob Menschen, die nicht oft Bahn fahren, eigentlich wissen, wie groß das Ausmaß dieser Probleme ist. Und ob die Dringlichkeit, inmitten einer Klima- und Energiekrise diese Probleme lösen zu müssen, wirklich bei den Entscheider:innen in der Politik angekommen ist.
Ich bin immer froh, wenn Menschen erzählen, dass bei ihnen das Bahnfahren richtig gut geklappt hat, der Zug pünktlich, das Bordbistro offen und die Toilette sauber war. Das gibt mir ein bisschen Hoffnung, dass es ja doch irgendwie geht. Zumindest bis zur nächsten Bahnfahrt. Ein bisschen Hoffnung soll jetzt wohl auch der neue „Infraplan“ versprechen, den das Verkehrsministerium diese Woche vorstellt. Er soll, so heißt es darin, „Transparenz, Vertrauen und Verlässlichkeit in das System Schiene zurückbringen“.
Die Realität sieht vorerst so aus: Ich stand vor ein paar Tagen in einer Regionalbahn zwischen Karlsruhe und Stuttgart. In der App war bereits angezeigt: Mehrere Wagen fehlen. Ich dachte: Soll ich es wagen oder auf den IC warten? Ich hatte es schließlich gewagt – und gedacht: So schlimm kann es ja nicht werden. Das denke ich oft. Mein Gehirn trickst mich aus, damit ich es weiterhin für eine gute Idee halte, Bahn zu fahren.
Es fehlten dann in der Tat so einige Wagen. Es gab nur zwei. Wir Reisenden gaben jegliche Berührungsängste auf, Taschen und Koffer steckten irgendwo zwischen Beinen, Gesichter berührten sich, das Atmen wurde schwer. Eine Frau vor mir sagte „dieses Land kriegt wirklich gar nichts mehr hin“, eine andere Frau neben mir schüttelte unentwegt den Kopf und sagte „mein Bein tut weh“, ein Mann zwei Menschenreihen entfernt machte Witze und hellte die Stimmung auf. Es half sehr zu lächeln, ich spürte, wie ich dadurch entspannter wurde. An den nächsten Bahnhöfen versuchten sich weitere Menschen hineinzudrücken, die meisten gaben aber entnervt auf.
Ein anderes Mal saß ich im Bordbistro des ICE, da trat die Zugbegleiterin in den Gang, warf die Hände in die Luft und rief mit einem schweren Seufzer: „Es ist alles kaputt!“ Wir lachten über ihre liebenswerte Authentizität und machten es uns mit Snacks gemütlich. Überhaupt, die Bahnmitarbeitenden: Ihnen gebührt wirklich ein Preis, jeden Tag. Auch sie kommen spät nach Hause, auch ihnen wird Freizeit genommen, auch sie müssen Überstunden machen. Sie dürfen aber nicht, wie ich, genervt sein, sondern sie müssen höflich bleiben, sich die Wut der Reisenden anhören und dann noch versuchen, Lösungen für deren Probleme zu finden.
Vor einigen Wochen saß ich in einem ICE von Berlin nach Frankfurt, wieder mit stundenlanger Verspätung. Der Zugführer, der die Lautsprecheransagen machte, erklärte bei jedem ungeplanten Halten, was gerade los war, er gab freimütig zu, dass auch er nicht wisse, wann es weitergehe, und versprach, uns Reisende über alles zu informieren. Am Ende der Fahrt dankte er ausdrücklich seinen Kolleg:innen für ihre gute Arbeit und dafür, dass sie diesen ganzen Stress mitgemacht hatten. Und er sagte, dass er hoffe, dass die Mitarbeiter:innen bald in den wohlverdienten Feierabend kämen. Als ich ausstieg, dankte ich ihm dafür, dass er sich so viel Mühe gegeben hatte, die Stimmung zu halten und allen, Mitarbeitenden und Mitfahrenden, so viel Wertschätzung geschenkt hat.
Das war toll – und sollte nicht notwendig sein. Die Bahn ist eine weitere jener Institutionen in Deutschland, an der seit Jahren gespart wurde und wird. Was rein volkswirtschaftlich schon keinen Sinn ergibt: Die Anzahl an Arbeitsstunden, die durch das Bahnchaos jedes Jahr verloren gehen, muss immens sein. Ziemlich sicher liegt sie weitaus höher als der Arbeitszeitverlust durch, zum Beispiel, die telefonische Krankschreibung, die die Bundesregierung beenden will – Arbeitnehmer:innen könnten ja betrügen! Die Prioritätensetzung in der aktuellen Politik ist manchmal erstaunlich.
Seit ein paar Tagen wird die Strecke zwischen Berlin und Hannover saniert. Fast eineinhalb Stunden länger braucht man nun, um diesen Weg mit der Bahn zu fahren. Eine Zugfahrt nach Köln oder Bonn kann so, je nachdem, wie viel Verspätung noch aus anderen Gründen dazukommt, schnell mal sieben, acht oder auch mehr Stunden dauern. Kann man da beruflich oder privat Vielreisenden wirklich noch verübeln, wieder über Inlandsflüge nachzudenken? Die Streckensperrung sollte ursprünglich 10 Monate dauern, jetzt sollen es doch mindestens 14 Monate werden. Solche Meldungen nimmt man kaum noch wahr.
Dabei ist Bahn fahren unheimlich schön. Ich habe so viele Geschichten von besonderen Momenten und Begegnungen in der Bahn, dass ich sie gar nicht zählen kann. Ich wünschte nur, sie wären irgendwann frei von Signalstörungen, Oberleitungsproblemen und völlig unerklärlichen Stopps. Bahn fahren in Deutschland: das Prinzip Hoffnung.
Ausgebildet als Ärztin und Politikwissenschaftlerin, dann den Weg in den Journalismus gefunden. Beschäftigt sich mit Rassismus, Antisemitismus, Medizin und Wissenschaft, Naher Osten.
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Von Nanja Boenisch
25.– 29. August 2026 Bremerhaven
mit Lena Kaiser, Journalistin und Produktentwicklerin bei der taz
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