Entscheidung über Merz' Zukunft schon am Sonntag?
Am Abend der Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin will Kanzler Friedrich Merz im Präsidium der CDU die "indirekte Vertrauensfrage" stellen. Eigentlich tagt das Präsidium erst am Montag, doch die Zeit drängt.
Kanzler will an Reformkurs festhalten
Merz will sich Rückendeckung für seinen Reformkurs und damit auch für seine Politik als Kanzler holen - vom Präsidium und den Ministerpräsidenten. Er stellt sie vor die Wahl: ihn zu unterstützen oder ihn abzusetzen. Im Fall eines Sturzes müsste das Präsidium dann einen Nachfolger benennen.
Doch CSU-Chef Söder zeigt sich optimistisch. Er sei überzeugt, dass Merz der Richtige sei, um die AfD zu stellen, und dass er am Sonntag im CDU-Präsidium "Rückendeckung" bekäme.
Seit der Wahl in Sachsen-Anhalt wächst die Kritik am Kanzler, auch in den eigenen Reihen. Doch Merz zeigt sich kämpferisch. Er sei für vier Jahre gewählt und wolle beweisen, dass diese Koalition zu einer Reformpolitik in der Lage sei. Beim Bundesverband Groß- und Außenhandel (BGA) sagt der Kanzler:
Ich bin fest entschlossen, an diesem Kurs festzuhalten.
Friedrich Merz, Bundeskanzler
Die innenpolitische Krise ist mit Merz zum Gipfeltreffen nach Finnland gereist. Das Landtagswahlergebnis beschäftigt ihn offenbar auch dort. Fragen ließ er nicht zu, so Wulf Schmiese.
14.09.2026 | 1:58 minPolitologe Faas: Gegner müssen "Farbe bekennen"
Dass Merz am Sonntag die "indirekte Vertrauensfrage" stellen will, könnte für Klarheit sorgen. Das sagt Thorsten Faas, Politikwissenschaftler an der FU Berlin, ZDFheute:
Offen nach dem Vertrauen zu fragen, heißt natürlich, dass man sich dieses Vertrauens explizit versichern muss.
Thorsten Faas, Politikwissenschaftler
Gleichzeitig zwinge Merz "etwaige Gegner, Farbe zu bekennen", sagt Faas. Aktuell scheine dazu aber "noch niemand bereit" zu sein. Führende CDU-Politiker stellen sich demonstrativ hinter Merz. Hessens Ministerpräsident Boris Rhein und Parteivize Silvia Breher warnen vor Personaldebatten. Kurskorrektur statt Kanzlerdebatte fordert auch Caroline Bosbach, stellvertretende Vorsitzende des Parlamentskreises Mittelstand. ZDFheute sagt sie:
Wer Friedrich Merz jetzt anzählt, trifft die ganze Union. Eine Rücktrittsdebatte ausgerechnet aus den eigenen Reihen - soll das Wahlkampfhilfe für Mecklenburg-Vorpommern und Berlin sein?
Caroline Bosbach, CDU
Die Wahlniederlage in Sachsen-Anhalt, katastrophale persönliche Umfragewerte und Pannen bei der Kabinettsumbildung. Steht Merz als Kanzler vor dem Aus?
13.09.2026 | 4:12 minPlant die Union einen Kanzlertausch?
Seit Wochen geistert das Gespenst vom Kanzlertausch durch Berlin - mal wieder. Ungewöhnlich findet das der Politikwissenschaftler Faas. Er sagt:
So offen ist selten zuvor über einen Kanzlertausch inmitten einer Legislaturperiode gesprochen worden, zumal es ja auch keine Skandale oder Ähnliches gibt.
Thorsten Faas, Politikwissenschaftler
Doch wer könnte den Kanzler im Amt beerben? Potenzielle Kandidaten sind rar.
Da wäre Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst. Er gilt als Mann der Mitte und führt im bevölkerungsreichsten Bundesland eine schwarz-grüne Koalition. Der Haken: Er hat im April 2027 Landtagswahlen. Nordrhein-Westfalen ist für die CDU auch strategisch wichtig - kurz vor der Wahl ein Wechsel an der Spitze könnte die Partei schwächen. Als wahrscheinlicher gilt, dass Wüst langfristig als Kanzlerkandidat für die Bundestagswahl 2029 aufgebaut wird.
Läuft sich CSU-Chef Söder für Kanzlerschaft warm?
Und dann wäre da noch CSU-Chef Markus Söder, Ministerpräsident des größten Bundeslandes, Bayern. Er regiert in einer Koalition mit den Freien Wählern - und ist deutlich konservativer als Wüst. Der Haken: Die CDU gibt den Kanzlerposten nicht so gerne an die kleine Schwesterpartei.
Die dritte Personalie ist Innenminister Alexander Dobrindt, ebenfalls aus der CSU. Er wäre ein Kompromisskandidat, wird von vielen geschätzt. Doch sein Parteichef Söder nannte diese Variante in der ZDF-Sendung "Berlin direkt" kürzlich eine Erfindung der Berliner "Bubble". Es ist wohl nicht davon auszugehen, dass Markus Söder einen CSU-Kanzlerkandidaten unterstützt, der nicht Markus Söder heißt.
Ein Kanzlertausch wäre allerdings "ein außergewöhnlicher Schritt, der auch sehr riskant wäre", sagt Politikwissenschaftler Faas:
Die nächsten Bundestagswahlen finden schon in zweieinhalb Jahren statt. Kommendes Jahr sind viele Landtagswahlen. Es drängt sich kein Nachfolger auf. Dass die Debatte trotzdem köchelt, zeugt von einer immensen Nervosität in der Union.
Thorsten Faas, Politikwissenschaftler
CSU-Chef Markus Söder spricht sich im ZDF gegen eine Minderheitsregierung aus. Man habe das in den vier Monaten nach dem Ampel-Aus gesehen, "da ging gar nichts mehr", sagt er.
13.09.2026 | 5:37 minUnion: Getrieben von der AfD
Denn die AfD ist im Aufwind. In Sachsen-Anhalt hat sie zum ersten Mal und mit großem Vorsprung eine Landtagswahl gewonnen. Die Partei profitiert seit Jahren von der Unzufriedenheit der Menschen mit der jeweiligen Bundesregierung, von jeder Personaldebatte und jedem Streit in der Koalition. Scheitert Schwarz-Rot, gäbe es Neuwahlen, aus denen die AfD wohl gestärkt hervorgehen würde.
Vor den Wahlen am Sonntag in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin liegen in der Union die Nerven blank. Das ist nach Auffassung des Politikwissenschaftlers Faas auch der Grund für den internen Druck auf Merz. Faas sagt:
In Sachsen-Anhalt hat die Union keinen einzigen Wahlkreis mehr gewonnen, in Mecklenburg-Vorpommern droht sie sogar an der Fünf-Prozent-Hürde zu scheitern. So etwas macht eine Partei nervös, da stehen ja viele politische Karrieren auf dem Spiel.
Thorsten Faas, Politikwissenschaftler
Über das Thema berichtete das ZDF unter anderem in der Sendung "Berlin direkt" am 13.09.2026 ab 19:10 Uhr.
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