Faschisierung und digitale Boheme: Das nächste richtig große Ding

Gibt es eine Verbindung zwischen digitaler Boheme und Faschisierung durch soziale Medien? Das neue Buch von Simon Stricken kann in die Magengrube treffen.
Foto: Christian Thiel/imago
D er Tod des Schriftstellers Joachim Lottmann kann einen dazu bringen, in die Archive des Internets hinabzusteigen. Die Plattform Wir höflichen Paparazzi, bei der Lottmann Protagonist war, Freund für die einen, Abgrenzungsfigur für die anderen; von diesem frühen sozialen Medium ausgehend die Zentrale Intelligenz Agentur – eine Zeit der Experimente, wie Textproduktion und Internet zusammen funktionieren können.
Eine Zeit auch, in der man bei dem Wort Mitte nicht an bröckelnde große Koalitionen dachte, sondern an Berlin-Mitte und dabei nicht nur an Flagship-Stores, sondern an Labor Berlin und Digitale Boheme. Lange her.
Wenn man das alles einmal wieder im Kopf hat, kann einen Simon Stricks Buch „Faschisierung. Fluchtlinien des Digitalen“ (Suhrkamp) übel in die Magengrube treffen. Was der Medienwissenschaftler beschreibt, ist eh schon brisant. Die Faschisierung kommt, so seine These, nicht von außen und auch nicht von extremistischen Rändern her in die Gesellschaft hinein, sondern sie steckt längst im Inneren, angetrieben durch die sozialen Medien nämlich, von ihren eskalierenden Tendenzen, die antagonistische Verkürzungen mit Resonanz belohnen.
Trump brauchte diese Tendenzen, so diese Lesart, nur in die politische Sphäre zu übertragen.
Mit Unschuld zelebriert
Wenn dieser Befund stimmt, muss man dann aber nicht auch noch einmal neu über die digitale Boheme nachdenken? Keineswegs in dem verkürzenden Sinn, dass sie als terrainsondierende Vorform des digitalen Sendens eine Art unfreiwilliger Vorläufer der gegenwärtigen autoritären Tendenzen wäre.
Aber womöglich analog zur avancierten Gentrifizierungsanalyse, nach der bohemistische Kader die Pioniere der Gentrifizierung darstellen, indem sie Wohnviertel attraktiv machen, bevor dann die kapitalstarken Investoren kommen. Nach dieser Lesart wäre die digitale Boheme also Pionier der Faschisierung gewesen? Also etwa: Erst suchte man in Berlin-Mitte das nächste große Ding, dann kamen Musk und Meta und räumten die Kapitalisierung ab.
Jedenfalls liest man einen Satz wie „die härteste Pointe und das rigorosere Urteil regierten“, mit dem Holm Friebe im Wikipedia-Eintrag zu den Höflichen Paparazzi zitiert wird, inzwischen mit ambivalenten Gefühlen. Stimmt wohl, dass das in den Nullerjahren mit viel Unschuld zelebriert wurde. Inzwischen machen Autokraten, Tech-Milliardäre und Trigger-Journalisten harte Pointen und rigorose Urteile aber erst zum richtig großen Ding.
Der Unterschied zur digitalen Boheme ist: In den Nullerjahren verband das Internet konkrete Personen miteinander, es gab analoge Rückkopplungen in Kneipen, ein realer sozialer Zusammenhang wurde gestiftet (dabei allerdings zwischen Teilnehmern und Zuschauern unterschieden). Das ist inzwischen sehr anders. Simon Strick beschreibt die sozialen Medien als sich längst verselbständigte Maschine, die die Öffentlichkeit formatiert und damit Realität setzt – und eigentlich weiß man das ja auch, man weiß nur nicht, wie man da wieder rauskommt.
Auf jeden Fall muss man wohl beizeiten Trauerarbeit über verlorene Unschuld leisten.
Dirk Knipphals Ressortleiter Kultur
Dirk Knipphals, Jahrgang 1963, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in Kiel und Hamburg. Seit 1991 Arbeit als Journalist, von 1994 bis 1996 bei der taz.hamburg, seit 1999 in Berlin.
Essay über die Macht der AfD Das Ganze ist wieder das Unwahre
Das Momentum liegt auf der Seite der Rechten. In dieser Lage die Hoffnungen auf den politischen Betrieb zu richten, springt zu kurz.
Von Dirk Knipphals
Medienforscher zu Nazis auf Social Media „Faschismus ist heute Lifestyle“
Simon Strick erklärt, warum Rechte im Netz längst kultureller Mainstream sind – und chronische Opposition auf Social Media immer gewinnt.
Interview von Katrin Tominski
Roman „Mai, Juni, Juli“ Merkwürdiges Wuchern
Wiedergelesen: Joachim Lottmanns Debütroman „Mai, Juni, Juli“ führt zurück in die Achtzigerjahre.
Von Alexander Diehl
taz FUTURZWEI im Abo entdecken Endlich mal ein Magazin für Zukunft
taz FUTURZWEI ist unser Magazin für eine bessere Zukunft. Das Abo bietet jährlich vier Ausgaben für nur 38 Euro. Zudem erhalten Sie eine Ausgabe von Luisa Neubauers neuestem Buch „Was wäre, wenn wir mutig sind?“ (solange Vorrat reicht).
- Jedes Quartal neu in Ihrem Briefkasten
- Nur 38 Euro im Jahr
- Als Prämie Luisa Neubauers „Was wäre, wenn wir mutig sind?“
- Herausgegeben von Harald Welzer
Jetzt abonnieren
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.