Radikalstes Auto der Neuzeit : Weltpremiere: Mit dem abgedrehten Jaguar Type 01 beginnt die Stunde null

Radikalstes Auto der Neuzeit Weltpremiere: Mit dem abgedrehten Jaguar Type 01 beginnt die Stunde null
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Da ist er! Endlich! Der Jaguar, auf den manche Fans gewartet haben, den andere wiederum bereits vor seinem Debüt ablehnten, scheußlich fanden oder sogar totsagten. Dabei ist diese neue Oberklasse einfach nur extrem oder mutig. Oder extrem mutig.
Jetzt zieht Jaguar endlich das Tuch von dieser extrem verrückten Limousine, auf die, nein, Moment - eben nicht alle gewartet haben. So schade, dass die Vorkommunikation ihr Ziel vielleicht nicht unbedingt erreicht haben könnte. Nämlich jenes, die Fans extrem neugierig zu machen, statt sie eben extrem abzuschrecken.
Man kann das Adjektiv "extrem" hier nicht häufig genug verwenden, doch es ist eben wirklich alles extrem. Von der zugegeben etwas woken Kampagne mit einem Concept als Protagonisten in babyblauer und pinkfarbener Mattlackierung über das geradezu irre Design des Serienfahrzeugs bis hin zur Technik. Doch der Reihe nach.
Die Kreativen müssen es kaum ausgehalten haben, bis sie der Welt endlich zeigen durften, was die Jaguar-Internen schon die ganze Zeit gepredigt hatten: "Das Serienmodell wird aussehen wie das Concept!" - und sie hatten recht. Es sieht aus wie die Studie. Vielleicht nicht eins zu eins, und es ist ja auch gar kein Coupé. Aber in seiner Radikalität steht das Production Car dem Show Car tatsächlich nicht nach. Überhaupt nicht. Vor allem Front und Heck sind einfach nur verrückt, insbesondere aber das Hinterteil mit seiner abgedrehten Lamellenoptik. Dazu kommt die Gürtellinie, sie ist quasi die ganze Fensterlinie entlang als Plateau ausgeführt und verbreitert sich in Richtung C-Säule noch einmal.
Klingt kompliziert? Am besten selbst einen Blick draufwerfen. Und dann wäre da ja noch die schicke fließende Dachlinie! Auf eine Heckscheibe verzichtet der Brite übrigens gänzlich. Eine Kühlerfigur gibt es ebenfalls nicht mehr, der Leaper prangt eingraviert unten an den Seiten im Bereich der vorderen Kotflügel auf markanten Elementen in einer Messingoptik. Und natürlich muss der Oberklässler auf 23-Zöllern stehen, wobei 21-Zoll-Räder optional ebenfalls geliefert werden. Den Jaguar Type 01 als das verrückteste Auto der letzten Jahrzehnte zu bezeichnen, ist sicherlich keine Übertreibung.
Warum kann Jaguar erst jetzt cool sein?
Und dann ist da noch eine eigentlich etwas traurige Sache. Jaguar hat in den letzten 20 Jahren oder vielleicht sogar noch länger immer darunter gelitten, im Schatten von Land Rover zu stehen. Bekam der Range Rover das tolle Design und den extravaganten Innenraum, musste sich der XJ mit Durchschnittsware begnügen, von XF oder XE ganz zu schweigen. Aber jetzt ist es anders!
Plötzlich hat der Jaguar ein Interieur, als hätten die Kreativen einen Designwettbewerb zu gewinnen. Und ja, das ist natürlich Geschmacksache, aber diese reduzierten Oberflächen sehen schon fein aus. Und die Materialien sind es überdies auch. Ein stylish gestaltetes Lenkrad plus eigenwillig gezeichnete Lenksäulenhebel runden den Eindruck ab.
Dagegen sieht der große Hauptscreen fast ein wenig langweilig aus; er wird unterstützt durch ein kleineres tabletartiges Bedienelement vorn im Bereich der Mittelkonsole, die durchgängig bis in den Fond hineinläuft. Wie man am Ende mit den Funktionalitäten klarkommt, muss sich noch herausstellen.
Die zwar etwas zierlich wirkenden, allerdings sich keinesfalls so anfühlenden Sessel machen bei der ersten Sitzprobe einen soliden Eindruck und geben ein langstreckentaugliches Bild ab. Hinten sitzt man loungeartig und gleichzeitig luftig mit viel Beinfreiheit.
Doch was steckt eigentlich unter dem Jaguar-Blech? Drei dicke Permanent-Synchronmotoren beispielsweise - einer an der Vorderachse mit 353 PS sowie jeweils ein 421 PS starkes Aggregat pro Hinterrad. Macht gemeinsam nicht weniger als 1030 PS und vor allem 1365 Newtonmeter Drehmoment. Das ist genug Schmalz, um den 5,24 Meter langen Designer-Hobel binnen 3,2 Sekunden von 0 auf 100 km/h zu beamen. Ein Zwischenspurt von 100 auf 180 km/h soll laut Werk innerhalb von bloß vier Sekunden vonstattengehen. Bei 250 km/h ist Schluss.
Die WLTP-Reichweite beziffern die Techniker mit 720 Kilometern. Und das Aufladen der 118 kWh großen Batterie soll dank 850-Volt-Umgebung 22 Minuten dauern (10 bis 80 Prozent). Klingelt etwas? Die beiden Range Rover machen es in der gleichen Zeit. Ja, hier könnte man jetzt Kritik anbringen - das müsste eigentlich heute doppelt so schnell gehen. Aber hey, dieses Argument fegt der Gran Turismo mit seiner Präsenz einfach weg, zumal diese Ladezeit nüchtern betrachtet handzuhaben ist in der Praxis.
Der neue Jaguar kann jedoch nicht nur dynamisch und schön sein, sondern auch alltagstauglich. So besticht er durch einen übersichtlich kleinen Wendekreis von bloß 11,5 Metern - Allradlenkung macht es möglich. Und das vielleicht wegen der flachen Silhouette im Heckbereich eher maue Kofferraumvolumen von 450 Litern lässt sich durch Umlegen der Rücksitze auf 1000 Liter erweitern. Und die üblichen Oberklasse-Features finden sich in diesem Briten selbstverständlich ebenfalls. Demnach ruht das sportliche Chassis mit 50:50-Gewichtsverteilung auf Luftfederbälgen. Nächtliche Straßen werden außerdem mit der Hilfe von Pixel-LED-Scheinwerfern (17.000 Pixel pro Leuchteinheit) erhellt.
Die Preise starten ab 165.000 Euro, bestellt werden kann der Type 01 ab Anfang 2027. Ob Jaguar mit seinem verrückten Hingucker einen Volltreffer landet oder nicht, das bleibt einstweilen die große Überraschung. Zu wünschen wäre es der Traditionsmarke aber.
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