Die Wahrheit: Hidden Champignons im Bäderdreieck

Die Tschechische Woche der Wahrheit: Exklusiv unterwegs mit dem Obojživelné Transrapidy.
Ein intensives Kribbeln breitet sich wellenartig über das Gesicht bis in die Haarwurzeln aus, als Jakub das Turbostrahltriebwerk des Obojživelné Transrapidy, des amphibischen Transrapids, aufheulen lässt.
„Seid ihr bereit?“, fragt der junge und vom Fahrtwind noch frisch zerzauste Guide oder Průvodce, wie er sich mit nur hier in Tschechien zu findendem Graphem über dem u vorgestellt hat. Dann brettert er, ohne auf eine Antwort zu warten, auch schon mit uns davon.
In atemberaubendem Tempo verschwindet nun Marienbad hinter uns, das zusammen mit Franzensbad und Karlsbad im äußersten Westen unseres Nachbarlandes das Westböhmische Bäderdreieck bildet. Seit 2024 nennt jenes eine besondere Art des öffentlichen Nahverkehrs ihr Eigen: Auf schmalen Kanälen transportieren hier elektrifizierte Wasserfahrzeuge bade-, bier- und böhmenbegeisterte Besucher von einem Bad ins andere. Die Obojživelné Transrapidy verbinden außerdem in zehn Minuten eine Stadt mit einem Flughafen – auch wenn es „nur“ Marienbad und „nur“ der Regionalflughafen Franz Kafka sind.
Nur wenige Kilometer voneinander entfernt gibt es zahlreiche Haltestellen. Von dort aus können sich Touristen auf eine Landpartie begeben – oder sich einfach vom bis zu 400 Stundenkilometer schnellen Bootstrip erholen. An der Haltestelle Klatovy II machen wir ein paar Fotos der scherzhaft auch ožehavý problém, heikle Angelegenheit oder heißes Eisen, genannten Boote: Während die für maximal vier Personen ausgelegten Flitzer außen mit coolen Flammen bemalt sind, dominiert im Innenraum stilvoller Schaumstoff. Stolz sehen sie aus, wie sie hier in der Nachmittagssonne liegen. Die schweren Turbinen am Heck drücken den leichten Bug bei Stillstand immer ein gutes Stück gen Himmel.
Malerische Märchenlandschaft
Mit genügend Fotos auf der Rolle rasen wir weiter durch eine malerische Märchenlandschaft, wie sie sich selbst die Gebrüder Grimm nicht von anderen hätten ausdenken lassen können. Vor der Kulisse des Böhmerwaldes wechseln sich herbstlich gefärbte Mischwälder ab mit vorbeiwischenden Dörfern, Burgen und Weinbergen. Der längst mit allen hier fließenden Wassern gewaschenen Guide Jakub steht währenddessen still am Bug. Er betrachtet die in die Gegend gesprenkelten Industriegebiete.
„Hier überall Hidden Champignons“, versucht er sich an einem Wortwitz – beim Blick auf ein prächtiges Stück Wald nebst Werkshalle. „Wie in Deutschland, tschechst du?“
Nach einer scharfen Kurve thront plötzlich das riesige Denkmal eines Bergmanns über uns. „Siehst du?“, fragt Jakub in leidlich gutem Deutsch, in das er gern Jugendsprache einbaut. „Ist Tscheche Zollverein.“
Dieser ehemalige Bergmann, eine Art böhmischer Krupp, habe erst die Kohle- und Eisenförderung in der Region entwickelt und dann die Grundlagen dafür geschaffen, dass der Abbau von Rohstoffen in anderen Ländern bis heute das Rückgrat des hiesigen Auto- und Maschinenbaus ist. „Fast wie in Deutschland, tschechst du?“
Wenige nautische Meilen später fahren wir in Karlsbad ein, der letzten Station unserer Bädertour. Hier will Jakub unsere noch flauen Mägen mit landestypischer Kost versöhnen. Im „Motýl“, zu Deutsch Schmetterling, einem rustikalen und mit für ein Binnenland unerwartet viel nautischem Nippes eingerichteten Brauhaus, herrscht Andrang.
Während einige Speedboot-Touristen die von der Fahrt in ihren Haaren verfangenen Fische frisch zubereiten lassen, führt Jakub uns zu einem Tisch in der Ecke. Er bestellt Vepřo-knedlo-zelo und Černá Hora, während wir lieber bei Schweinebraten mit Knödeln, Sauerkraut und einem Pils bleiben. Als der Kellner die Essen dann in Modelschiffchen und mit einem freundlich geschmetterten „Zweimal Fleisch mit Knödel und Bier“ an den Tisch bringt, zwinkert Jakub uns zu: „Tschechst du?“.
Auf der halsbrecherischen Nachtfahrt zurück nach Marienbad überdenken wir schließlich ein letztes Mal nicht nur unser Leben, sondern auch den Obojživelné Transrapidy, den amphibischen tschechischen Transrapid. Und beginnen endlich alles ein klein bisschen zu tschechen.
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