Nachruf auf Dafroza Gauthier: Ein ruandische Kämpferin für Gerechtigkeit

Dafroza Mukarumongi-Gauthier brachte Verantwortliche für Ruandas Völkermord an den Tutsi vor Gericht. Sie starb mit 72 Jahren.
Foto: reuters
Wer sich mit der Aufarbeitung des Völkermordes an den Tutsi in Ruanda beschäftigt, kommt an Dafroza und Alain Gauthier nicht vorbei. Ihre Rechtshilfeorganisation „Collectif des parties civiles pour le Rwanda“ (CPCR) spürt seit 2001 in Frankreich unermüdlich flüchtige Völkermordtäter auf, um sie vor Gericht zu bringen, und tritt dann als Nebenkläger in Vertretung der Überlebenden auf.
Dafroza Mukarumongi-Gauthier und ihr französischer Ehemann haben ihr Leben der Suche nach Gerechtigkeit für Ruandas Tutsi gewidmet. Geboren 1954 im Süden Ruandas als jüngste Tochter in einer großen Familie auf dem Land, erlebte sie als kleines Mädchen die ersten Pogrome gegen Tutsi in den Jahren ab 1959, als Hutu-Revolutionäre die junge Republik Ruanda gründeten. Ihren Hügel Rwamiko musste die Familie verlassen, nachdem der Dorflehrer mit einer Axt geköpft wurde.
Später, erinnerte sich Dafroza, brauchte sie als Tutsi-Mädchen Passierscheine, wenn sie mit dem Bus zur Oberschule in der Hauptstadt Kigali reiste. Endgültig zog sie im Alter von 19 Jahren aus Ruanda fort, erst nach Burundi, später nach Frankreich, wo sie den Missionar Alain Gauthier heiratete, den sie bereits in Ruanda getroffen hatte.
Als Dafroza im Februar 1994 zum letzten Mal ihre Mutter in Kigali besuchte, war die Gewalt gegen Tutsi schon allgegenwärtig. Ihre Mutter drängte sie, wieder zu gehen. Am 8. April 1994 wurde die alte Frau mit zwei Schüssen in den Rücken erschossen, am Fuß der Treppe einer Kirche in Kigali, in der viele Tutsi zu Beginn der organisierten Massaker am Vortag Schutz gesucht hatten und wo an diesem Morgen Hutu-Milizionäre in Armeebegleitung einfielen.
Eine Million Tote in 100 Tagen
Knapp eine Million Tutsi wurden in 100 Tagen von der Armee und Milizen der damaligen Hutu-Regierung systematisch getötet, bevor eine Tutsi-Guerillaarmee die Macht ergriff und den Genozid beendete. Viele Täter flohen über die Grenze nach Kongo, viele verantwortliche Politiker nach Europa – besonders nach Frankreich.
Weil die französische Justiz Auslieferungsgesuche der neuen Tutsi-geführten Staatsmacht Ruandas immer ablehnte, wurden die Gauthiers selbst tätig. Sie gründeten das CPCR, um „moralisch und finanziell alle zu unterstützen, die gegen mutmaßliche Völkermörder Anklage erheben wollen“, wie die gemeinnützige Gruppe ihre Mission definiert. Sie ermittelten flüchtige Täter in Frankreich, sammelten in Ruanda Aussagen von Überlebenden und übergaben ihre Erkenntnisse der französischen Staatsanwaltschaft.
Sehr zögerlich nahm sich Frankreichs Justiz der Sache an, erst 2014 gab es den ersten Prozess. Immerhin: 40 Namen umfasst die aktuelle CPCR-Liste der auf diese Weise der Justiz zugeführten ruandischen Täter. Aber 100 seien noch übrig, stellte Gauthier vergangenes Jahr ernüchtert fest.
„Die Tutsi starben nicht ruhig und friedlich“, sagte Dafroza vor wenigen Jahren in Paris vor Gericht. „Sie starben in grausigem Leid, verhungert, verdurstet, erniedrigt, geköpft, lebendig verbrannt, zur Strecke gebracht wie Wildtiere. Ihre zerhackten Körper wurden halb lebend, halb tot in riesige Löcher geworfen, Latrinen, Flüsse, von Hunden und wilden Tieren gefressen.“ 2004 wurde dort, wo ihre Mutter starb, ein Massengrab ausgehoben. Nur zwei Leichen konnten identifiziert werden. Dafroza selbst konnte nur einen Armreif und eine Kette nach Hause mitnehmen. Kein Mitglied der Familie ihrer Mutter hat überlebt, es gibt keine Stätte, um ihrer zu gedenken, so Dafroza vor Gericht. „Unsere Herzen sind ihre einzigen Gräber.“
Jetzt wird Dafroza Mukarumongi-Gauthier selbst zu Grabe getragen. An Krebs erkrankt, zuletzt im Krankenhaus, ist sie 72-jährig am 3. Oktober im französischen Reims gestorben. Ihre Familie setzt ihren Kampf fort – für Gerechtigkeit, gegen das Vergessen und die Gleichgültigkeit.
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Von Marie-Claude Bianco
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