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Friday, October 2, 2026

AfD-Fans im eigenen Umfeld: Ihr Deutschland ist nicht mein Deutschland

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Unsere Autorin hat jahrelang versucht, AfD-Fans in ihrem westdeutschen Umfeld zu verstehen – vergeblich. Daher ist jetzt Schluss mit der Einfühlsamkeit.

Z wei Menschen kenne ich, ziemlich gut sogar, die sich mir als AfD-Wähler zu erkennen gaben. Beide zählen zu meinem näheren bis weiteren persönlichen Umfeld. Viele gemeinsame Erlebnisse, Hochs und Tiefs, verbinden mich mit ihnen, und der Einfachheit halber nenne ich sie hier jetzt die AfD-Boys.

Bei den AfD-Boys handelt es sich um zwei erwachsene Männer westdeutscher Herkunft, beide mit einer weitgehend sorgenfreien Mittelschichts-Existenz gesegnet und abseits von jedem Großstadtschmodder wohnend, in beeindruckend „sauberen“ und „sicheren“ Kleinstädten.

Bei dem einen hat mich die Hinwendung zur AfD nicht sonderlich überrascht, so bitter das klingt (ich habe jenen Menschen ansonsten ja recht gern). Bei ihm gehe ich davon aus, dass er sich das 96 Seiten lange AfD-Grundsatzprogramm niemals in Gänze reingezogen hat. Griffige Formeln wie „Remigration“ oder „Alles für die Heimat“ genügen ihm vollkommen, wie mir scheint.

Vor längerer Zeit ist er mal für eine Weile an den Ausläufern einer weltbekannten Psycho-Sekte herumgetänzelt. Für das, was ich „Irrationalitäten“ nenne, war er schon immer ansprechbarer als die meisten anderen Menschen, mit denen ich mich freiwillig umgebe – daher meine nur moderate Überraschung, als er mir erstmals erzählte, wie sehr die AfD ihn anmacht. Etwa zehn Jahre ist das jetzt her.

Die AfD-Boys verstehen versuchen

Im zweiten Fall hat mich das AfD-Bekenntnis mehr erschüttert. Regelrecht umgehauen hat es mich sogar, da jener Boy und ich einst eine Menge Geschmäcker und Ansichten miteinander teilten (oder: bloß zu teilen schienen?). Im ersten Moment hielt ich sein, nun ja, Polit-Geständnis für eine neckische Provokation, einen kleinen Test, wie ich darauf reagieren würde. Aber: Nein – kein Test, kein Scherz. „Deutschland den Deutschen“: Was an diesem Gedanken so verkehrt sei, fragte er mich. Kein anderes Land gebe es im Universum, dessen Bevölkerung sich so dermaßen selbst verachte wie die Deutschen, meinte der Boy.

Zunächst versuchte ich noch, es vor allem tragisch zu finden. Ein Song der Band Die Sterne schoss mir in den Sinn und ging mir dann für einige Wochen nicht mehr aus dem Kopf: „Wo fing das an? Was ist passiert? Was hat dich bloß so ruiniert?“

Bald musste ich aber feststellen, dass dieser AfD-Boy keineswegs ein bemitleidenswerter Verirrter (ergo: vielleicht doch noch irgendwie zu retten) ist, auch kein Protestwähler, sondern ein beinhart Überzeugter. Akademisch gebildet ist er und kennt sich auch in der intellektuellen Hinterzimmerlandschaft der AfD bestens aus, „Schnellroda“ die „Schwarz-Rot-Gold-Akademie“ und so weiter. Nur zu gut weiß er also, worauf er sich da eingelassen hat.

Bei beiden AfD-Boys habe ich mir aufrichtig Mühe gegeben, ihre Standpunkte zu verstehen und ihnen meine zu vermitteln. Verstehen wollte ich, um meine Argumente zu schärfen, mit denen ich dann im nächsten Schritt zum Angriff übergehen wollte. Ohne Gekeife, versteht sich. Zivilisiert, smart, rational.

