Modefotografie aus der DDR: Wenn Bilder laut sprechen

In der kommunalen Berliner Galerie Pankow werden Ute Mahlers Modefotografien ausgestellt. Sie rückt dabei die Modelle in den Vordergrund, nicht die Kleidung.
Foto: Ute Mahler
Modefotografie hat gewöhnlich eine klare Aufgabe: Sie soll die Kleidung in den Vordergrund stellen und die Betrachtenden am besten dazu anregen, sie zu kaufen. Die Fotografin Ute Mahler ging das anders an. Nicht die Kleidung rückt sie in den Fokus, sondern die Models, die sie tragen. Für die DDR-Modezeitschrift Sibylle fotografierte sie seit 1975 unzählige Frauen und ihre Kleidung, nach der Wiedervereinigung arbeitete sie auch für den Stern. In der Galerie Pankow werden ihre Bilder noch bis November unter dem Titel „Derselbe Himmel – Modefotografie“ ausgestellt.
Mahler fotografiert keine perfekten Oberflächen. Ihre Bilder vermitteln die Stimmung der fotografierten Frauen. Eindrücklich schauen sie an der Kamera vorbei, manchmal scheinbar direkt in die Augen Mahlers. Dabei sehen sie verkniffen, genervt, melancholisch, gelangweilt, kokett oder herausfordernd aus, ihre Persönlichkeiten nehmen den größten Raum ein.
Mahler kontrastiert so nicht nur die Erwartung an Modefotografie, sondern auch an das Bild einer DDR-Frau. Ihre Arbeiten zeigen die Modelle als eindeutige Individuen, sie entsprechen nicht dem sozialistischen Frauenbild, das auch die Modezeitschrift Sibylle mit herausgab. Somit schaffte Mahler mit ihren Arbeiten innerhalb der Sibylle eine Blase des Widerstandes.
Foto: Ute Mahler
Foto: Ute Mahler
„Es gibt keine Distanz zur Kamera“, sagte Mahler in einem taz-Interview. Mahler legt bei ihrer Arbeit besonders großen Wert auf die Beziehung zwischen ihr als Fotografin und ihren Models. Die Frauen scheinen sich mit Mahler wohlzufühlen, ihre Fotos strahlen auch eine Vertrautheit aus. Nicht zuletzt spielt die Betitelung der Fotografien eine Rolle, fast jede von ihnen steht nur mit dem Vornamen in der Bildunterschrift, ergänzt durch Ort und Jahreszahl. „Die Frauen lassen zu, dass die Fotografin eine persönliche, private Seite von ihnen sieht“, sagte Mahler.
Ostdeutsche Hintergründe
Auch der Hintergrund spielt bei Mahler eine wichtige Rolle. Kaum ein Studiofoto hängt in der Galerie, ihre Models fotografiert Mahler am liebsten draußen. Fotografien aus Ost-Berlin sind besonders eindrücklich; das Bild „Julia, Berlin Bebelplatz, 1981“ zeigt das schwangere Model Julia in Schwarz-Weiß wie so viele von Mahlers Fotografien. Julia trägt helle, fließende Kleidung, ihre Haare sind offen und umrahmen ihr Gesicht. Ihr Blick wendet sich zur Seite, sie wirkt erschöpft und hat die Arme auf ihrem Schoß abgelegt.
Foto: Ute Mahler
Das Foto hat Mahler 1981 auf dem Bebelplatz aufgenommen. Im Hintergrund sind Aufsteller zu sehen, die Mitglieder des Politbüros der DDR zeigen. Bei der Veröffentlichung in der Modezeitschrift Sibylle wurden die Köpfe der Mitglieder abgeschnitten, in der Galerie Pankow ist die Fotografie in Gänze zu sehen.
Auch außerhalb von Berlin sind Fotografien entstanden. Viele fertigte Mahler in Brandenburg und Umgebung an, Lehnitz und Bad Freienwalde etwa werden zum Schauplatz, Seen, Plattenbauten und Felder bestimmen den Hintergrund. Eine Fotografie von 1983 zeigt das Model Martina in Velten. Lässig lehnt sie sich auf einer Brücke an, schaut durch ihre schwarze, breite Sonnenbrille in die Ferne. Das Bild ist in Farbe; die rote Hose des Models knallt im unteren Teil des Bildes und wird durch das lange schwarze Oberteil ergänzt, das helle Blau des Himmels vervollständigt die Fotografie. Im Hintergrund, direkt neben dem Kopf des Models, fliegen drei Hubschrauber. Die Fotografie wirkt sehr eindrücklich, Martina scheint unbeeindruckt und zugleich machtvoll zu sein.
Alltägliches kollidiert mit den Models
Nicht selten arbeitet Mahler mit Alltagssituationen. Es laufen Menschen vorbei oder es fahren Autos oder Fahrräder. Im Vordergrund steht, läuft, sitzt oder liegt das Model wie ein Einschnitt in der alltäglichen Routine, die sich im Hintergrund abspielt. Alltag und Model finden zeitgleich statt, scheinen sich aber nicht gegenseitig wahrzunehmen. Die Fotografie „Edda, Berlin Prenzlauer Berg, 1979“ zeigt das Model Edda, wie sie eine Straße überquert.
Foto: Ute Mahler
Sie schiebt einen Kinderwagen vor sich her, das Kind, pausbäckig und warm eingekleidet, schaut nach hinten. Beinahe scheint Edda mit drei spielenden Kindern zu kollidieren, die das Model keines Blickes würdigen und in ihrer kindlichen Verspieltheit zwei Bällen hinterherlaufen. Auch Edda interessiert sich nicht für die Kinder; ihr Blick geht direkt zur Kamera. Sie schaut interessiert, es wirkt, als hätte Mahler eine Sekunde vor einem wissenden Lächeln des Models abgedrückt. Ein langes Kleid umspielt die hochgewachsene, schlanke Figur des Models.
Foto: Ute Mahler
Mahler reiste für ihre Fotografien auch in andere Länder. Aufnahmen aus Minsk und Havanna hängen in der Galerie, aus späteren Jahren sind auch Fotografien auf Lanzarote und in den USA entstanden. Dabei bleibt Mahlers Arbeit immer gleich: Ihre Models stehen im Vordergrund, sind selbstbewusste, eigenwillige Individuen, die über die Kamera mit Mahler zu kommunizieren scheinen.
Dazu passt der Titel der Ausstellung sowie des Buches, das mit der Ausstellung bei Hartmann Books herausgegeben wird, gut: Sie alle teilen denselben Himmel, egal wo und wann Mahler sie fotografiert.
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