Krieg, Katastrophen, Klimakrisen: Wie der Wahnsinn der Welt den Menschen zusetzt

Krieg, Katastrophen, KlimakrisenWie der Wahnsinn der Welt den Menschen zusetzt
25.09.2026, 14:24 Uhr
Wer sich stundenlang vor allem über soziale Medien mit den Krisen der Welt beschäftigt, tut sich laut Fachleuten damit keinen Gefallen. Die Schreckensbilder hinterlassen messbare Spuren in der Psyche. Besonders eine Gruppe ist gefährdet.
Brennende Wälder, zerbombte Häuser, rohe Gewalt: Scrollt man durch die Feeds von Tiktok, Instagram und anderen Apps, kann sich das - je nachdem, was der Algorithmus vorschlägt - manchmal anfühlen wie mitten im Weltuntergang. Ein toxischer Mix aus Krieg und Katastrophen, kuratiert für den ganz persönlichen Hochkant-Blick in den Abgrund.
Tatsächlich mangelt es nicht an Krisen: Auf die Corona-Pandemie mit all ihren Folgen folgten prompt Ukraine-Krieg, Nahost-Eskalation und die Wiederwahl Donald Trumps - der nach seinem erneuten Amtsantritt als US-Präsident zusätzlich Öl ins Feuer goss. Die Welt brennt buchstäblich, und das nicht nur bei Explosionen in der Ukraine oder im Iran, sondern auch in Form verheerender Waldbrände, sogar mitten in Europa. Denn, ach ja, da ist zu allem Überfluss auch noch die weiter eskalierende Klimakrise.
"Der Wahnsinn ist präsenter"
Der Psychologe Roland Weierstall-Pust von der Medical School Hamburg weist darauf hin, dass sich zunehmende Krisen und Konflikte teils auch deshalb so präsent und zahlreich anfühlen, weil wir sie über Medien viel direkter als früher wahrnehmen können. "Der Wahnsinn, der auf dieser Welt überall tagtäglich passiert, ist uns sozusagen präsenter."
Gleichzeitig bekommen besonders krasse Bilder und negative Nachrichten in Medien - und insbesondere den sozialen - stärkere Aufmerksamkeit. "Es gibt kein Ende, wir können stundenlang scrollen und immer wieder neue Informationen finden", hält die Psychologin Lena-Marie Precht von der Ruhr-Universität Bochum fest. Lerne der Algorithmus, dass man sich immer wieder mit negativen Themen auseinandersetze, "dann bekomme ich natürlich auch davon immer mehr gezeigt, und auch das kann dazu führen, dass ich immer weiter in eine Negativspirale gerate."
Die Macht von Bildern
Nicht umsonst gibt es Triggerwarnungen vor manchen Inhalten. Das Anschauen besonders brutaler Inhalte kann drastische Folgen haben, wie eine Studie aus Israel zeigt: So entwickelten Menschen, die besonders viele Fotos, Videos und Berichte von den Angriffen der radikal islamistischen Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 etwa auf Telegram oder Tiktok angesehen hatten, teils Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung, wie ein Forschungsteam der Universitäten Tel Aviv und Stanford im Fachjournal "PLOS Mental Health" beschreibt.
Auch eine Studie von Forschern der University of California fand im Jahr 2013 heraus, welch mächtige Wirkung Darstellungen von schrecklichen Ereignissen haben können. So löste das wiederholte Anschauen von medialen Bildern des Bombenattentats auf den Marathon in Boston mehr akute Stresssymptome bei den Zuschauenden aus als bei jenen, die das Geschehen vor Ort aus der Nähe mitbekamen, wie das Team im Fachjournal "Proceedings of the National Academy of Sciences" ("PNAS") ausführte.
Was macht es also mit uns, dass uns die Schrecken aus aller Welt über unsere Bildschirme an den Küchentisch oder sogar bis ins Bett gespült werden? Expertin Precht betont: "Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass ein hoher Medienkonsum stärker mit Angst-, Depressions- und Stresssymptomen verbunden ist."
