Zürich unter Druck – Verliert Zürich als Wirtschaftsstandort den Anschluss?

Erst verlässt die Bank Vontobel die Stadt Zürich, kurz darauf die Cembra Money Bank. Die Stadt verliert wichtige Steuerzahler und Arbeitsplätze. Gleichzeitig baut der Medizintechnikkonzern Zimmer Biomet in Winterthur Hunderte Stellen ab, auch bei Burckhardt Compression fallen Arbeitsplätze weg.
Die Fälle haben unterschiedliche Ursachen, werfen aber dieselbe Frage auf: Verliert der Wirtschaftsstandort Zürich für Unternehmen an Attraktivität? SRF-Wirtschaftsredaktorin Charlotte Jacquemart beantwortet die wichtigsten Fragen zur Entwicklung des Wirtschaftsstandorts Zürich.
Charlotte Jacquemart
Wirtschaftsredaktorin
Charlotte Jacquemart hat an der Universität Zürich Ökonomie studiert und arbeitet seit Juni 2017 als Wirtschaftsredaktorin bei Radio SRF. Zuvor war sie 13 Jahre lang bei der «NZZ am Sonntag» tätig.
Geht es um unabhängige Einzelfälle oder um einen Trend?
Grundsätzlich sind die Fälle unterschiedlich. Es gibt aber bei den Gründen für den Stellenabbau oder den Wegzug durchaus Parallelen. Und wenn im Wochentakt solche Meldungen kommen, muss man sich fragen, ob daraus ein Trend wird. Das Problem ist, dass Unternehmen bei solchen Entscheidungen jeweils nur einen Teil der Wahrheit öffentlich kommunizieren und andere Gründe für sich behalten. Deshalb ist die Frage, ob es sich um einen Trend handelt, nicht einfach zu beantworten.
Welche Faktoren spielen bei einem Wegzug eine Rolle?
Bürokratische Hürden spielen eine Rolle, aber auch Verfügbarkeit und Kosten von Büroflächen. Dazu kommen die Löhne, die Verfügbarkeit von qualifizierten Mitarbeitenden, die Verkehrsanbindung und die Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Auch die Gewinnsteuern sind ganz sicher ein wichtiger Faktor, selbst wenn Unternehmen steuerliche Überlegungen öffentlich kaum je kommentieren. Erfahrungsgemäss sind die Steuern aber selten der einzige Grund für einen Wegzug. Meist spielen mehrere Faktoren zusammen.
Wie gross sind die steuerlichen Unterschiede zu Zürich?
Das hängt von der jeweiligen Gemeinde ab, kann aber beträchtlich sein. In Baar ZG, wohin Vontobel zieht und wo Zimmer Biomet bereits 2020 seinen Europasitz angesiedelt hat, beträgt die Gewinnsteuer rund 12 Prozent. In der Stadt Zürich liegt sie bei 19.5 Prozent. In Baden AG, wohin Cembra zieht, sind es rund 15 Prozent. Diese Unterschiede machen viel aus. Die Unternehmen können mit einem Umzug zweistellige Millionenbeträge sparen. Hinzu kommt, dass oft auch andere Kosten tiefer sind, etwa Mieten oder Infrastrukturkosten.
Wie ernst muss die Stadt Zürich diese Entwicklung nehmen?
Ernst nehmen auf jeden Fall. Schliesslich verliert eine Stadt Steuereinnahmen, während die Infrastrukturkosten hoch bleiben. Die grösste Gefahr liegt darin, dass andere Firmen nachziehen könnten. Sie könnten sich sagen: Wenn grosse Unternehmen ihre Sitze in Kantone rund um Zürich verlegen, prüfen wir das ebenfalls. Das könnte dazu führen, dass der Wegzug aus den Zürcher Städten zum Trend wird.
Sollte der Kanton Zürich die Gewinnsteuern senken?
Die Gewinnsteuern sind im schweizweiten Vergleich tatsächlich hoch. Aber wie erwähnt: Nur wegen der Steuern zieht kaum ein Unternehmen weg. Themen wie Verkehrsprobleme, sehr hohe Mieten, fehlende Flächen oder bezahlbarer Wohnraum für Mitarbeitende sind mindestens genauso wichtig. Und gerade bei diesen Themen können Städte oft nicht kurzfristig handeln.
Man kann sich aber auch fragen, ob es nicht sogar Vorteile hat, wenn die heute stark belasteten Zentren etwas entlastet werden und sich Unternehmen stärker auf die Regionen rund um Zürich verteilen. Dort könnten Mitarbeitende teilweise näher am Arbeitsort wohnen und müssten weniger pendeln.
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