COP-Chefs verlängern Kohle-Lizenz: Kritik an „Klimabombe“ in Australien

Einen Monat vor Beginn der UN-Klimakonferenz genehmigt COP-Ausrichter Australien eine längere Lizenz für eine Kohlemine. Klimaschützer*innen sind entsetzt.
Foto: Dan Himbrechts/imago
Einen Monat vor Beginn der UN-Klimakonferenz COP31 sind die Ausrichterländer Australien und Türkei in die Kritik von Umweltschützer*innen geraten. Anders als Brasilien im vergangenen Jahr zeigten die COP-Gastgeber derzeit wenig Ehrgeiz, fossile Emissionen zu senken, schreibt die Umweltschutzorganisation 350.org. „Anstatt den Übergang weg von fossilen Brennstoffen anzuführen, bauen beide Länder ihre Nutzung fossiler Brennstoffe weiterhin in extremem Tempo aus“, kritisiert Andreas Sieber, Politikchef von 350.org. Der diesjährige UN-Klimagipfel findet vom 9. bis 20. November in Antalya in der Türkei statt.
Die Türkei als Europas größter Kohlekraftwerksbetreiber habe signalisiert, ihre Kohle- und Gaskraftwerkskapazität bis 2035 um etwa 30 Prozent ausbauen zu wollen, so Sieber. Die Nichtregierungsorganisation Climate Council bezeichnete gleichzeitig ein neues Kohleprojekt in Australien als „climate bomb“ – als Klimabombe.
In der vergangenen Woche hatte die unabhängige Planungskommission von New South Wales das größte Kohleprojekt in der Geschichte des Bundesstaats genehmigt: Die Eigentümer der Kohlemine Hunter Valley Operations (HVO) nördlich von Sydney schätzen, dass die 19-jährige Lizenzverlängerung des Bergwerks zu Emissionen von 809 Millionen Tonnen klimaschädlichem Kohlendioxid führt.
Zum Vergleich: Das ist etwa doppelt so viel, wie Großbritannien jährlich emittiert. Eigentümer von HVO sind die in der Schweiz beheimatete Rohstoffkonzerne Glencore und das chinesisch-australische Unternehmen Yancoal.
Export von Kohle, Import von Buschbränden
Für Glencore ist das Hunter Valley ein Baustein seines globalen Kohlegeschäfts. In der Datenbank Carbon Majors, die die historischen Emissionen großer Produzenten fossiler Brennstoffe erfasst, steht Glencore für 1998 bis 2024 mit rund 6,97 Milliarden Tonnen CO₂-Äquivalente auf Rang 46 von weltweit 178 Unternehmen. Bei der Kohleproduktion liegt der Konzern mit 2,53 Milliarden Tonnen auf Rang 19 von 104 erfassten Produzenten.
„Was New South Wales als Kohle exportiert, importieren wir wieder als Buschbrände, Überschwemmungen, Hitzewellen und Dürren“, sagte Greg Mullins, ehemaliger Feuerwehrchef von New South Wales und heute Climate-Council-Mitglied. Klimaschützer argumentieren, Australien könne sich nicht darauf berufen, dass die meisten der Emissionen erst in Kraftwerken in Asien entstehen – und die Klimabilanz Australiens nicht belasten.
Die Wissenschaft beziffert die Verantwortung konkret. Ein von Forschern der Australian National University (ANU) entwickeltes Instrument, der Carbon Impacts Tracer, übersetzt die Emissionen in mögliche konkrete Klimafolgen. Nach den Berechnungen könnten diese unter anderem die Zahl der Menschen erhöhen, die extremer Hitze ausgesetzt sind, außerdem die Verluste von Korallen am Great Barrier Reef verstärken.
Politisch steckt Australien damit in einem Dilemma. Das Land ist der zweitgrößte Kohleexporteure der Welt. Gleichzeitig haben Canberra und die Bundesstaaten ihre Klimaziele verschärft. New South Wales will seine Emissionen bis 2030 um 50 Prozent und bis 2035 um 70 Prozent gegenüber 2005 reduzieren. 2050 soll Netto-Null erreicht sein. Zugleich erlaubt die Landespolitik die Verlängerung der Genehmigung bestehender Minen, wenn deren wirtschaftlicher Nutzen als ausreichend hoch bewertet wird. HVO ist der erste große Test dieser Strategie.
1.500 Arbeitsplätze hängen direkt an der Mine
Die Planungskommission des Bundesstaates erkannte das Problem bei der Genehmigung von HVO ausdrücklich an: Die Emissionen der Mine würden den Klimawandel in der Region, in New South Wales und weltweit verstärken. Dennoch überwogen für die Kommission Beschäftigung, regionale Wirtschaft und Steuereinnahmen. 1.500 Arbeitsplätze hängen direkt an HVO, mehr als 800 Zulieferer sind beteiligt.
Noch ist die Sache allerdings nicht entschieden. Das Projekt benötigt die Genehmigung der australischen Bundesregierung. Damit liegt der Ball bei Premierminister Anthony Albanese. Für seine Regierung geht es damit um mehr als eine einzelne Mine – und die Frage: muss Australien die Klimafolgen seiner Kohleexporte politisch mitverantworten – auch wenn die Emissionen im Ausland entstehen?
Auf den Fidschi-Inseln im Pazifik haben indes am Montag die Vorverhandlungen zum bevorstehenden UN-Klimagipfel in der Türkei begonnen. Fidschis Klimaministerin Lynda Tabuya forderte die Industrieländer zu Beginn der Beratungen in der Stadt Nadi eindringlich auf, einen „gerechten Übergang“ zu erneuerbaren Energien zu unterstützen. 350.org kritisierte, dass ausgerechnet die Türkei und Australien zu den wenigen Industrieländern gehörten, die kein Datum für den Kohleausstieg festgelegt haben.
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