Als würde Twint verschwinden und die Regierung stürzen

Chaos in Paraguay
Als würde Twint verschwinden und die Regierung stürzen
Paraguay erlebt eine gewaltige Krise. Während die Zentralbank versucht, einer Bevölkerung mit eingefrorenen Konten zu helfen, hat der Senat Präsident Santiago Peña abgesetzt.
Publiziert: vor 21 Minuten
- In Paraguay hat der Konkurs der Ueno Bank rund 3 Millionen Einwohner vom Zugriff auf ihr Geld ausgeschlossen.
- Präsident Santiago Peña wurde vom Senat nach umstrittenen Verbindungen und Entscheidungen im Zusammenhang mit der Bank abgesetzt.
- Die Zentralbank zahlt den einkommensschwächsten Kundinnen und Kunden Vorschüsse von etwas mehr als 1000 Franken aus.
Yannick WeberNewsdesk
Stellen Sie sich vor: Von einem Tag auf den anderen hätte fast die Hälfte der Schweizer keinen Zugriff mehr auf ihr Bankkonto – weder Bargeldbezüge am Bancomaten noch Zahlungen im Laden. Twint wäre ausser Betrieb. Die Geschäfte könnten nichts mehr kassieren und riskierten, dass ihnen das Bargeld ausgeht und sie keine Löhne mehr zahlen können. Genau das passiert derzeit in Paraguay – und hat zum Sturz von Präsident Santiago Peña geführt. In der Nacht von Freitag auf Samstag wurde er vom Senat abgesetzt und durch seinen Vizepräsidenten Pedro Alliana ersetzt.
Wie begann die Krise?
Die Ueno Bank ist pleite. Fast die Hälfte der paraguayischen Bevölkerung hat dort ein Konto. Dennoch ist sie nicht mit der UBS in der Schweiz vergleichbar. Vielmehr handelt es sich um eine grosse Digitalbank wie Yuh, Neon oder Revolut. Sie hat ein Zahlungssystem aufgebaut, das wie Twint funktioniert und im Land sehr verbreitet ist.
Diese Bank ist bankrott. Die Paraguayer können die App nicht mehr öffnen, die Bancomaten spucken kein Bargeld mehr aus: Damit haben rund 3 Millionen Einwohner seit der Nacht vom 2. auf den 3. November keinen Zugriff mehr auf ihr Geld. Auf die Schweizer Bevölkerung übertragen, wäre das so, als stünden 4 Millionen Schweizer ohne Zahlungsmittel da – weder digital noch in bar.
Was geschah danach?
Präsident Santiago Peña (konservativ) geriet wegen umstrittener Verbindungen und Entscheide im Zusammenhang mit der bankrotten Bank in die Bredouille. Stellen Sie sich vor, Guy Parmelin, Bundespräsident und Wirtschaftsminister, wäre in der Schweiz an die Macht gewählt worden, obwohl er früher Anteile an der Grossbank gehalten hätte, die nun pleite ist, und Familienmitglieder ihr noch immer nahestünden. Und er würde einen ehemaligen Manager dieser Bank an die Spitze der Schweizerischen Nationalbank oder der Finma setzen. Und er würde Millionen Franken an öffentlichen Geldern dort einzahlen. Ein Skandal wäre garantiert.
Fairerweise muss man Guy Parmelin zugutehalten: Anders als Santiago Peña (ehemaliger Ökonom beim IWF) stammt er nicht aus der Finanzwelt, und er hätte nicht die Macht gehabt, auf diese Weise zu mauscheln.
Präsident Peña reichte am Donnerstag seinen Rücktritt ein. Der Kongress lehnte diesen jedoch ab, weil Peña nach paraguayischem Recht dadurch lebenslange parlamentarische Immunität erhalten hätte. In der Nacht von Freitag auf Samstag wurde er schliesslich einstimmig von den Senatoren abgesetzt.
Wie werden die Paraguayerinnen und Paraguayer über die Runden kommen?
Die Zentralbank von Paraguay musste die Dinge in die Hand nehmen. Am Freitag begann sie, den Menschen, die mittellos dastehen, Liquidität auszuzahlen – begrenzt auf umgerechnet etwas mehr als 1000 Franken. Es handelt sich um Vorschüsse, bis feststeht, was mit den Hunderten Millionen eingefrorener Gelder geschehen wird. Zunächst ist das Geld für weniger Wohlhabende bestimmt, die bei der Ueno Bank keinen laufenden Kredit haben. Und um das Geld zu erhalten, braucht man ein Konto bei einer anderen Bank.
In der Schweiz garantiert das Gesetz im Konkursfall Guthaben bis 100'000 Franken. In Paraguay gibt es einen ähnlichen Mechanismus, bis zum 75-Fachen des Mindestlohns. Ob die Absetzung des Präsidenten und der Beginn der Auszahlungen ausreichen, um die soziale Wut zu besänftigen, die sich bereits bei der Bekanntgabe der Pleite entladen hatte, bleibt abzuwarten.
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