Depressive Symptome nehmen zu
Das Robert-Koch-Institut (RKI) erhebt regelmäßig Daten dazu, wie häufig bei Erwachsenen in Deutschland depressive Symptome auftreten. Mit den Befragungen lassen sich Hinweise auf mögliche depressive Störungen beobachten, jedoch keine medizinischen Diagnosen ableiten, da dazu ausführliche psychodiagnostische Interviews nötig wären.
Die Psychologin Elvira Mauz, die am RKI als Forscherin tätig ist, hält fest: "Die Daten zeigen: Nach weitgehend stabilen Werten zwischen 2014/15 und 2019 ist die Häufigkeit depressiver Symptome 2020 bis 2024 deutlich gestiegen - sowohl in leichteren als auch in schwereren Ausprägungen." Dieser Anstieg zeige sich in allen Bevölkerungsgruppen, wobei sich die soziale Ungleichheit durch besonders starke Zunahmen bei Personen mit niedriger formaler Bildung oder einem geringen Einkommen verstärkt habe. "Insgesamt sind sozial benachteiligte Gruppen, junge Erwachsene und insbesondere junge Frauen deutlich stärker betroffen als ihre jeweiligen Vergleichsgruppen."
Daten aus der Gesundheitsversorgung dokumentieren laut RKI ebenfalls, dass zwischen 2012 und 2024 Diagnosen von Angststörungen und Depressionen unter gesetzlich Versicherten, die ambulant behandelt wurden, zunahmen.
Was machen die Krisen mit unserer Psyche?
Im Zuge der Pandemie sei ein deutlicher Anstieg psychischer Belastungen in der Bevölkerung zu beobachten gewesen, betont Mauz. "Diese Entwicklung fiel zeitlich mit weiteren Krisen zusammen, darunter wirtschaftliche Rezession und Inflation, kriegerische Konflikte und die fortschreitende Klimakrise." All diese Krisen gingen Studien zufolge mit erhöhten Risiken für die psychische Gesundheit einher. "Vor diesem Hintergrund erscheint es plausibel, dass insbesondere das Zusammenwirken mehrerer Krisen die psychische Gesundheit der Bevölkerung beeinträchtigt."
Weierstall-Pust, der auch als Psychotherapeut tätig ist, macht deutlich: "Je mehr Dinge ich gleichzeitig jonglieren muss, desto komplexer wird die Realität. Und da ist unser Gehirn gar nicht darauf ausgelegt. Wir kriegen das alles gar nicht verarbeitet in der Menge. Künstliche Intelligenz kann gleichzeitig Tausende Informationen parallel sortieren. Aber das kann der Mensch halt nicht. Der ist überhaupt nicht dafür ausgerichtet."
Wie Medien unseren Blick prägen
Mauz vom RKI erklärt unter Berufung auf internationale Studien: "Medien - und insbesondere soziale Medien - können beeinflussen, wie Menschen Krisen wahrnehmen, bewerten und emotional verarbeiten." So entscheide die Art der medialen Berichterstattung mit darüber, welche Themen überhaupt Aufmerksamkeit erhalten und als relevant gelten. Gleichzeitig habe sie Einfluss darauf, ob eine Situation eher als bedrohlich und überwältigend oder als handhabbar wahrgenommen werde. "Diese Einschätzung ist wiederum wichtig, denn das Vertrauen in die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten gilt als zentraler Faktor für einen resilienten Umgang mit Krisen", so Mauz.
Wie gut Menschen Krisen bewältigen können, hänge jedoch stark von ihren Lebensbedingungen und Handlungsspielräumen ab. "Soziale Benachteiligung und belastende Lebenslagen können Situationen schaffen, die sich durch individuelle Bewältigungsstrategien allein nicht lösen lassen."
