«Du wirst nie exzellent, wenn du Vorschriften folgst»

- Für Mira Nair ist das Wort «unmöglich» pure Motivation: «Du sagst, es ist unmöglich? Ich werds dir zeigen!»
- Die Regisseurin wird am Geneva International Film Festival für ihr Lebenswerk geehrt.
- Sie appelliert ans Schweizer Publikum, über den eigenen Kokon hinauszuschauen und Ungleichheiten zu erkennen.
Mira Nair, Sie erhalten am Geneva International Film Festival einen Preis für Ihr Lebenswerk. Was halten Sie von solchen Awards?
Mira Nair: Ich scherze, dass sie mich mit solchen Preisen sanft umbringen! Aber im Ernst: Ich bin privilegiert, weil ich mein Leben damit verbracht habe, Geschichten zu erzählen, die mir wichtig sind. Über Menschen wie mich, die zwischen den Welten leben. Über Unsichtbare, Ausgegrenzte, Menschen, denen nie gesagt wurde, dass sie dazugehören. Ob Strassenkinder in Bombay oder Einwanderer, die ihre Heimat verlassen und sich ein neues Leben aufbauen müssen.
Ihren ersten Film «Salaam Bombay» wollte niemand unterstützen. Dann sahen ihn Millionen weltweit , er wurde für einen Oscar nominiert und gewann in Cannes zwei Preise. Was ist da passiert?
Alle sagten, dieser Film sei unmöglich: mit echten Strassenkindern zu arbeiten, Geld ohne Stars aufzutreiben und auf der Strasse statt im Studio zu drehen. Das Aussergewöhnliche war, dass Menschen weltweit diese Seite Indiens erstmals sahen. 1988 machte ich neun Monate lang in fast jedem Land Werbung. Es war der erste indische Film, der weltweit kommerziell ins Kino kam. Das Wort «unmöglich» zu hören, ist für mich pure Motivation. Nach dem Motto: Du sagst, es ist unmöglich? Ich werds dir zeigen!
Sind Sie so rebellisch wie Ihre Figuren?
Es ist wichtig, eine Rebellin zu sein. Das heisst nicht, mit einer Waffe auf Rachefeldzug zu gehen. Mahatma Gandhi sagte: «Du musst die Veränderung sein, die du in der Welt sehen willst.» Daran glaube ich. Ich sehe es bei der Jugend in Indien oder in New York City, wo mein Sohn Zohran Mamdani als Bürgermeister zum Symbol der Hoffnung für uns alle geworden ist. Oder bei Studenten in Frankreich, die genug haben und auf ihren Grundrechten bestehen. Dieses Engagement ist ein wunderschönes, überlebenswichtiges Elixier.
Wie stehst du zu Mira Nairs Haltung, dass Rebellion und gesellschaftliches Engagement wichtig sind?
Wie viel von Ihrer Weltanschauung haben Sie Ihrem Sohn weitervererbt?
Zohran ist in einem Zuhause voller politischer Ideen aufgewachsen, voller Freude an visueller Kommunikation – wie man eine Geschichte so erzählt, dass sie über Grenzen und Sprachen hinweg funktioniert, indem man durch das Lokale das Universelle offenbart. Aber jeder braucht sein eigenes Feuer. Zohrans erster Weg war Rap-Musik. Damit sprach er über seine vielfältige Welt: Uganda, New York City, Südafrika, Indien. Er vereint all das und entschuldigt sich für nichts davon.
Wäre es Ihnen lieber gewesen, er wäre auch Regisseur geworden, anstatt sich als Politiker Feinde zu machen?
Ich denke nicht an Feinde als Ausgangspunkt für das, was ich tun möchte, und das erhoffe ich mir für Zohran auch nicht. Mein Mann Mahmood, ein Politikprofessor, und ich erzogen ihn dazu, die Welt zu hinterfragen und sich zu engagieren. Aber wir schrieben ihm nie etwas vor. Wer plant schon, dass sein Kind ugandisch-indischer Rapper wird?
Sie also nicht?
Nein, wir sind keine Helikopter-Eltern. Mich erstaunt, wie Zohran seinen Weg fand. Zuerst arbeitete er als Wohnungsberater in Queens und half Einwanderern und Menschen, die Orientierung brauchten. Dabei erkannte er, dass politische Veränderungen effektiver sind als Hilfe in Einzelfällen. So wurde er Abgeordneter. Es war ein grosser, schöner Schock, als er uns mitteilte, dass er kandidieren würde. Du wirst nie exzellent, wenn du einfach einer Vorschrift folgst. Du musst deinen eigenen Weg finden.
Ihre Mutter ist kürzlich gestorben, mein Beileid. Welche Werte gab sie Ihnen mit?
Meine Mutter lehrte mich zu handeln, statt nur zu reden. Sie war Sozialarbeiterin, bevor wir den Begriff überhaupt kannten. In Indien, wo Klassen eine grosse Rolle spielen, wird von Privilegierten kaum erwartet, sich um sozial Schwächere zu kümmern. Meine Mutter tat es. Als ich acht war, gründete sie in Orissa eine Schule für gesunde Kinder von Leprakranken, weil der Rest der Welt sie ausgrenzte. Die Schule besteht über 50 Jahre später noch. Die Welt wäre anders, wenn wir alle Aktivisten wären. Die Kluft zwischen denen, die viel zu viel haben, und denen, die nichts haben, ist beinahe dämonisch.
Sie werden gleich zu einem Schweizer Publikum sprechen. Was werden Sie ihm mitgeben?
Wir müssen uns daran erinnern, dass wir nicht der Nabel der Welt sind. Der philippinische Präsident Marcos wurde einst als «Präsident des Fernen Ostens» vorgestellt. Er fragte: «Fern von was?» Wir müssen über unseren eigenen Kokon hinausschauen, um die Welt und ihre Ungleichheiten zu verstehen. Zu wissen, dass man nicht im Mittelpunkt steht, ist entscheidend – in der Kunst, Technologie und bei Fragen der Gerechtigkeit.
Dario Aeberli (dae), Jahrgang 1995, arbeitet seit Oktober 2023 als People-Redaktor bei 20 Minuten. Zuvor war er Lokaljournalist und beim «Migros-Magazin».
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.
