Neues Sachbuch – «Von Fitness zu Faschismus»: Wie Kampfsport Männer radikalisiert

Es gibt derzeit ein paar Themen, die lassen sich besonders gut erzählen, weil sie sowieso schon debattendurchtränkt sind. Handelt eine Geschichte von Fitnesswahn und männlicher Gewalt, kann sie Bestsellerpotenzial haben. So ist es mit dem neuen Sachbuch «Von Fitness zu Faschismus» der österreichischen Extremismusforscherin Julia Ebner geschehen.
Ebner hat bereits einige Bücher über Radikalisierung geschrieben. Sie interessiert sich für die Wut, die hinter der Gewalt steckt. Diesmal fragt sie, warum der Ansturm auf Gyms und Kampfsport zu immer gewaltbereiteren Männern führt.
Uralte Mythen
Die Idee ist recht alt: Schon in der Antike wurden im Ring oder beim Schwertkampf Männlichkeitsmythen geprägt. Doch Stress, Mangel und Statuskonkurrenz liessen die Gewalt in unserer instabilen Gegenwart weiter eskalieren – und das schade uns allen. Soweit Ebners These.
Sie stützt diesen Befund mit zahlreichen Beispielen toxischer Männergruppen, die in den vergangenen Jahren für Entsetzen sorgten: Drogenbanden in Marseille, Trumpsche ICE-Agenten, Influencer, die Frauen das Wahlrecht entziehen wollen oder Männerforen, in denen Frauen mit KI-Tools erniedrigt werden. Der Bogen ist gross und so ganz frisch ist diese Zeitdiagnose nicht.
Doch Ebner hat sich auch als Investigativreporterin einen Namen gemacht. Wir folgen ihr: Mit einem Taxifahrer geht es durch Minneapolis vorbei an vermummten ICE-Beamten, dann zu einer «UFC Fight Night» in London, bei der Männer so lange brutal aufeinander einschlagen, bis einer reglos liegen bleibt. Und in Ostdeutschland führt sie uns ans «Schild und Schwert»-Festival, wo 200 Neonazis Wrestlern aus ganz Europa beim Kämpfen zujubeln.
Indem wir tief in Ebners Undercover-Recherchen eintauchen, nähern wir uns diesen Männerkreisen vorsichtig, beobachtend und beinahe empathisch. Allen gemein ist, dass sie in der Gewalt nach neuen Leitbildern suchen: Wie werde ich wieder ein echter Mann?
Julia Ebner: «Von Fitness zu Faschismus. Gefahren extremer Männlichkeit». Suhrkamp, 2026.
Besonders deutlich wird das in sogenannten «Active Clubs», die weltweit Zulauf finden. So auch in der Schweiz. Ebner spricht von einem neuen «weissen Nationalismus». Über den Kampfsport würden junge Männer angelockt und mit rechtsextremem Gedankengut indoktriniert. Eindrücklich zeigt sie, wie stark männliche Identität über körperliche Stärke definiert wird – und wie schnell diese Fixierung in gefährliche Ideologien kippen kann.
Neue Vorbilder
Als Leiterin des Violent Extremism Lab an der Universität Oxford wird sie oft in Schulen eingeladen, um über Risiken der Online-Radikalisierung zu sprechen. Nach einem Vortrag fragte ein Junge: «Wie sollen wir diesem Content aus dem Weg gehen, wenn er auf allen Plattformen in unseren Feeds erscheint?» Durch Ebners Arbeit erfahren wir einmal mehr, wie radikalisierte Männerbilder bereits zum Alltag vieler Jugendlicher gehören.
Stark ist das Buch, das sie ihren zwei Söhnen widmet, auch am Schluss. «Junge Männer brauchen starke, positive Vorbilder», schreibt sie und präsentiert erfolgreiche Bildungs- und Sportangebote.
Sie müssen lernen, dass Stärke nichts mit Dominanz zu tun hat. Als passionierte Kickboxerin verbrachte Ebner einige Zeit in einem Kung-Fu-Tempel. Dort lernte sie Resilienz, Demut und Selbstbeherrschung. Sie wünscht sich, dass mehr Männer diese Werte vorleben.
Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 16.10.2026, 17:10 Uhr
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