Du hast halt deine Meinung, ich hab meine. Mehr als das kam am Ende nicht

„Mit Rechten reden“ hieß ein viel diskutiertes Sachbuch, das 2017 erschien, kurz nachdem Boy eins mir seine AfD-Verehrung anvertraut hatte. Besagtes Buch las ich nicht, den Titel fand ich problematisch. Und trotzdem versuchte ich genau das: Mich nicht affektiert, überheblich, besserwisserisch, hypermoralisch aufgeblasen „abzuwenden“, sondern wirklich herauszufinden, wie es dazu kommen konnte, dass die AfD-Boys und ich, die wir allesamt aus derselben sozioökonomischen und alltagskulturellen Suppe stammen, dem westdeutschen Kleinbürgertum, zu so unterschiedlichen Schlüssen kommen konnten.

Einmal besuchte ich AfD-Boy eins in seinem Kleinstadtidyll, wir spazierten durch die blank geputzte Fußgängerzone, die Sonne schien, doch die Mundwinkel des Boys hingen ihm bis unters Kinn. „Hier Pizza, da Döner, da ein Thai – und jetzt auch noch ein Syrien Grill“, greinte er. „Sei doch froh“, sagte ich, „stell dir vor, all diese Läden stünden leer, wie an so vielen anderen Orten.“ Worauf der AfD-Boy bloß zornig schnaufte. „Es verbietet den Deutschen ja keiner, ihre eigenen Lokale zu eröffnen“ oder etwas in der Art sagte ich dann noch. So in etwa gingen sie los, unsere Deutschland-Gespräche.

Der zweite AfD-Boy behauptete, er, ich, „wir alle“ seien in einer „Meinungsdiktatur“ gefangen. Worauf ich das als rechtsextremistisch eingestufte Magazin Compact erwähnte. „Eben! Nancy Faeser hat’s verboten!“, rief der Boy. „Eben“, rief ich zurück, „und das Bundesverwaltungsgericht hat das Verbot gekippt, weshalb du das Blatt ungehindert überall kaufen kannst, während Nancy Faeser längst nicht mehr Bundesinnenministerin ist.“

Verständnislos blickte der AfD-Boy mich mit seinen himmelblauen Augen an. „Legislative, Exekutive, Judikative – checks and balances – und eine freie Presse on top“, sagte ich, „so läuft das nun mal in der liberalen Demokratie, die deine Parteikumpels am liebsten abschaffen würden“, sagte ich.

„Nimm’s mir nicht übel, aber für mich ist das Gespräch hier beendet“, sagte der AfD-Boy.

So oder so ähnlich – auf jeden Fall unbefriedigend – endeten letztlich alle unsere Politikgespräche der vergangenen Jahre.

Normative Ideen gegen emotionales Kapital

Schmerzlich musste ich einsehen: An einem Austausch sachlicher Argumente sind die AfD-Boys nicht interessiert. Fast immer lief es bei ihnen auf diffus wühlende Gefühle hinaus. Exakt so haben die beiden es mir auch bestätigt, jeder auf seine Art. Ums „Deutschsein“ gehe es ihnen vor allem, und das sei in der Tat vor allem ein „Gefühl“: Ungefähr so haben beide es formuliert.

Und selbst an diesem merkwürdig breiigen Punkt wollte ich den Austausch noch ernsthaft und sachlich fortführen. Ich brachte den Habermas’schen Verfassungspatriotismus ins Spiel, als Gegenentwurf zum völkischen Begriff der Nation – doch spätestens an dieser Stelle drehten sich die AfD-Boys nicht nur weg, sie verschränkten auch ihre Arme. „Du hast halt deine Meinung, ich hab meine.“ Mehr als diese erschütternd hohle Nichtaussage kam da am Ende nicht, nicht mal vom akademisch gebildeten AfD-Boy.

