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Friday, October 23, 2026

1.703 Tage Krieg in der Ukraine: Drohnensurren in der Stille der Natur

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Bei einer Rafting-Tour im Gebiet Poltawa lernt unsere Autorin ganz neue Seiten der Ukraine kennen. Und zahlreiche zivilgesellschaftliche Initiativen.

V on Kyjiw nach Hadjatsch sind es etwa 300 Kilometer. Am Anfang saust der Bus noch über die glatte Straße, aber die letzten 30 Kilometer schaukelt er wie auf einer Luftmatratze, wegen der unzähligen Schlaglöcher. Ich fühle mich ein bisschen seekrank, als wir endlich da sind.

Hadjatsch ist eine Kleinstadt im Gebiet Poltawa mit etwas mehr als 22.000 Einwohnern. Ganz in der Nähe lebte einst die Familie der bekannten ukrainischen Schriftstellerin Lesja Ukrajinka (1871–1913), der Ort war einmal eine Hetman-Residenz und heute ist es ein Wallfahrtsort für chassidische Juden aus aller Welt.

über leben

Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne

Ich war mit einer Touristengruppe in Hadjatsch: Kajakfahrten, Exkursionen und Übernachtungen im Zelt standen auf dem Programm. Ich hatte mir schöne Orte und historische Informationen erhofft. Stattdessen trafen wir überall auf lokale Initiativen. Geleitet wurde die Tour von Wolodymyr, einem örtlichen Unternehmer.

Anfangs dachte ich, der Tourismus sei nur einer seiner Geschäftsbereiche. Aber je länger er von diesen Orten erzählte, desto klarer wurde, dass es ihm nicht primär ums Geld ging. Wolodymyr hatte an der Kyiv School of Economics studiert, um zu lernen, wie man ein Unternehmen aufbaut. Seine Abschlussarbeit schrieb er über ein Kulturprojekt zur Entwicklung von Hadjatsch.

ukrainische Journalistin und Produzentin aus der Region Cherson. Lebt in Kyjiw. Master in Kulturwissenschaften. Seit 2022 arbeitet sie an einem Nachrichten- und Analyseprojekt über das Leben der Menschen im Süden der Ukraine während des Krieges. Als Produzentin hat sie das Geschichtsprojekt „Deokupowana istoriia“ (Befreite Geschichte) über russische Mythen im Süden der Ukraine erstellt.

Meditative Flussfahrt mit Drohnensurren

Mit den Kajaks fuhren wir auf dem Fluss Psel entlang. Ich war schon an vielen Orten in der Ukraine und hatte nicht erwartet, dass mich dieser Fluss so beeindrucken würde. Im klaren Wasser konnte man Fische beobachten und Wasserpflanzen, die aussahen wie lange Haare. Im Sonnenschein schimmerte das Wasser golden – eine Flussfahrt auf dem Psel ist wie Meditation.

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Nur hin und wieder wurde die Stille durch Drohnensurren unterbrochen. Wir wussten nicht, wer sie gestartet hatte – Einheimische oder das Militär. Das Gebiet Poltawa liegt relativ nahe an der Grenze zu Russland. Deshalb ist der Krieg selbst hier, in der Stille der Natur, immer wieder spürbar.

Vielleicht zwingt der Krieg die Ukrainer auch stärker dazu, den Wert dessen, was zuvor als unveränderlich galt, intensiver zu spüren. Mit dem Wissen, alles verlieren zu können, wird wohl auch der Wunsch stärker, das Eigene zu bewahren. In Hadjatsch habe ich Menschen getroffen, die nicht darauf gewartet haben, dass jemand anderes dies für sie tut.

Auf einem Stopp wurden wir von Einheimischen an einem Lagerfeuer empfangen: Sie hatten Borschtsch gekocht und Fleisch gebraten. Unter den Organisatoren war auch der 22-jährige Grundschullehrer Sascha. Bei mir hat er damit das Klischee zerstört, dass das vor allem ein Frauenberuf sei.

Orte am Leben erhalten

Auch die Exkursion vor Ort wurde von Einheimischen geleitet. Iryna hat erst im reiferen Alter begonnen, sich mit regionaler Geschichte zu beschäftigen. Walentyna war früher Hobbyimkerin, heute gibt sie Kurse in Imkerei. Wolodymyr entwickelt Kulturtourismus, Sascha unterrichtet Kinder, Iryna gibt dem Ort seine Vergangenheit zurück und Walentyna gibt lokales Wissen weiter. Gemeinsam haben sie die Liebe zu ihrer Heimatregion – nicht abstrakt, sondern praktisch – umgesetzt.

Kleine ukrainische Orte wirken oft unscheinbar, bis man die Menschen trifft, die sie am Leben erhalten. Vielleicht mangelt es Hadjatsch an großen Straßen, Geld oder der Aufmerksamkeit des restlichen Landes. Und doch organisiert man hier Rafting-Touren, erforscht Geschichte und zeigt Gästen die Orte, die man für besonders liebenswert hält.

Im Heimatmuseum habe ich ein Aquarell mit einer Ansicht vom Psel gekauft. Das erinnert mich jetzt nicht nur an meine Reise, sondern auch daran, dass Geschichte sich nicht einfach selber bewahrt. Sondern die tägliche Arbeit von jemandem erfordert.

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