Frauen in Teilzeit: Warum aktuelle Reformen zu kurz greifen
Die Deutschen sollen mehr arbeiten, fordert der Bundeskanzler. Doch tut seine Regierung genug gegen Fehlanreize, die es insbesondere für Frauen unattraktiv machen, ihre Arbeitszeit auszuweiten?
29.09.2026 | 10:00 minWenn Uta Suhr an ihre erste Ehe zurückdenkt, erkennt sich die unabhängige Frau von heute selbst kaum wieder: "Es war tatsächlich so, dass ich in meiner ersten Ehe lange in Minijobs oder in Teilzeitanstellungen war, weil sich das damals für mich gefühlt gar nicht oder für uns gefühlt nicht gelohnt hat, dass ich mehr arbeite", erzählt die 46-Jährige aus dem niedersächsischen Borstel, einem Ortsteil von Neustadt am Rübenberge.
So ist es einfach durchgelaufen, weil es so üblich war.
Uta Suhr, Sozialpädagogin und psychologische Beraterin
Fehlanreize für Mehrarbeit von Frauen
Gerne hätte die dreifache Mutter in ihrer ersten Ehe mehr gearbeitet, erzählt sie ZDF frontal. Doch nicht nur Care Arbeit und Kinderbetreuung wurden zur Hürde, mehr dazuzuverdienen. Hinzu kam auch ein Steuer- und Abgabensystem, das es für viele Frauen bis heute unattraktiv macht, mehr zu arbeiten.
"Das ist absolut kein Einzelfall, sondern wir sehen das sehr, sehr, sehr, sehr häufig. Es ist ein strukturelles Problem", sagt Natascha Wegelin. Als "Madame Moneypenny" bildet sie Frauen bei Finanzthemen. Suhr war eine ihrer Kundinnen.
Eine Bertelsmann-Studie vom März dieses Jahres zeigt: 47 Prozent der in Teilzeit arbeitenden Frauen geben an, dass sich Mehrarbeit für sie finanziell nicht lohnen würde. Gefragt wurden dabei Frauen ab 45 Jahren - also diejenigen, deren Kinder meist nicht mehr klein sind.
Melanie, Gisela und Carolin kämpfen gegen das Minus auf ihrem Konto - verursacht durch Care-Arbeit, schlechten Lohn, Altersarmut oder Teilzeitfalle. Doch sie geben nicht auf.
20.01.2026 | 28:43 minDas System Ehegattensplitting in der Kritik
Die Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, Monika Schnitzer, sieht vor allem drei finanzielle Fehlanreize: "Frauen haben in Deutschland, gerade wenn sie Zweitverdiener in einer Ehe sind, keine so hohen Anreize zu arbeiten", erklärt sie. Und das liege vor allem am Ehegattensplitting, an der beitragsfreien Mitversicherung bei der Krankenversicherung und am System der Minijobs.
Man muss schon sehr viel mehr arbeiten, um am Ende wirklich spürbar mehr Netto im Portemonnaie zu haben. Und das lohnt sich für die allermeisten nicht.
Prof. Dr. Monika Schnitzer, Vorsitzende des Sachverständigenrats Wirtschaft
Der Equal Pay Day macht auf die schlechtere Bezahlung von Frauen aufmerksam. Woran liegt das und wie können sich Frauen vor Altersarmut schützen? Soziologin Birgit Happel im Gespräch.
27.02.2026 | 10:12 minFinanz- und Rentenlücke für Frauen nach einer Scheidung
Für Frauen, die häufiger weniger verdienen als ihre Ehemänner, scheint es in diesem System auf den ersten Blick unattraktiv, mehr zu arbeiten, weil dadurch das Haushaltseinkommen schmilzt. Doch was auf den ersten Blick lukrativ für das Haushaltseinkommen erscheint, kann für Frauen zum Problem werden.
Und die wird besonders deutlich, wenn es zur Scheidung kommt: Weil Suhr in dieser Ehe kaum eigene Rentenpunkte sammeln oder für das Alter vorsorgen konnte, arbeitet sie bis heute daran, diese Finanzlücke zu schließen.