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Mittlerweile ahne ich: Mehr ist da womöglich auch gar nicht herauszufinden.

Der Politikwissenschaftler Johannes Hillje bestätigt diesen Eindruck. Auf „emotionalem Kapital“ statt auf „politischen und normativen Ideen“ fuße der Erfolg der Neuen Rechten, schreibt Hilje in seinem Buch „Mehr Emotionen wagen. Wie wir Angst, Hoffnung und Wut nicht dem Populismus überlassen“- Der autoritäre Nationalismus diene seinen Anhängern als „Quelle der Liebe, der Hoffnung, des Stolzes und der Selbstwirksamkeit“.

Schluss mit der Einfühlsamkeit

Nachdem nicht nur viele kluge Leute, sondern praktisch die halbe Republik sich wirklich lange bemüht haben, die Feelings der AfD-Boys und ihrer geistigen Brüder und Schwestern irgendwie nachzuvollziehen und darauf einzugehen („Wahrscheinlich fühlen sie sich nicht gesehen?“), und nachdem auch viele andere Menschen längst das Gleiche festgestellt haben wie ich, nämlich, dass „die Kritik verpufft und all die vielen Sachbücher, in denen die AfD mit allem soziologischen und politikwissenschaftlichen Besteck durchanalysiert wird, nichts bringen“, steige ich jetzt ein für alle Mal aus, aus den Deutschland-Gesprächen mit den AfD-Boys.

Bin ich Psychotherapeutin? Sozialpädagogin? Schluss mit der Einfühlsamkeit. Schluss auch mit stoischer Sachlichkeit. Hiermit erkläre ich zur Abwechslung mal mein deutsches Gefühl zum Mittelpunkt der Welt. Mein Deutschland hat folgenden Satz zuoberst in seine Verfassung geschrieben: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Mein Deutschland erlaubt mir, alles zu sagen, lesen, hören, sehen, schreiben, posten, was nicht gegen jenen ersten Verfassungssatz oder andere gesetzliche Regeln verstößt.

Mein Deutschland hat mich noch nie dumm angemacht, weil kein deutsches Kind aus meinem deutschen Bauch geflutscht ist und wenn sich doch mal jemand beschwert hat, hab ich höflich „Gute Besserung!“ gesagt, das war's.

Mein Deutschland ist ein anderes

Mein Deutschland ist eines „der Auflockerung, des Europäisch-Werdens“, ein Land, das „über Deutschland hinaus Europa will – und zwar ein von der Vernunft regiertes, nicht imperialistisches Europa“, wie Klaus Mann schon 1930 schrieb.

Mein Deutschland ist von folgenden Personen und Orten geprägt: meiner Kindergartenfreundin – ungarische Eltern. Meiner Grundschulfreundin – Tochter eines deutsch-peruanischen Paars. Meinem ersten Pop-Musik-Kumpel – kanadischer Pass. Meiner ersten Liebe – „Gastarbeiter“-Sohn mit sizilianischem Hintergrund. Meiner ersten eigenen „Wohnung“ – ein Untermietzimmer bei zwei Nigerianerinnen in London, wo ich mich so deutsch wie nie zuvor fühlte, was auch daran lag, dass ich als Deutsche beim Tanzen, Flirten, Ausgehen immer wieder mit „Heil Hitler!“ begrüßt wurde (das ist der britische Humor). Und schließlich: meinem heutigen Zuhause – der Weltstadt Wedding, deren Bevölkerung aus ungefähr 150 verschiedenen Ländern stammt.

Sollen die AfD-Boys ihren ranzigen Heimat-Eintopf in welcher Volksgemeinschaft auch immer schlabbern. Ich bin eine linksliberale Globalistin mit kulturbolschewistischen Interessen und hohem feministischen Verseuchungsgrad, fürs Mitschlabbern habe ich keine Zeit.

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