Wie stark wahrgenommene Krisen aufs Gemüt schlagen, ist auch individuell unterschiedlich - und hängt Experten zufolge von verschiedenen Faktoren ab. So würden etwa Persönlichkeitsmerkmale beeinflussen, wie Menschen auf Krisen reagieren, führt Mauz aus. "Studien zeigen, dass stabile Eigenschaften damit zusammenhängen, wie Belastungen erlebt und bewältigt werden."
Wer bessergestellt ist, kann mehr abfedern
"Neben individuellen Faktoren wie dem Umgang mit Gefühlen, dem Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit und aktiven Bewältigungsstrategien spielen vor allem auch die Lebensbedingungen eine zentrale Rolle. Dazu zählen insbesondere die materielle Situation, Bildung sowie tragfähige soziale Beziehungen und Unterstützung", so die Expertin weiter. "Soziale Lebensbedingungen haben grundsätzlich einen großen Einfluss auf die psychische Gesundheit - unabhängig davon, ob gerade eine Krise vorliegt oder nicht."
Auch Weierstall-Pust weist auf Unterschiede hin: "Nicht jeder, der aus Kriegs- und Krisenregionen kommt, ist traumatisiert. Also man kann ja durchaus auch einigermaßen gesund aufwachsen, wenn man nicht die idealen Aufwachsbedingungen hat, die ich hier jetzt beispielsweise im Taunus wiederfinde, mit geringer Kriminalitätsrate und guter medizinischer Versorgung." Eine zentrale Frage sei: "Wie verstoffwechsle ich das und wann ist die Grenze überschritten von dem, was ich noch aufnehmen kann und was ich in der Gleichzeitigkeit tragen kann?"
Die Kopf-in-den-Sand-Strategie
Bei manchen führt das dazu, dass sie sich abschotten und ins Private zurückziehen. Wenn die negativen Inhalte dazu führten, dass es einem danach schlechter gehe, sei es eine logische Konsequenz, sich von ähnlichen Inhalten abzuschotten, so Psychologin Precht. Die Logik sei dann: "Da möchte ich mich nicht weiter mit auseinandersetzen, weil ich weiß: Meine Einflussnahme-Möglichkeiten sind begrenzt. Und was hilft es mir jetzt, wenn ich mich trotzdem mit diesen Inhalten konfrontiere?"
Laut dem "Reuters Institute Digital News Report 2026" der Universität Oxford nimmt der Anteil der Menschen, die oft oder häufiger Nachrichten vermeiden, seit Jahren zu. In Deutschland liegt der Wert mit 40 Prozent leicht unter dem internationalen Durchschnitt (42 Prozent). Negative Auswirkungen der Nachrichten auf die eigene Stimmung sind dabei ein häufiger Grund. Der jährliche Bericht fokussiert sich vor allem auf klassische Nachrichtenmedien. Ungefilterte Social-Media-Nutzung steht hier also nicht im Fokus.
Wie viel Nachrichtenflut lasse ich zu?
Sich vom Weltgeschehen abzuwenden mag nicht die Lösung sein - doch auch Experten raten, unter anderem die eigene Informationsflut in den Blick zu nehmen. "Da ist es ganz wichtig, sich erstmal der Tatsache bewusst zu werden: Wie ist überhaupt meine Mediennutzung, wie informiere ich mich über das Weltgeschehen und im nächsten Schritt sich aber dann auch Gedanken darüber zu machen: Was macht das mit mir?", schlägt Precht vor. "Eine Lösung könne etwa sein: Ich schaue mir einmal am Tag an, was aktuell gerade auf der Welt passiert, und ich mache das innerhalb von 15 Minuten und danach ist auch wieder gut."
Mauz vom RKI empfiehlt neben einer bewussten Steuerung des eigenen Medienkonsums: "soziale Kontakte aufrechtzuerhalten, den Alltag möglichst zu strukturieren sowie auf Bewegung und ausgewogene Ernährung zu achten. All das fällt leichter, wenn auch die Lebensbedingungen gesundheitsförderlich gestaltet sind."
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