Das Problem hat die Bundesregierung erkannt. "Diejenigen, die fast ihr ganzes Leben lang Minijobs gemacht haben, stehen am Ende ihres Berufslebens vor einem ziemlichen Scherbenhaufen in ihrer Altersversorgung. Und das betrifft ganz überwiegend, nicht ausschließlich, aber überwiegend Frauen. Und das dürfen wir nicht weiter zulassen", forderte Bundeskanzler Friedrich Merz im Juli bei "maybrit illner".
Die Rentenkommission hat vorgeschlagen, Minijobs abzuschaffen. Betroffen wären fast sieben Millionen Menschen, vor allem im Handel, in der Gastronomie und in der Gebäudereinigung.
24.06.2026 | 1:34 minEhegattensplitting: SPD will Reform, Union nicht
Deswegen will seine Koalition aus Union und SPD den Vorschlag der Rentenkommission umsetzen und den steuer- und sozialversicherungsrechtlichen Sonderstatus von Minijobs für fast alle abschaffen. Mit Ausnahmen hat sie das im Zuge der Krankenkassenreform auch bei der beitragsfreien Mitversicherung beschlossen.
Doch was ist mit der dritten und entscheidenden Stellschraube Ehegattensplitting? "Man müsste auf jeden Fall das Ehegattensplitting anfassen, um eine umfassendere Reform zu haben, um die Fehlanreize einzudämmen", sagt Ökonomin Schnitzer.
Die SPD zeigt sich offen für eine Reform. SPD-Finanzminister Lars Klingbeil hat dieses Jahr bereits einen Reformvorschlag vorgelegt. "Wir wollen eine gleichberechtigte Ehe nicht schlechter stellen und darum wollen wir das Ehegattensplitting in der jetzigen Form abschaffen", erklärt die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Wiebke Esdar, gegenüber ZDF frontal.
Doch die Union bremst. "Die CDU-CSU-Fraktion steht zum Ehegattensplitting. Wir halten es für gerecht. Es ist ein Ausdruck der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit einer Ehe, einer Familie", erklärt ihr finanzpolitische Sprecher Fritz Güntzler im Interview.
Die Bundesregierung muss sparen, um das Milliarden-Defizit im Haushalt zu stopfen. Geplant sind Reformen, aber auch Einschnitte bei Sozialleistungen.
07.06.2026 | 3:57 minVorschlag von Ökonomen für Reform
Dabei fordert CDU-Kanzler Merz, dass die Menschen in Deutschland mehr arbeiten sollen - und entsprechende Fehlanreize abgebaut werden. Warum geht die Union dann nicht ran an das Ehegattensplitting, das es für viele Frauen unattraktiv macht, ihre Arbeitsstunden aufzustocken?
Güntzlers Antwort auf Nachfrage von ZDF frontal: "Sie unterstellen ja damit, dass das Ehegattensplitting dazu führt, dass Frauen weniger erwerbstätig sind. Diese These teile ich nicht."
Studien und namhafte Ökonomen sehen das anders - unter anderem Schnitzer. Mit mehreren Fachleuten hat sie im Sommer einen Reformvorschlag für das Ehegattensplitting vorgelegt, der Arbeitsanreize schaffen würde und damit rund 49.000 Vollzeitäquivalente zusätzlich.
Steuervorteile erklärt
:Wer vom Ehegattensplitting profitiert - und wer nichtDie SPD will das Ehegattensplitting reformieren, die Union lehnt das bisher ab. Doch wer profitiert wirklich vom Steuermodell für Verheiratete - und was würde eine Reform bringen?
von Luisa Billmayer
mit Video1:44
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Wunsch nach Vorteil für Familien - auch ohne Ehe
Ihr Vorschlag sieht auch vor, dass staatliche Mehreinnahmen durch die Reform gezielt Familien mit Kindern zugutekämen - auch Unverheirateten und Alleinerziehenden.
Uta Suhr wünscht sich, dass das umgesetzt wird - vor allem, weil sie weiß, wie schwierig es ist, nach einer Scheidung als Alleinerziehende über die Runden zu kommen. Nach der Ehe startete sie beruflich noch mal neu - studierte und arbeitet heute als Sozialpädagogin und psychologische Beraterin. Heute weiß sie, wie wichtig es ist, ihr eigenes Geld zu verdienen. Etwas, das sie im System Ehegattensplitting zu lange ignoriert hatte.
Über dieses Thema berichtete frontal am 29.09.2026 ab 21 Uhr.
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